«Niemals dieselben Freiheiten»
Nora Julien ist durch und durch Bernerin, die Soziologin hat aber väterlicherseits afrikanische Wurzeln. (Bild: Najia Schweizer)
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Nora Julien spricht ein breites Berndeutsch, ihre Sprache verrät nichts über ihre afrikanischen Wurzeln. Die 23-jährige Soziologin kam in der Heimat ihres Vaters, in Mosambik, zur Welt. Noras Mutter reiste Anfang der Achtzigerjahre in das afrikanische Land, um bei einem landwirtschaftlichen Entwicklungsprojekt mitzuarbeiten. Dort lernte sie ihren zukünftigen Mann, einen Kinderarzt, kennen. Die beiden heirateten.
1985 kam Nora in Mosambik zur Welt. Obwohl die Familie von Noras Vater zur Oberschicht gehörte, war das Leben im Land, in dem seit langem Bürgerkrieg herrschte, nicht einfach. Als Nora zwei Jahre alt war, zog die Familie in die Schweiz. Zwei Jahre später trennten sich die Eltern. Nora blieb bei ihrer Mutter.
Entführung nach Mosambik
Bei einem seiner wöchentlichen Besuche fuhr Noras Vater mit seiner Tochter an den Flughafen. Er hatte ihren mosambikanischen Pass in der Tasche. Damit schleuste er Nora durch die Kontrollen und flog mit ihr, ohne das Wissen ihrer Mutter, in seine Heimat. Die Frau hatte fast vier Monate lang keine Ahnung, ob sie Nora je wieder würde zurückholen können. Nora ging während diesen Monaten in Maputo in die Kinderkrippe und sprach bald nur noch Portugiesisch. Ihre Erinnerungen an diese Zeit sind verschwommen. «Das Einzige, an das ich mich erinnern kann, ist die Rüeblisuppe, die wir jeden Mittag essen mussten und die ich nicht mochte», lacht sie.
Die Mutter holt sie zurück
Die junge Frau spricht offen über diesen Lebensabschnitt. Sie betont, dass sie sich an keine Details der Entführung erinnern kann. «Ich war zu jung, um zu verstehen, was mit mir passierte. Er war mein Vater, ich vertraute ihm.» Während Monaten bemühte sich Noras Mutter um eine legale Rückholung ihrer Tochter. Dies stellte sich bald als aussichtsloses Unterfangen heraus. Die bürokratischen Angelegenheiten in Mosambik dauerten ewig. Schliesslich gab die Bernerin ihren Versuch auf, Nora via Behörden nach Hause zu holen. Mit Hilfe einer privaten Rückführungsorganisation flog sie in einem kleinen Privatflugzeug nach Mosambik und holte ihre Tochter bei Nacht und Nebel nach dreieinhalb Monaten in die Schweiz zurück.
Zwei Jahre lang hatte Nora keinen Kontakt mit ihrem Vater. Schliesslich durfte der Mosambikaner seine Tochter einmal im Jahr beaufsichtigt besuchen. Noras Mutter wollte ihrer Tochter ein möglichst normales Verhältnis zum Vater ermöglichen.
Letzte Ehre erwiesen
Nora war 12 Jahre alt, als ihr Vater aus bis heute unbekannten Gründen in ein irreversibles Koma fiel. Als er nach fast zehn Jahren verstarb, flog Nora Hals über Kopf nach Mosambik, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Der Besuch in der Heimat des Vaters erwies sich als schmerzhafte, aber wichtige Erfahrung. Zum ersten Mal nahm Nora ihre Familie dort bewusst als einen Teil von sich selber wahr. «Für meine Grosseltern und die Familie meines Onkels war ich immer ein vollwertiges Familienmitglied, nie nur ein Gast.» Das Interesse an den eigenen Wurzeln in diesem anderen Land wuchs.
Als Nora den Bachelor in Soziologie in der Tasche hatte, beschloss sie, für einige Monate bei ihrer Familie in Afrika zu leben. Seit dieser Zeit, in der sie als «sobrinha», als Nichte, beim Bruder ihres Vaters wohnte, ist Mosambik viel mehr ein Teil ihres Lebens geworden. Sie wünscht sich, dass sich die Republik vom 16 Jahre dauernden Bürgerkrieg erholt und das politische Bewusstsein in der Bevölkerung weiter wächst.
Durch und durch Bernerin
Trotz des neu gewonnenen Interesses an ihrer zweiten Heimat bleibt Nora durch und durch Bernerin. Für immer in Mosambik leben, kann sich die junge Frau nicht vorstellen. Noras Familie in Mosambik gehört zur Oberschicht und führt deswegen kein entbehrungsreiches Leben. «Der Alltag meiner Familie dort sieht nicht viel anders aus als meiner in der Schweiz.» Aber als Frau hätte sie dort niemals dieselben Freiheiten, die sie hier geniesst. Und auf die verzichten zu müssen kann sie sich nicht vorstellen.
Vater kaum gekannt
«Wenn ich meine Geschichte erzähle, staune ich manchmal selber, wie abenteuerlich alles klingt», sagt Nora nachdenklich. Sie ist froh, so jung gewesen zu sein, als alles passierte. Schmerzhaft ist für sie heute vor allem, dass sie ihren Vater nie richtig kennen lernen konnte. Er wäre die wichtigste Person in ihrer zweiten Heimat gewesen und hätte ihr vielleicht eine andere Sicht auf sein und ihr Land ermöglichen können. (Berner Zeitung)
Erstellt: 19.10.2009, 14:43 Uhr
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