Einsamkeit und Bittermandeln
Macht die Liebe zu zwei Orten das Herz doppelt so gross, oder zerreisst sie es? Der 67 Jahre alte Chilene Patricio Santibanez, der seit fast dreissig Jahren in Bern lebt, sinniert – und findet keine Antwort. Wie auch, wenn es keine gibt. «Es könnte gut sein, dass ich jetzt, im Ruhestand und in politisch ruhigeren Zeiten, wieder nach Chile zurückgehen würde. Ich vermisse meine Heimat schon manchmal.» Was ihn in Bern halte, so erzählt er, sei seine Tochter. «Sie ist krank und braucht ihren Vater hier.»
Zwischen hier und dort
Klar, dass sich die Frage nach der Sehnsucht nach der Heimat somit für den jugendlich wirkenden, alleinstehenden Pensionierten nicht mehr wirklich stellt. Dies, obwohl die Antwort allgegenwärtig ist: In den Gesichtszügen Patricios, wenn er über Santiago de Chile oder Valparaiso, wo er lebte, nachdenkt. In seinen Augen, wenn er erzählt, wie er im vergangenen Jahr seine Heimat und seine Familie für fast fünf Monate besuchte. Im in Nordchile gebrannten Traubenblut des 40-prozentigen Pisco Reservado, den Patricio nur hervorholt, wenn er Besuch hat, und der nach Bittermandeln, Pflaumen und Vanille schmeckt. Oder im Bild an der Wand, auf dem Cueca, der Tanz Chiles, dargestellt wird.
«Wenn ich in Chile bin, bin ich nie allein», sagt er. «Hier in der Schweiz bin ich es oft.» Diesen gesellschaftlichen Unterschied spüre er schon stark. Weil er leise an ihm leide, habe er versucht, pensionierte Schweizer und Migranten für kulturelle oder gesellschaftliche Projekte zu begeistern. Er sei sogar in Altersheime in Bümpliz gegangen, um die Menschen zu motivieren, etwas gemeinsam zu unternehmen. Leider aber erfolglos. «In Chile sind die Menschen engagierter, damit sie zusammen sein können.» Warum dies hier anders ist, weiss Patricio Santibanez nicht.
Hilfe und Ablehnung
Dennoch lebe er gern in Bern. «Bern hat mich und meine Familie aufgenommen, als wir aus der Heimat flüchten mussten und Hilfe brauchten. Wie also könnte ich Stadt oder Land verurteilen», sagt der ausgebildete Primarlehrer. Es sei sehr schwierig gewesen, endlich den definitiven Bescheid zum Bleiben zu erhalten. Die Familie flüchtete 1982 aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Situation aus Chile in die Schweiz. Diktator Augusto Pinochet war an der Macht, die Wirtschaft brach zusammen, Andersdenkende wurden verfolgt, und mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebte unter der Armutsgrenze.
Santibanez’ Tochter war zum Zeitpunkt der Flucht sechs Jahre alt. «Sie litt sehr unter den Anfeindungen, die wir hier als Asylanten ertragen mussten.» Für das Paar waren all diese Umstände nicht einfach, die Ehe ging in die Brüche. Später, als der Intellektuelle die Arbeitsbewilligung erhielt, fand er eine Beschäftigung bei einer Lift-Firma. Die Tätigkeit sei in Ordnung gewesen. «Was mich befremdet hat, waren Art und Ton, welche mancher Schweizer Kollege mir gegenüber an den Tag gelegt hat. Viele meinten, sie müssten mich herumkommandieren.» Befehle zu erteilen, stünde den Vorgesetzten zu. Santibanez vermutet, dass dies geschah, weil er Ausländer war. «Dabei ist doch der Respekt das Wichtigste.» Das habe ihn zermürbt, zumal kaum einmal jemand nach seinem Leben zuvor in Chile gefragt habe.
«Mein Leben ist hier»
Was macht er heute tagein, tagaus? «Ich besuche meine Tochter, lese, lerne Sprachen, empfange Besucher, mache Besuche oder schaue fern», sagt Santibanez. Andere Chilenen kenne er hier nicht viele. «Wichtig ist mir, überhaupt Kontakt mit anderen Menschen zu haben.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 16.04.2010, 08:15 Uhr
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