In der Schweiz darf sie endlich Sport treiben
Von Hannah Einhaus. Aktualisiert am 10.06.2010
Im Training: Nilanthi Gunasekera hat nach ihrer Flucht in die Schweiz den Sport entdeckt. (Bild: Christian Pfander)
Wenige Tage noch, und Nilanthi Gunasekera (38) walkt fünf Kilometer weit durch Bern. Mit einer Gruppe von rund 20 Migrantinnen trainiert sie seit Monaten für den Schweizer Frauenlauf. Wie alle anderen ist sie bereits in Trainingskleidern gekommen, schnappt sich ein Paar Stöcke und eilt zum Waldrand. Einturnen. Aus welchen Ländern die Frauen kommen? Die Trainerin stutzt, reduziert beim Aufzählen schnell auf Kontinente und kommt zum Schluss: «Wir sind die Welt.» Die Frauen lachen. Dann laufen sie los, Nilanthi Gunasekera allen voraus.
Sportbekleidung trägt die Singhalesin erst seit wenigen Jahren. Sie war 18, erzählt sie später, blutjung, als sie 1990 aus einem Dorf in Sri Lanka in die Schweiz flüchtete. Nicht nur Tamilen, sondern auch singhalesische Oppositionelle und deren Familien wurden verfolgt. «Zu jener Zeit gehörten Frauen und Mädchen ins Haus. Laufen oder gar rennen gehörte sich nicht. Frauen, die das taten, waren schlechte Frauen. Schwimmen war undenkbar.» Heute, 20 Jahre später, sei es in Sri Lanka wohl lockerer, zumindest in den Städten. Sie kenne aber auch hier geborene Töchter, die in einzelnen Fällen ein Schwimmverbot erhielten. Das sei kein muslimisches Phänomen. Sie selbst entdeckte ihren Körper und den Spass am Sport erst vor wenigen Jahren hier in der Schweiz.
So viele alte Leute!
Dass sie heute gerade in der Nähe von Bern wohnt, ist Zufall der Bürokratie. Sie meldete sich mit ihrer 16-jährigen Schwester bei der Empfangsstelle in Kreuzlingen. Vor dort aus wurde sie dem Kanton Bern zugeteilt. Nach Stationen in Kehrsatz, Ittigen und Ostermundigen lebt sie heute in zweiter Ehe in Zollikofen. Bereits während des Asylverfahrens konnte sie zeitweise in einem Pflegeheim in Ittigen arbeiten. «Schon während des Bürgerkriegs in Sri Lanka wünschte ich mir einen Pflegeberuf», erzählt sie. Als 18-Jährige in der Schweiz lernte sie viel und schnell, doch eine Berufslehre machte sie nie. Bei ihrer Arbeit in Ittigen sei sie aussergewöhnlich gefördert worden, lobt sie ihre frühere Arbeitgeberin, bei der sie 12 Jahre gearbeitet hat. Nicht nur das berufliche Wissen habe sie sich dort angeeignet, sondern auch Deutsch und die hiesigen Umgangsformen und Traditionen. «Völlig überrascht war ich am Anfang wegen der vielen alten Leute», sagt sie.
Zwei Männer
Nach zwei Jahren heiratete die Singhalesin einen Tamilen und erhielt damit den B-Ausweis. Sie arbeitete weiter in Ittigen: «Nun musste ich aber den vollen Lohn meinem Mann überlassen und mit Schlägen rechnen, wenn der Haushalt nicht perfekt gemacht war», erzählt sie. Sport war kein Thema. Nach sieben Jahren, kurz nach der Geburt des ersten Kindes, liess sie sich scheiden. «In Sri Lanka wäre das praktisch unmöglich gewesen,» sagt sie. Es habe sie auch enorme Überwindung gekostet. Doch hier seien Scheidungen zum Glück kein Tabu. Hier habe sie gelernt, selbstständig zu sein. «Trotzdem schämte ich mich. Ich hatte lange das Gefühl, ich sei schuld am Scheitern unserer Ehe.»
zwei Meinungen
Ihre jüngere Schwester half ihr aus dem Sumpf der Schuldgefühle und arrangierte ein Treffen mit einem Singhalesen, der gerade in England Elektroingenieur studierte. Mit Erfolg. Er kam in die Schweiz und doktoriert nun an der Uni Bern in Zellbiologie. Mit ihm hat sie zwei kleine Kinder. Um sich tagsüber um sie kümmern zu können, arbeitet sie in einem Pflegeheim regelmässig Nachtschicht. Anders als der erste Mann habe der zweite sie ermuntert, Sport zu treiben. Per Zufall stiess sie auf die Organisation Karibu in Zollikofen, die mit Migrantinnen Deutsch lernt, näht – und joggt.
Nilanthi Gunasekera fiebert nun auf die rund 45 Laufminuten am Sonntag, wenn Tausende von Frauen mit ihr vom Zentrum über die Monbijoubrücke ins Kirchenfeldquartier walken und via Kirchenfeldbrücke das Ziel auf dem Bundesplatz erreichen. Sie und ihre Freundinnen vom Karibu können sich dann zuraunen: «Wir sind die Welt.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 10.06.2010, 08:22 Uhr
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