«Die Schweizer gelten als Bergvölkli»
Von Hannah Einhaus. Aktualisiert am 11.01.2010
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Als Bern an der Euro 08 von Holländern orange überflutet wurde, überwältigte das Fussballfieber auch Jan Beekman aus Amsterdam. Der Logistikchef des Aussenministeriums kam an den Matchtagen sogar mit orangefarbenem T-Shirt statt mit Schale und Krawatte zum Arbeitsplatz nach Ausserholligen. Dafür hatten offenbar auch die Schweizer Kollegen Verständnis. Er, der seit 22 Jahren in und um Bern arbeitet und heute mit seiner 5-köpfigen Familie im Kanton Freiburg lebt, war beeindruckt von den Bernerinnen und Bernern, die «extrem tolerant waren trotz manchen Gestanks nach Urin und Schweiss».
Beim Spiel Holland - Rumänien marschierte er in der orange Karawane vom Kornhausplatz zum Stade de Suisse und verfolgte den Match live – «einfach umwerfend». Seither habe sich das Image der Schweiz und besonders jenes von Bern in Holland enorm verbessert, sagt Beekman. «Die Schweizer gelten bei uns plus, minus immer noch als verschlafenes Bergvölkli.»
Mit dem Schweizer Fussball – YB eingeschlossen – kann der zwei Meter grosse Hüne ansonsten nicht viel anfangen. Nichts geht über «seine» Fussballmannschaft: «Ajax Amsterdam ist bei mir tief ins Herz gebrannt», sagt er.
Als Kind auf Berner Pisten
Beekmans Beziehung zur Schweiz geht zurück bis in seine Kindheit: «Ich verbrachte mit meinen Eltern fast jedes Jahr die Sommerferien in den Alpen, später auch die Skiferien meist im Wallis oder im Berner Oberland», erzählt er. Ein halbjähriges Praktikum als Elektroingenieur brachte ihn zum Hauptsitz der BKW nach Bern. Zurück in Amsterdam, studierte er Wirtschaft. Dank seiner Berner Beziehungen fand er mit 24 Jahren einen Job in Bern. Hier ist er zum Arbeiten geblieben. Bern blieb seine Basisstation, wenn er für international tätige Telekommunikationsfirmen weltweit tätig war.
An Mentalitätsunterschieden zwischen Schweizern und Holländern fehle es nicht. «In Holland kommen Gäste zum Tee, Kaffee oder Bier entweder am Nachmittag und gehen gegen sechs Uhr, oder sie kommen am Abend nach acht Uhr – ohne Erwartung, etwas zu essen.» Die Zeit dazwischen sei fürs Familienleben reserviert. «Hier kann es passieren, dass aus dem Zvieri ein Znacht wird», hält er fest. «Bei meiner ersten Einladung gab es deshalb nur Essiggurken und Whisky»
«Tolle Fortschritte»
Bern ist für den weit Gereisten keine Weltstadt. Sicher, die Aarestadt habe in den letzten Jahren tolle Fortschritte gemacht in der Stadtentwicklung, mit dem Stade de Suisse, dem Bahnhofplatz, dem Westside und dem Zentrum Paul Klee.
Zu viel Denkmalpflege
Zulegen dürfte Bern für den Elektroingenieur mit MBA jedoch bei neuen Technologien wie der Solarenergie. Im Vergleich zu anderen Kantonen sei man hier «zu konservativ», nicht zuletzt wegen des Denkmalschutzes. Beekman bezeichnet Bern als die «sauberste Hauptstadt der Welt» und als Ort, wo die Menschen untereinander «vertrauens- und respektvoll miteinander umgehen». Anders in der holländischen Metropole mit einer Dreiviertelmillion Einwohnern. «Die Amsterdamer nähren ihr Selbstbewusstsein immer noch aus der Geschichte.» Zwischen 1600 und 1800 gehörte Amsterdam zu den wohlhabendsten Städten Europas, erst als einer der bedeutendsten Umschlagplätze des Welthandels, später als finanzielles Zentrum Europas.
«Mehr improvisieren!»
Vor acht Jahren wurde Jan Beekman zum ersten Mal Vater, seither arbeitet er stationär. «Gesucht habe ich eine Herausforderung in Raum Bern mit internationaler Ausstrahlung, und so bin ich Logistikchef des EDA geworden», berichtet er. Er und seine 100 Mitarbeiter kümmern sich unter anderem um die Koordination der Immobilien und Einrichtungen der 149 Schweizer Vertretungen im Ausland, organisieren Flüge für die gesamte Bundesverwaltung und verschicken die speziell gesicherte Diplomatenpost.
Alles laufe in der Regel reibungslos. «Doch perfektionistisch ist man hier oft auch in Bereichen, wo es nicht nötig wäre», bemerkt er. «Wem in Holland ein Missgeschick passiert, lacht, wem hier ein Missgeschick passiert, schämt sich.» Einmal habe er Familienfotos gebraucht und in Holland ein Studio gefunden, das ziemlich improvisiert ausgesehen habe. «Wir waren locker, die Bilder wurden toll. Ein anderes Mal gingen wir zu einem Schweizer Fotografen, alles technisch perfekt, doch so steif, dass man uns die Anspannung auf unseren Gesichtern richtig ansah.» Jan Beekmans grösster Wunsch an die Bernerinnen und Berner lautet deshalb: «Bitte nehmt alles mit etwas mehr Humor.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 11.01.2010, 08:00 Uhr
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