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«Vor der Aare habe ich Respekt»

Von Annina Hasler. Aktualisiert am 23.08.2010

Minna Däpp hat ihren Mann im Erasmus-Austauschjahr kennen gelernt. Seit drei Jahren lebt die Finnin nun bei ihm in Bern. Vor vier Monaten ist Sohn Emil zur Welt gekommen. Zu schaffen gemacht hat ihr die formale Höflichkeit.

Minna Däpp liebt den Rosengarten: Mit Sohn Emil und Besuch aus Finnland geht sie oft dorthin.

Minna Däpp liebt den Rosengarten: Mit Sohn Emil und Besuch aus Finnland geht sie oft dorthin.
Bild: Beat Mathys

Eher zurückhaltend seien sie, die Finnen, und distanziert, sagt Minna Däpp. Bei ihr selber ist nichts von einer nordischen Kühle zu spüren. Voller Energie und immer mit einem Lachen auf den Lippen erzählt die 27-Jährige von ihrer zweiten Heimat Bern. Mit den schweizerischen Begrüssungsritualen hatte sie in den ersten Monaten ihre liebe Mühe: «Ich verstand nicht, wer wen wann und wie begrüsst. In Finnland begrüsst man die engsten Freunde mit einer Umarmung, Küsse gibt man sich nur als Paar», erklärt Minna. Ihr Mann, ein Berner, habe gesagt, sie werde selber spüren, das ergebe sich einfach so. «Ich spürte es nicht», sagt Minna. Doch seit sie die Sprache beherrsche, sei auch die Begrüssungszeremonie klarer geworden.

Der Umzug nach Bern

2005 reiste die Kommunikationsstudentin aus Kerava, einem Vorort von Helsinki, mit dem Erasmus-Austausch-Projekt nach Schweden. Dort begegnete sie einem Berner Studenten und lernte ziemlich schnell, was «Ich liebe dich» auf Deutsch heisst. Nach dem Abschluss ihres Studiums zog Minna 2007 nach Bern und schloss die Hauptstadt bald in ihr Herz. «Ich fühlte mich schnell zu Hause hier, vielleicht auch weil der Klang des Schweizerdeutschen mich an die finnische Sprache erinnerte.» Minna mag die alten Gebäude der Stadt. Und vor der Aare habe sie ziemlich Respekt.

Emil, das Erasmus-Kind

Trotzdem: Im ersten Jahr vermisste Minna ihre Heimat. Sie hatte das Gefühl, in Finnland wäre vieles einfacher für sie. Sie zog nochmals nach Helsinki für sechs Monate und arbeitete dort in der Kommunikationsbranche. Doch zu Hause realisierte Minna, dass es nun ihr Liebster und seine Heimat waren, die ihr fehlten, und sie entschloss sich, endgültig in die Schweiz zu ziehen: «Wir diskutierten lange, ob ich nach Bern ziehen sollte oder er zu mir nach Finnland.» Weil Minna aber bereits einen Anfang in Bern gewagt hatte, entschied sich das Paar gemeinsam für die Schweiz. Seit April sind Minna und ihr Mann Eltern eines kleinen Jungen, Emil, eines «Erasmus-Kindes», wie die Finnin scherzhaft erklärt. In diesem Moment wacht Emil auf, und Minna flüstert ihm beruhigende Worte ins Ohr. Auf Finnisch, natürlich. «Unser Sohn wird zwei Weltsprachen lernen, Schweizerdeutsch und Finnisch», sagt sie lachend.

In Finnland duzt man sich

Im Moment arbeitet Minna als Finnischlehrerin. Sie möchte aber bald wieder in der Kommunikationsbranche arbeiten. «Es ist nicht einfach, eine Stelle zu finden, weil Deutsch nicht meine Muttersprache ist.» Finnisch ist, auch wenn die Aussprache der Buchstaben praktisch dieselbe ist wie im Deutschen, eine der wenigen Sprachen Europas, die nicht indoeuropäisch Ursprungs ist und sich in der Grammatik stark unterscheidet vom Deutschen. So hat Finnisch 16 Fälle. Geduzt werden alle, auch Chefs und Fremde.

Minna findet die Schweizer enorm höflich. Am Anfang war ihr das fast zu viel. Trotzdem, Mentalität und Kultur von Finnland und der Schweiz seien sehr ähnlich, so Minna. «In Finnland wirken die Menschen vielleicht manchmal ebenso distanziert auf die Schweizer.»

Ein Gegengewicht findet sie in Bern im Jazzdance-Unterricht. «Mir fällt immer wieder auf, wie international die Tanzsprache ist. Die Lehrerin hier verwendet dieselben Bezeichnungen wie die Choreografen in Finnland.»

Weihnachten in Finnland

Mindestens zweimal im Jahr reist die kleine Familie in die Heimat von Minna. Meistens an Weihnachten: «Ihr Schweizer könnt nicht so gut Weihnachten feiern», findet sie. In Finnland sei alles viel traditioneller: «Alle essen eine Art Auflauf mit Gemüse, Reis und Fleisch. Am 24.Dezember, um zwölf Uhr mittags, wird in der Stadt Turku eine Art Friedensdeklaration ausgerufen. Alle Finnen gucken sich das im Fernsehen an. Ab da darf man niemanden mehr anrufen.»

Finnische Gäste führt Minna oft in den Rosengarten. «Dort hat man einen tollen Ausblick auf die Stadt.» Seit Emil auf der Welt ist, verbringt sie noch mehr Zeit dort. Damit «mummi» und «ukki», Oma und Opa in Kerava, den kleinen Emil aufwachsen sehen, ruft sie sie fast täglich per Videotelefon an. Ein Mausklick genügt – und Minna ist wieder in Finnland. (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.08.2010, 09:13 Uhr

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