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Nach einer langen Reise fand sie ihr Glück in Bern

Von Urs Wüthrich . Aktualisiert am 19.04.2010

In Stockholm hat sie Fische verkauft. In Sri Lanka ernte sie ihren Mann kennen. Australien verliess sie, weil es ihr zu weit weg von zu Hause war. Sesshaft wurde Kristina Vanderwall in Bern – in einem kleinen Geschäft in der Postgasse.

Hier fühlt sie sich  wohl: Kristina Vanderwall aus dem mittelschwedischen Hudiksvall in ihrem Schneideratelier Fingerhut in der Berner Postgasse. Die schönsten Jahre ihres Lebens habe sie hier verbracht.

Hier fühlt sie sich wohl: Kristina Vanderwall aus dem mittelschwedischen Hudiksvall in ihrem Schneideratelier Fingerhut in der Berner Postgasse. Die schönsten Jahre ihres Lebens habe sie hier verbracht.
Bild: Andreas Blatter

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Das Atelier Fingerhut an der Postgasse ist vermutlich das kleinste Geschäft in der Stadt Bern. Zwei Meter breit, sieben Meter lang: In diesem schmalen Schlauch arbeitet Kristina Vanderwall. Die 53-jährige Schwedin ist gelernte Schneiderin. Ihr Diplom, der in schwedischer Sprache abgefasste «Gesällbrev», hat sie an die Wand geheftet. Ihre textile Werkstatt, ihr «Fingerhut» ist eng und proppenvoll mit Kleidern, die – zum Abholen oder zum Abändern – an einer Stange hängen. Werkzeuge aller Art liegen da, auch ein paar Bücher. Ihr wichtigstes Arbeitsgerät aber ist die Bernina-Nähmaschine. «Ich nehme Änderungen aller Art vor, ausschliesslich für Privatkunden», sagt Kristina Vanderwall. «Eigene Kreationen mache ich nicht, dazu ist es hier viel zu eng, ich hätte nicht einmal Platz, um Stoffe zu schneiden», sagt sie. Zudem würde dies auch nicht rentieren.

Vor 15 Jahren hat sich die gebürtige Schwedin und Wahlbernerin an der Postgasse selbstständig gemacht. Zuvor arbeitete sie unter anderem in einer Herrenboutique an der Marktgasse. «Dort war ich die Frau für alle Fälle, habe Kleider eingekauft, verkauft und genäht, beraten und geputzt.» Das Beraten war ihre Sache aber nicht. «Leute beraten, die nicht wissen, was sie wollen, ist nicht mein Ding», sagt sie und lächelt.

Über Sri Lanka nach Bern

Geboren wurde Kristina Vanderwall im mittelschwedischen Hudiksvall. Später zog sie nach Stockholm, wo sie während acht Jahren einen Fischladen betrieb. Aber sie wollte auswandern. Mehrmals reiste sie nach Sri Lanka, und auf einer dieser Reisen lernte sie ihren späteren Ehemann, einen Singalesen namens Vanderwall, kennen. «Der Name ist holländischer Herkunft, und er stammt noch aus der Kolonialzeit», erzählt Kristina Vanderwall, die ledig Wallin hiess. Viele Singhalesen hätten englische oder holländische Nachnamen. Nun, ihren Zukünftigen traf sie zwar in Sri Lanka, er aber war auch nur zu Besuch dort, denn er lebte in Bern.

Das Auswandern war immer noch ein Thema, Australien wurde angepeilt. «Nach einem Monat hatte ich genug von Australien, das war mir zu weit weg», sagt sie. Schliesslich zog sie mit ihrem Freund nach Bern, wo sie heirateten. «Vor 25 Jahren kam ich mit einem einzigen Koffer hier an, kannte keinen Menschen und verstand kein Wort Deutsch», erinnert sich Kristina Vanderwall.

Schönster Lebensabschnitt

«Ich habe lange gebraucht, bis ich Deutsch konnte», erzählt sie. «Und noch viel länger – fast zehn Jahre –, bis ich Schweizerdeutsch sprechen konnte.» Sie habe ihre Auswanderung in die Schweiz nie bereut, auch wenn sie heute allein lebe. Ihre Ehe hielt acht Jahre. «Mein Exmann lebt heute in Malaysia.» Geschwister hat sie keine, ihre Mutter, mit der sie wöchentlich telefoniert, lebt noch in Schweden. «Nach Schweden werde ich aber nie mehr zurückkehren, es gefällt mir in Bern viel zu gut.» Und: «Die schönsten Jahre meines Lebens habe ich an der Postgasse verbracht.» Sie rühmt die netten Nachbarn. «Es ist wie in einem Dörfli.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.04.2010, 09:42 Uhr

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