Klassentreffen endete in Bern
Von Hannah Einhaus. Aktualisiert am 22.04.2010
Von Bildern umgeben: Ein wenig Heimat haben Brady und
Theresa Eviota-Angob trotz 10'000 Kilometer Entfernung auch in Bern. (Bild: Stefan Anderegg)
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Schon wenn Brady Eviota (46) aus Bethlehem die Tür öffnet, wird klar, dass die Philippinen sein Zuhause sind. Auf der linken Schulterpartie seines hellblauen Hemdes sind die Formen des Insel-Staats im Pazifik diskret, aber sichtbar aufgedruckt. In der Stube, wo Theresa Eviota-Angob (45) bereits mit Tee und Gebäck aufwartet, schauen dem Betrachter auf gut 30 eingerahmten Bildern lächelnde Gesichter mit asiatischen Gesichtszügen entgegen – Eltern, Kinder, Enkel sowie Geschwister mit ihren Familien. Das Paar und Bradys Kinder im Alter von 15 und 11 Jahren leben in Bern, über 100'00 Kilometer von Familie und Freunden entfernt.
Theresa lebt seit 1992 in Bern, hat den Schweizer Pass und bezeichnet Bern heute als ihr Zuhause. Kürzlich kam sie von einem längeren Besuch bei ihrer Familie in der südphilippinischen Stadt Surigao City zurück. «Ich fühlte mich dort mehr wie eine Touristin», erzählt sie, «trotzdem fiel es mir schwer, hierher zurückzukommen.» Ihre vier Kinder im Alter zwischen 18 und 28 Jahren – Theresa wurde mit 17 zum ersten Mal Mutter – leben in Surigao City. Grossgezogen wurden sie von Theresas Mutter und ihrer grossen Schwester. Wie viele Philippinas sorgte auch Theresa von hier aus erst als Kindermädchen, später als Mitarbeiterin auf Botschaften für einen guten Teil des Lebensunterhalts ihrer Familie. In die Schweiz einreisen konnte sie dank ihrem Bruder. Als Mitarbeiter der philippinischen Botschaft lud er sie ein. Sie kam als Touristin – und blieb.
Erst wenig Deutsch gelernt
Brady lebt seit drei Jahren in Bern und ist mental «noch nicht so richtig angekommen», wie er sagt. Zwar habe er ein Jahr intensiv Deutsch gelernt, doch mit Theresa und seinen beiden Kindern spreche er Tagalog, die meistgesprochene Sprache auf den Philippinen. Nach Bern geholt habe ihn Theresa, die Welt sei klein. Theresa:?«Wir gingen als Kinder in Surigao City zehn Jahre lang in die gleiche Schulklasse. An einer Klassenzusammenkunft 25 Jahre später sahen wir uns wieder und verliebten uns.» Brady:?«Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits verwitwet, meine beiden Kinder stammen aus dieser ersten Ehe.»
Lektionen über Demokratie
Ob für Theresa Angob vor 17 oder für Brady Eviota vor drei Jahren: Die ersten Eindrücke von der Schweiz, von Bern, waren ähnlich. Leere Strassen, kleine Häuser, kalte Luft und kühle Menschen. Brady war beeindruckt von Sauberkeit, Pünktlichkeit und Ordnung. Theresa ihrerseits würde ihren Landsleuten zuerst die Regeln des hiesigen Verkehrs und der Abfallentsorgung beibringen.
Eine Umstellung sei für ihn der direkte Umgang der Menschen untereinander gewesen, so Brady. «Auf den Philippinen spricht der Arzt oder der Lehrer nur mit den Eltern über das Kind, hier in Bern kann auch das Kind mitreden.» Er sei in einer autoritären Gesellschaft aufgewachsen. Hier hören seine Kinder beim Schulunterricht nicht nur zu, sondern reden mit – undenkbar in seiner Heimat. Hier laufe vieles demokratischer, durchwegs im positiven Sinne gemeint. «Auch ein McDonald’s-Manager ist sich nicht zu schade, einmal einen Tisch zu putzen.»
Der Journalist als Putzmann
Auf den Philippinen arbeitete Brady Eviota als Journalist für eine grosse Regionalzeitung und als Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation «Initiatives for International Dialogues». Dort setzte sich der Katholik für die Rechte der muslimischen Bevölkerung ein, welche im Sandwich zwischen der philippinischen Armee und den muslimischen Rebellen steckt.
Bradys berufliche Möglichkeiten in Bern sind wegen fehlender Deutschkenntnisse äusserst beschränkt. So sorge er für die Kinder und gehe derzeit zwei, drei Stunden pro Tag putzen. Gearbeitet habe er auch schon in einer Käsefabrik, in Restaurants und für Catering-Services. Intellektuell auf die Rechnung kommt er als Europa-Korrespondent für den philippinischen TV- und Online-Privatsender ABS-CBN. Er produziert Beiträge über das Leben der Philippinos in der Schweiz, zum Beispiel über Schweizer Sammelaktionen für die Opfer des letzten Taifuns mit den verheerenden Zerstörungen.
Philippinische Gruppe hilft
In Bern gut verankert sind Brady und Theresa Eviota-Angob in der philippinischen Gemeinschaft der katholischen Kirche Bruder Klaus am Burgernziel. Sie sitzt im Vorstand, er gibt den Newsletter heraus. Eine eigene Welt und doch eine wichtige Brücke zur Integration. Viele Mitglieder sind mit Schweizern verheiratet, die Informationen über das Geschehen in Bern und der Schweiz fliessen. Manchmal wünschte sich Brady, das Interesse der Schweiz für die Philippinen wäre grösser. «Aufmerksam wurde man erst, als der IKRK-Mitarbeiter Andreas Notter entführt wurde», stellt er fest, doch solche Nachrichten steigerten das Prestige seines Landes nicht gerade. «Dabei hätte unser Land viel, viel mehr zu bieten.»
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Erstellt: 22.04.2010, 15:56 Uhr
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