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«Ich bin immer wieder im Clinch»

Von Hannah Einhaus. Aktualisiert am 17.11.2009

Die gebürtige Brasilianerin Anna Paula Sardenberg brauchte Zeit, sich an die «schönste Stadt der Schweiz» zu gewöhnen. Mit Integrationsarbeit erntet die Psychologin und zweifache Mutter heute Anerkennung.

Klänge gegen das Heimweh: Mit Gitarre und Gesang holt sich Anna Paula Sardenberg brasilianische Stimmung nach Bern.

Urs Baumann

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«Bern ist die schönste Stadt der Schweiz», schwärmt Anna Paula Sardenberg (45).» Seit 1992 lebt die gebürtige Brasilianerin mit ihrem Mann in Bern, die beiden Söhne Nícola und André sind 17 und 13 Jahre alt. Die Psychologin stammt aus der 3-Millionen-Stadt Belo Horizonte. Die beiden Städte hätten einige gemeinsame Nenner, schmunzelt sie, so die Telefonvorwahl 031 und die behäbige Mentalität.

Über ein Schüleraustauschprogramm in den USA hat sie, die Brasilianerin, ihren heutigen Mann, einen Schweizer, kennen gelernt. Jahrelang wechselten sie Briefe von Kontinent zu Kontinent, «zwei Kisten voll».

1992 liess sich das Paar in Bern nieder. Durch die Heirat erhielt Anna Paula gemäss dem damaligen Eherecht per sofort den Schweizer Pass. «Als Schweizerin wurde ich deswegen noch lange nicht behandelt.»

Erste Stelle als Putzfrau

In der Schweiz wurde sie zur Immigrantin. «Die Ankunft war Knochenarbeit.» Die Beglaubigung ihrer Diplome als Psychologin in der Schweiz war ein Spiessrutenlauf. Trotz akademischem Abschluss arbeitete sie zu Beginn jahrelang als Putzfrau. «Da war ich zum ersten Mal in der Schweiz fest angestellt», sagt sie. Es folgten Einsätze als Übersetzerin und Engagements bei Non-Profit-Organisationen, unter anderem als Workshop- und Projektleiterin. «Ich habe Erfahrungen in vielen verschiedenen Arbeitsfeldern gesammelt», hält Anna Paula Sardenberg fest. Dutzende von Bewerbungen habe sie für eine Stelle als Psychologin geschrieben. Ihre zweite feste Stelle erhielt sie erst vor zwei Jahren, im Berufsbildungsbereich.

Bern auf «gutem Weg»

In ihren 17 Jahren in Bern habe sich vieles zum Guten verändert. «Zu meinen ersten Eindrücken von Bern gehörte die offene Szene im Kocherpark. An den Bussen und Trams konnte man ablesen, in welchen Quartieren sie verkehrten.» Die Busse nach Bümpliz waren in einem deutlich schlechteren Zustand als die Trams ins Kirchenfeld. Heute bestehe dieser Unterschied nicht mehr. Auch schätzt sie, dass heute alle Quartierbibliotheken Bücher in einem Dutzend Sprachen anbieten und dass heute Hochdeutsch als Unterrichtssprache in den Schulen gilt.

Ihre gute Mühe hatte und hat die zweifache Mutter nach wie vor mit dem hiesigen Betreuungssystem. «Ich war schockiert, wie Eltern und ihre Kinder hier eine untergeordnete Rolle spielen.» Anders als in Brasilien gebe es hier wenig Junge, wirtschaftlich hänge vieles von ihnen ab. «In einem der reichsten Länder der Welt würde ich bessere Voraussetzungen für Familien und junge Leute erwarten.»

Pflege des Brasilianischen

Anna Paula Sardenberg ist ihren südamerikanischen Wurzeln treu geblieben und engagiert sich im brasilianischen Frauenverein Atitude. Mit Sendungen bei Radio Rabe, regelmässigen Treffs in der Kirche Bruder Klaus sowie Referaten über die Schweiz trug und trägt Atitude zur Integration der hiesigen Brasilianerinnen bei. Grosse Anerkennung dafür erhielt der Verein dafür im Jahr 2002 mit dem Sozialpreis der Stadt Bern. «Das hat uns sehr ermutigt», so Sardenberg. Zweck des Vereins ist unter anderem, auch jenen Frauen eine Stimme zu geben, die kein Stimmrecht haben.

Anna Paula, die Andere

Dass der Name Sardenberg ein deutschsprachiger Name ist, erfuhr Anna Paula erst hier. Nach einigen Nachforschungen stellte sich heraus, dass eine Spur ihrer Vorfahren in die Schweiz des frühen 19.Jahrhunderts zurückführte. «In Brasilien waren einfach alle Brasilianer», sagt sie rückblickend, und fügt kritisch bei, «der real bestehende Rassismus wurde vertuscht. Erst hier sei ihr das Anderssein richtig bewusst geworden, und das trotz heller Hautfarbe, europäischer Gesichtszüge und christlicher Konfession. «Spätestens wenn ich den Mund aufmachte, war klar, ich bin nicht von hier,» sagt sie. Ob bei Wohnungs- oder Stellensuche: Anna Paula Sardenberg ist überzeugt, dass manche Türen nur deswegen wieder geschlossen wurden. «Ich bin deshalb immer wieder im Clinch, ob ich mich nun als Schweizerin oder als Brasilianerin vorstellen sollte.»

Anna Paulas Söhne Nícola und André kennen dieses Gefühl des Fremdseins in Bern nicht mehr. Sie sind hier geboren und aufgewachsen, der Vater kommt von hier, Schweizerdeutsch ist erste Sprache. Einmal habe ein Gspänli Nícola gefragt: «Gäll, du bist 50 Prozent Brasilianer und 50 Prozent Schweizer.» Und Nícola habe geantwortet: «Nein, ich bin 100 Prozent Schweizer und 100 Prozent Brasilianer.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.11.2009, 08:48 Uhr

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