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In Bern abgetaucht: «Einfach zu Hause bleiben bringt nichts»

Von Hannah Einhaus. Aktualisiert am 17.05.2010

Fast vier Jahre lang lebte Karla S.* ohne Papiere in Bern. Einer Rückschaffung entging sie nur knapp. Vor sechs Monaten erhielt die Bolivianerin nun eine Aufenthaltsbewilligung.

Die 22-Jährige kann endlich Berufspläne schmieden. Warum und wie der Weg ihrer Mutter vor vierzehn Jahren ausgerechnet nach Bern führte, kann Karla S. nicht sagen. Sie sei damals acht Jahre alt gewesen, gibt die zierliche Frau mit der feinen Stimme zu bedenken. Mit 18 Jahren, das war Mitte 2006, reiste sie mit einem gewöhnlichen Touristenvisum zu ihrer Mutter nach Bern – und tauchte ab. Es war keine Flucht aus der wirtschaftlichen Misere, ihre Familie gehörte zum Mittelstand.

Schon die Mutter hielt sich «schwarz» – ohne amtliche Bewilligung – in Bern auf. Ein legaler Familiennachzug war somit unmöglich, zudem war Karla bereits volljährig. Ihre kleine Schwester, heute achtjährig, kam in Bern zur Welt und geht hier zur Schule. Im Heft mit den Adresslisten der Schüler ist sie jedoch nicht erwähnt. Bis vor einem halben Jahr mussten Karla, ihre Mutter und ihre Schwester täglich mit einer Polizeikontrolle oder gar einer Festnahme rechnen.

Integration dank Sprache

Schon kurz nach ihrer Ankunft belegte Karla S. Intensivkurse in Deutsch. Auch ohne Papiere konnte sie daran teilnehmen. «Sprachen liebe ich», sagt sie. Karla hatte noch in Bolivien während der Schule Englisch und nach der Matura einige Monate intensiv Französisch gelernt. Mit diesen Sprachen kam sie in den Anfängen auch in der Schweiz gut zurecht. «In den Deutschkursen fragte niemand nach meinen Papieren», erzählt sie. Einmal jedoch musste die Papierlose auf eine Exkursion ins Bundeshaus verzichten: «Dort wird ein Pass oder eine Identitätskarte verlangt, da musste ich absagen.» Kaum jemand wusste von ihrem Status – neben ein paar engen Freunden nur noch die Auftraggeber, für die Karla und ihre Mutter Wohnungen reinigten oder Kinder hüteten.

Ohne Papiere gefährdet

Mit dem Status als Sans-Permis, als Person ohne Aufenthaltsbewilligung, konnte Karla S. während vier Jahren keine grossen Sprünge wagen. «Ich hatte nicht gerade Angst, doch auf den Strassen und in den Läden passte ich immer auf und schaute mich um», sagt sie halb selbstbewusst, halb schüchtern. Keine Bedenken hatte sie, wenn sie ihre kleine Schwester in den Kindergarten und später in die Schule, auf den Spielplatz oder in den Tierpark Dählhölzli begleitete. Grössere Zugfahrten habe sie aber vermieden, denn die Gefahr, in eine Polizeikontrolle zu geraten, war zu gross. «Der Schwester konnte ich nicht gut erklären, warum ein Besuch im Basler Zoo zu gefährlich wäre», sagt sie mit schüchternem Lächeln. Einschränkungen spürte sie überall. Sie sprach nicht mit Unbekannten und ging selten in den Ausgang. Sie verliess sich auf ihre Intuition: «Je nach Situation schien es mir angebracht, einen Ort nach einer gewissen Zeit zu verlassen», sagt sie. «Hingegen hätte es nichts gebracht, einfach daheim zu bleiben.»

«Das grösste Geschenk»

Im vergangenen Herbst klingelte die Polizei an der Türe der Familie. Sie war auf der Suche nach einer befreundeten Bolivianerin, doch als Karla und ihre Mutter sich selbst nicht ausweisen konnten, nahm die Polizei sie mit. «Das war ein Schock», erzählt Karla S. «Wir befürchteten schon, wir müssten innerhalb von 24 Stunden unsere Sachen packen.» Die Berner Beratungsstelle für Sans-Papiers intervenierte rechtzeitig bei der Fremdenpolizei der Stadt Bern. Diese hiess das Härtefallgesuch gut und erreichte letzten November dessen Bewilligung beim Bundesamt für Migration. War da die kleine Schwester ausschlaggebend, die Bolivien nur vom Hörensagen kannte und in Bern ihre «Gspänli» hatte und hat? «Für meine Mutter, die im November geboren wurde, war die gute Wendung auf jeden Fall das grösste Geburtstagsgeschenk», erinnert sich Karla S.

Ein neues Leben beginnt

Mit Aufenthaltsbewilligung kann sich die junge Frau heute erstmals ernsthafte Gedanken über ihre berufliche Zukunft machen. Lehrstellen für Papierlose gibt es nämlich keine. Inzwischen spricht sie fliessend Deutsch und sucht nach Möglichkeiten, um ihre Sprachkenntnisse anwenden zu können. «Schon in Bolivien dachte ich an ein Studium im Bereich Hotellerie und Tourismus.» Das existiert in der Schweiz in dieser Form nicht. Inzwischen liebäugelt sie mit dem Beruf der Hotelfachfrau, will sich aber noch nicht festlegen. Die Erleichterung ist ihrer Stimme anzumerken. Die Zukunft liegt nun vor ihr, der Druck der Unsicherheit ist – fast – weg: Ihren richtigen Namen und ihr Bild wollte sie nicht in der Zeitung sehen.

*Name der Redaktion bekannt (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.05.2010, 11:38 Uhr

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