«Die erste Zeit war ein Schock»
Von Hannah Einhaus. Aktualisiert am 16.10.2009
«Ohne Deutsch der totale Aussenseiter.» Gasim Nasirov (Bild: Urs Baumann)
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Er ist nicht auf den Mund gefallen, Gasim Nasirov (40) aus Aserbaidschan. Im Schulhaus Tscharnergut referiert er mit Engagement über sein Land, schildert mit Bildern, einer Karte und dem Instrument Tar die Schönheiten der Landschaft und den Reichtum der Kultur.
Geht es um die korrupte Regierung in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku und den Krieg mit Armenien, kommt er richtig in Fahrt. Vor sechs Jahren kam er mit seiner Frau Olga und dem damals fünfjährigen Sohn Udugey in die Schweiz, vor drei Jahren baute er den Kulturverein für Aserbaidschaner in der Schweiz auf. Im «Tscharni» finden drei bis vier Mal pro Monat aserbaidschanische Tanz- und Sprachkurse statt. Dazu kommen öffentliche Abende mit Vorträgen und Podien über Leben, Geschichte und Politik in seinem Herkunftsland. Bei aller Liebe zu Aserbaidschan spart er nicht an bissiger Kritik. Das war auch der Grund der Flucht.
Neue Ufer
Zu sehr hatte der ausgebildete Erdölingenieur mit einer satirischen Fernsehshow die damalige nationalistische Regierung in Baku provoziert. «Dank der hohen Stellung meines Vaters als hohen Beamten der Parlamentsdienste schloss man nur das Studio, ansonsten wäre ich ins Gefängnis gekommen», erzählt er. Die Zeit war reif, die Koffer zu packen und das Land zu verlassen. Die Nasirovs machten Zwischenstation in Russland. Er leitete den Aufbau der grössten Ölraffinerie Georgiens, nicht weit vom russischen Wohnort entfernt. «Dennoch war uns der Ort unbehaglich», sagt Nasirov, «zu viele Faschisten lebten dort.»
Neues Land
Die Familie erhielt den Touristenstempel für eine Reise in die Schweiz, die sich als Odyssee entpuppte. Kaum angekommen, meldeten sich die Nasirovs bei der Empfangsstelle Kreuzlingen. «Diese erste Woche war ein Horror. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, wirklich im Gefängnis zu sitzen», berichtet er. «Wir wurden rund um die Uhr von Hunden und Kameras bewacht.»
Neue Erfahrungen
Ein Monat Durchgangsheim in Ostermundigen folgte. Dank der grösseren Bewegungsfreiheit leistete sich die Familie gelegentlich GA-Tageskarten, um die Schweiz kennen zu lernen. «Die 2000 Dollar, die wir mitgebracht hatten, reichten bei diesen Preisen hier gerade für einen Monat.» Vier Monate im Durchgangszentrum Schüpbach wurden für Udugey zur Tortur. «Er war das einzige Kind im ganzen Heim. Wir hatten Heidenangst, dass die Drögeler ihm etwas antun könnten.» Schliesslich wurde die Familie von der Gemeinde Wynigen aufgenommen.
Neue Sprache
Gasim Nasirov stürzte sich auf Sprachbücher und büffelte Deutsch. Seine Englischkenntnisse kamen ihm zugute. «Die Sprache ist das A und O, um in einem fremden Land Fuss zu fassen.» Für den Intellektuellen war das eine überwindbare Barriere. Im Gespräch hört man zwar den Akzent, doch die Grammatik läuft glatt. Liest man die Webseite des Kulturvereins, würde niemand glauben, dass die lupenreine Rechtschreibung und Grammatik von einer Person stammt, die bis vor sechs Jahren kein Wort Deutsch konnte. Heute besitzt er einen Fähigkeitsausweis als interkultureller Übersetzer.
Schwieriger wars für seine Frau Olga, die sich mit Aserbaidschanisch und Russisch zurechtfinden musste, und besonders hart traf es Sohn Udugey, der damals gerade vor der Einschulung stand. «Ohne Deutsch war er totaler Aussenseiter», erzählt Gasim Nasirov. Grössere Kinder schubsten ihn herum. Gab es irgendwo Tränen, war Udugey schnell der Schuldige. Lernen, lernen, lernen. Wie der Vater, so der Sohn. Mit Schweizerdeutsch und einigen Interventionen des Vaters bei den Lehrern verbesserte sich die Situation. Heute gehört der inzwischen Zwölfjährige zu den Klassenbesten, mit einem Fünfeinhalber in Deutsch. Mit seinem N-Ausweis als Flüchtling war Gasim Nasirov die Erwerbsarbeit verwehrt. «So begann ich mich, kulturell zu engagieren», erzählt er. Innert kürzester Zeit vernetzte er sich mit Aserbaidschanern und Schweizern, gründete 2006 den Verein und konnte einige Schweizer Stiftungen und Fonds als Sponsoren gewinnen.
Neue Wurzeln
Sein Engagement fiel auch dem Schweizerischen Arbeiterhilfswerk SAH auf. Nach einem zweieinhalbjährigen Beschäftigungsprogramm ist er dort seit Anfang Jahr fest angestellt. Dank einer zweiten grossen Veränderung werden die Nasirovs hier zusätzlich Wurzeln schlagen. Ende Januar kam Töchterchen Elisheva zur Welt. Anders als ihre Eltern und ihr grosser Bruder wird Elisheva das Leben in Aserbaidschan nur noch aus den Erzählungen der Eltern kennen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 16.10.2009, 12:44 Uhr
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