«Die Männer sind hier sehr zurückhaltend»
Von Hannah Einhaus. Aktualisiert am 31.12.2009
Natalya Steinmann hat Weihnachten noch vor sich: Die gebürtige Ukrainerin feiert am 6. und 7. Januar. (Bild: Stefan Anderegg)
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Sie hat Weihnachten noch vor sich, Natalya Steinmann, Russischlehrerin aus der Ukraine. Die 34-Jährige ist in der 3-Millionen-Metropole Kiew aufgewachsen, dem «Jerusalem» der russisch-orthodoxen Kirche mit dem Erzengel Michael im Stadtwappen. Ein Tannenbaum steht hier nicht in der Stube. Ein hüfthoher Samichlaus mit 24 Schubladen hingegen ziert als Adventskalender für ihre Kinder das Wohnzimmer. Ein Adventskranz mit brennenden Kerzen ist ein weiterer Kompromiss zwischen Ost und West.
Vor sieben Jahren kam Natalya Steinmann, geborene Bokach, in die Schweiz. Die studierte Germanistin mit einem Lehrerdiplom in der Tasche hatte schon mehrmals Deutschland bereist. «Die Schweiz war auf den ersten Blick gar nicht so anders», resümiert sie.
«Frauen nicht so feminin»
Der Kulturschock kam später. «In der Ukraine ziehen sich die Frauen sehr feminin an, mit Röcken und hohen Absätzen, hier musste ich mich erst an Jeans und Turnschuhe gewöhnen.» Auch hätte sie erwartet, dass man hier deutsch spricht. «Schweizerdeutsch war aber wie eine neue Sprache für mich», erinnert sie sich. Nicht nur die Sprache war eine Barriere, um hier «anzukommen», sondern vielmehr noch die nonverbale Kommunikation unter Schweizern. Man vermeide den Augenkontakt, jeder wolle seine eigene Welt haben. «In Kiew spricht ein Mann eine Frau auch einmal auf der Strasse an, um sie zu einem Kaffee einzuladen», erzählt sie. «Hier sind die Männer so zurückhaltend, dass sie einen nur anschauen, aber nichts sagen.» Schweizer habe sie auch in Discos oder Clubs kaum kennengelernt, irgendwie traf man sich eher privat. Was sie wiederum als ungeschriebene Anstandsregel kennt, traf hier nicht zu:
«Als ich schwanger war, fiel es im Tram niemandem ein, mir zuliebe aufzustehen. Das ist bei uns eine Selbstverständlichkeit.»
«Berner sind charmanter»
An der Uni Bern schrieb sie sich für ein dreijähriges Deutsch- und Geschichtsstudium ein. Parallel dazu gab sie in Bern Russischunterricht und arbeitete als Übersetzerin für eine grössere Berner Firma, die in Russland Fuss fassen wollte. Vor drei Jahren kam Sophia zur Welt, Natalya Steinmann brach das Studium in Bern ab, begann aber im Jahr danach in Zürich mit einer Ausbildung zur Übersetzerin an einer Höheren Fachschule. Demnächst wird die Sprachlehrerin auch das Übersetzerdiplom bekommen.
«Bern und Zürich sind Welten auseinander», sagt sie rückblickend. «Zürich ist anonymer.» An der Uni in Bern hätten ihre Kolleginnen und Kollegen sie herzlich unterstützt, und mit einigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern ihrer Russischkurse hätten sich in den letzten Jahren manche Freundschaften entwickelt. So lernte sie auch ihren Mann Markus Steinmann kennen. Mit ihm, der dreijährigen Sophia und dem drei Monate alten Lukas lebt sie heute im Ostring. «Ich habe hier mit Kolleginnen, Freunden und meiner Familie sehr viel Glück gehabt und muss sagen, die Berner haben deutlich mehr Charme als die Zürcher.»
12 fleischlose Gerichte
«In diesen Tagen wäre ich gerne bei meiner Familie in Kiew», sagt sie leicht melancholisch gestimmt. Der Silvester werde üppig gefeiert mit Geschenken und einer Party mit Familie und Freunden. In der Weihnachtsnacht vom 6. auf den 7.Januar hänge über Kiew eine Atmo-sphäre von Stille und Besinnlichkeit. «Das wichtigste Ereignis des Heiligabends in der Ukraine ist ein stundenlanger Gottesdienst. In allen Kirchen duftet es nach Weihrauch, und Kerzenmeere erhellen den Raum. Erst danach darf man zu Tisch», erzählt sie.
Die strenge, 40-tägige Fastenzeit bis Weihnachten ende am 6. Januar. «Noch am Heiligabend werden zwölf fleischlose Gerichte – wie die Anzahl Apostel Jesu – aufgetischt. Richtig reich wird der Tisch erst am 7.Januar gedeckt.» Ruhige Tage folgen bis zur Feier der Taufe Jesu am 19. Januar. «Schimpfen, laut reden oder Böses über Tote sagen ist in diesen Tagen besonders unpassend», erklärt Natalya Steinmann.
Gottesdienst im Keller
Sie selbst besuche den russisch-orthodoxen Weihnachtsgottesdienst in Bern. «Das ist ein kleiner Kellerraum in der Nähe des Berner Rathauses. Wir haben Platz für etwa 20 Personen, einen Altar und Ikonen», sagt sie, die an Kathedralen gewöhnt ist. Und noch eine andere Tradition fehle ihr, wenn sie an die Feiern am 19. Januar in Kiew denkt. «Bei Temperaturen von minus 15 Grad ist bei uns der Fluss Dnjepr zugefroren», erklärt sie. «Da bohren manche Leute ein Loch ins Wasser, um sich taufen zu lassen. Dem Wasser wird zu dieser Zeit besondere Kraft nachgesagt.» Im Vergleich dazu scheinen Berns hartgesottene Winter-Aareschwimmer wie Anfänger. (Berner Zeitung)
Erstellt: 31.12.2009, 11:57 Uhr
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