Sie wollte aus Deutschland raus
Von Hannah Einhaus. Aktualisiert am 16.10.2009
Gut eingelebt: Insel-Ärztin Kristina Lössl erklärt, wie und warum sie sich gut einleben konnte. (Bild: Urs Baumann)
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Trotz der hochkomplexen Architektur des Inselspitals ist Kristina Lössl leicht zu finden. Eine rote Linie von der Eingangshalle in den Trakt der Polikliniken führt die Suchenden durch grell beleuchtete, lange weisse Gänge, an Kittelträgerinnen und -trägern vorbei, immer weiter. Der Weg zur stellvertretenden Chefärztin der Polyklinik für Radio-Onkologie ist lang, dank der roten Linie aber – und das ist ein Wort, dass Kristina Lössl gerne braucht – unkompliziert. Im Sommer 2005 trat sie hier ihre Stelle an. Drei Monate dauerte es vom ersten Bewerbungsmail bis zum Stellenantritt, inklusive Vorstellungsgespräch, Arbeitsvertrag und Aufenthaltsbewilligung. Das Haus in einer modernen Siedlung in Bolligen mit Alpensicht fand sie übers Wochenende. «Am Freitag schauten wir das Haus an, am Montag war alles unterzeichnet, auch die Hypothekarverträge mit der Bank.»
Mehr Eigenverantwortung
Warum ausgerechnet Bern? «Ich wollte mit meiner Familie in erster Linie aus Deutschland raus», begründet die Ärztin aus Bremen ihren Exodus. «Viele Patienten dort tragen keine Eigenverantwortung, sondern benehmen sich wie in einer Hängematte mit der Haltung ‹Arzt und Staat werdens richten›.» Da werfe man einer Frau einen Taxigutschein nach, damit sie zur Bestrahlung kommt, obwohl sie besten Fusses ist. «Hier bemüht sich ein 80-Jähriger gewissenhaft um die besten Verbindungen mit dem Poschi», sagt sie mit einer Portion Bewunderung. Sie habe sich nach freien Stellen umgeschaut, die es bei einem so stark spezialisierten Gebiet wie der Krebsbestrahlung nicht in rauen Mengen gibt. Und so kam sie nach Bern. «Ich habe es seither an keinem Tag bereut.» Spielte der Lohn eine Rolle, wie man oft hört? «Nein,» erwidert sie lachend, «wirklich nicht.» Sie verdiene zwar mehr, arbeite in der Routine aber 55 bis 60 Stunden pro Woche. «In Deutschland waren es unter 40 Stunden, und ich hatte tiefere Lebenskosten.»
Ein Ort für Familien
Was Kristina Lössl hier schätzt, ist die Qualität im weitesten Sinn. Frische Früchte und Gemüse in Coop oder Migros seien einiges besser als in ähnlichen Geschäften in Deutschland. «Dafür zahle ich gerne etwas mehr», sagt sie. Kulturell habe Bern mehr zu bieten als eine deutsche Stadt in gleicher Grössenordnung und sei zudem eine wunderschöne Stadt mit fantastischem Blick in die Alpen. Vom klassischen Image der langsamen Berner hält sie nichts. «Das gilt höchstens fürs Bähnli am Morgen von Bolligen nach Bern», schmunzelt sie. Es herrsche eine entspannte Atmosphäre, die aber nichts mit Trägheit zu tun habe.
«Ich erlebe Bern als ausgesprochene Familienstadt», sagt die Mutter eines 9-jährigen Sohnes und einer 4-jährigen Tochter. «Als ich früher mit dem Kinderwagen unterwegs war, wurde ich hier nie als Hindernis empfunden.» Die Betreuungsangebote seien besonders gut ausgebaut, und Väter mit Kindern seien hier keine Exoten. «Als einziger Vater auf dem Spielplatz hatte mein Mann in Deutschland seine Mühe, hier nimmt man das gelassen, wie man eben in Bern insgesamt jedem seine Individualität lässt.»
Deutsch ist nicht deutsch
Was ihr bis heute zu schaffen macht, ist das Bärndüütsch, vor allem zu Hause. In den dreieinhalb Jahren, seit die Familie Lössl hier wohnt, haben ihre Kinder voll auf Dialekt umgeschaltet. «Wenn sie untereinander schnell reden, muss ich angestrengt zuhören. Ihre Grosseltern in Deutschland verstehen sie gar nicht mehr.» Dank der medizinischen Fachausdrücke habe sie es im Spital einfacher. Der hohe Anteil deutscher Ärzte in der Polyklinik für Radio-Onkologie machts wohl auch aus: Drei von sechzehn sind Schweizer, darunter der Chefarzt. Mehr als die Hälfte des Teams kommt aus Deutschland. Das entspreche nicht dem Durchschnitt, sondern es gebe in der Schweiz einfach kaum Spezialisten auf dem Gebiet der Radio-Onkologie. Ein einziges Mal gab es Sprachprobleme mit einem Patienten. «Bei Gesprächen mit Patienten brauchte ich am Anfang vereinzelt eine Übersetzung, aber die allermeisten stellen von sich aus auf Hochdeutsch um.»
Keine Rückkehr
Kristina Lössl hat sich mit ihrer Familie eingelebt und sieht keinen Grund zur Klage, auch wenn man sie mehrfach danach fragt. Schweizerdeutsch werde und könne sie nie sprechen, aber: «Man muss sich einfach anpassen.» Die bunte Mischung aus in- und ausländischen Akademikern und aufgestellten, liberalen Schweizer Familien im Bolliger Neubauquartier habe dies sicher vereinfacht. Und Heimweh? «Nein. Deutschland ist Vergangenheit», antwortet sie energisch. «Eine Rückkehr stand in diesen dreieinhalb Jahren nie zur Diskussion.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 16.10.2009, 12:38 Uhr
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