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«Diese Zukunft wollte ich nicht»

Von Hannah Einhaus. Aktualisiert am 26.05.2010

Mit 20 Jahren verliess Marta Vermin das kommunistische Ungarn. Trotz ihrer Devise «Pass dich an» machten es ihr die Berner sprachlich schwer, sich einzuleben. Heute spricht sie Berndeutsch mit ihrem holländischen Mann.

Marta Vermin fand in Bern ihr Zuhause und Arbeit. Hier sitzt sie im Garten des Altersheims Elfenaupark, wo sie als Stationsleiterin  der Nachtwache arbeitet.

Marta Vermin fand in Bern ihr Zuhause und Arbeit. Hier sitzt sie im Garten des Altersheims Elfenaupark, wo sie als Stationsleiterin der Nachtwache arbeitet.
Bild: Urs Baumann

«Es war richtig, von Ungarn wegzugehen.» Dies sagt Marta Vermin (47), heute Stationsleiterin der Nachtwache im Altersheim Elfenaupark. Richtig deshalb, weil sie sich als 20-Jährige im kommunistischen Ungarn von 1982 kein sonderlich spannendes Leben vorstellen konnte. In räumlich engen Verhältnissen lebte sie bei ihrer Familie. «Ich wollte freier denken und offener sprechen», sagt sie. «In Ungarn fühlte ich mich eingeschränkt.» Sicher, der Kommunismus in ihrer Jugendzeit der späten 70er- und frühen 80er-Jahre sei bereits etwas liberaler gewesen als zehn oder zwanzig Jahre zuvor. Doch das habe ihr nicht gereicht. Ohne grosse Begeisterung arbeitete sie nach der Matura in einem Reisebüro.

Bei einigen gleichaltrigen Kolleginnen begann bereits die Karriere der Vollzeit arbeitenden Ehefrau und Mutter. Trotz der angeblichen Gleichberechtigung von Frau und Mann im Kommunismus blieb Kindererziehung in der Regel Frauensache. «Diese Zukunft wollte ich nicht», sagt sie bestimmt. Mit dem Hintergedanken, ihr Land zu verlassen, nahm sie Kontakt mit ihrem Onkel in Bern auf, der während des ungarischen Volksaufstands Ende 1956 als Regimegegner in die Schweiz geflüchtet war. «Ich war zuvor schon zwei, drei Mal bei ihm in den Ferien. Die Berglandschaften und die Menschen hier beeindruckten mich angenehm», erinnert sie sich. Ein Visum für einen Urlaub im Westen zu beschaffen, war für die Mitarbeiterin eines Reisebüros kein Problem. So packte sie 1982 die Koffer. Aus den Ferien sind fast 28 Jahre geworden.

Anpassung erschwert

Nebst dem Gepäck und viel Selbstvertrauen brachte die damals 20-Jährige gute Deutschkenntnisse und eine positive Grundeinstellung zum künftigen Umfeld mit. «Meine Devise lautete: Du musst dich dort anpassen, wo du bist», sagt Marta Vermin. Damit erfüllte sie die allgemeinen Erwartungen an eine Immigrantin geradezu perfekt. Doch die Bernerinnen und Berner machten es ihr nicht leicht mit dem Dialekt. Die sprachliche Anpassung dauerte. «Zwei Jahre brauchte ich, bis ich alles gut verstand, ein bis zwei weitere Jahre, bis ich selber gut Berndeutsch sprechen konnte», erzählt Marta Vermin. Abgesehen von einem leichten ungarischen Akzent trifft sie heute den Berner Dialekt besser als jeder Ostschweizer, Basler oder Zürcher.

«Beim Einstieg in die Arbeitswelt hatte ich riesiges Glück», erinnert sich Marta Vermin, die mit einer Stelle als Schwesternhilfe im Altersheim Schwabgut schon kurz nach ihrer Ankunft das erste Geld verdiente. Der Wechsel vom Nine-to-five-Job an einem Reiseschalter in Ungarn zur verantwortungsvollen Schichtarbeit in einem medizinischen Betrieb in Bern fiel ihr nicht schwer, und so liess sie sich zur Altersbetreuerin ausbilden. Der Beruf und die Arbeit mit älteren Menschen haben sie nicht mehr losgelassen. Neu absolviert sie eine Weiterbildung zur Gerontologin.

Sohn fördert Dialekt

International wurde ihr Leben durch die Heirat mit einem Holländer. «Verständigt haben wir uns in den ersten Jahren auf Hochdeutsch», erzählt Marta Vermin. Dies änderte sich mit dem 1992 geborenen Sohn Joël. «Mit den Jahren wurde Schweizerdeutsch zur Sprache am Familientisch», erinnert sie sich. Trotz ungarischer und holländischer Wurzeln bezeichne Joël sich klar als Schweizer. Ein gewisses Mass an Berner und Schweizer Patriotismus gehört wohl auch dazu, wenn man wie er als Nachwuchstalent zur Juniorenelite des SCB gehört und mit der Schweizer Nationalmannschaft an die U-18-Eishockey-WM nach Minsk reist, wie vor wenigen Monaten geschehen. Dass Joël seine Grosseltern in Holland und Ungarn nur selten sieht, bedaure er wohl manchmal schon. «Aber immerhin kann er sich mit ihnen noch knapp verständigen.»

Mit dem Älterwerden ist Marta Vermins Interesse an Ungarn wiedererwacht. Die ungarische Sprache sei ihr in den letzten Jahren wieder wichtiger geworden. «Ich lese neuerdings mehr ungarische Literatur», sagt sie. «Ein Leben in Ungarn könnte ich mir aber längst nicht mehr vorstellen.» Bei ihren Familienbesuchen freue sie sich jeweils schon auf die Rückreise. Fest steht für sie: «Bern ist mein Ort.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.05.2010, 08:57 Uhr

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