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Der Mann mit dem scharfen Blick

Von Urs Wüthrich. Aktualisiert am 16.10.2009

Nicolas Thomas lebt seit sechs Jahren in Bern. Der gebürtige Walise ist Professor für Weltraumforschung an der Universität Bern. Er entwickelt hochpräzise Kamerasysteme, welche mit scharfem Auge die Planeten erforschen.

Nicolas Thomas mit einem ultraleichten Hightech-Teleskop. Das Gerät hat er in Bern entwickelt, es wird 2014 auf einer Raumfähre zum Planeten Merkur fliegen.

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«Ich bin kein Engländer, ich bin Walise», sagt Nicolas Thomas beim Vorgespräch am Telefon. Nun, auf der Suche nach der walisischen Sprache wird man im Internet fündig. «Bore da, shwd ych chi?» heisst «Guten Morgen, wie gehts?». Der Blitzkurs und die entsprechende Begrüssung am nächsten Morgen entlockt dem Physikprofessor ein Lächeln. «Ich verstehe ein paar Worte, kann aber nicht gut walisisch sprechen.» Als Kind habe er ein paar Brocken mitbekommen. Heute sprechen etwa noch 20 Prozent der drei Millionen Einwohner von Wales diese alte keltische Sprache, die auch Kymrisch genannt wird. Item.

Lego-Rakete auf dem Pult

Nikolas Thomas’ Büro im Institut für Exakte Wissenschaften der Universität Bern ist ein schmaler Schlauch. Der Tisch ist übersät mit Büchern, Papieren, Kisten. Das Büchergestell prall gefüllt. Da und dort, auf Zetteln, komplizierte mathematische Formeln. Und auf dem Schreibtisch liegt ein Karton eines Lego-Raketen-Bausatzes, für Kinder ab 9 Jahren. Das zusammengesetzte Raumgefährt steht nebenan. «Solche Dinge erhalte ich von meinen Studenten», sagt Weltraumphysiker Nicolas Thomas und lacht. Der 48-Jährige ist Leiter der Abteilung Weltraumforschung und Planetologie an der Universität Bern. Bilder vom Mars

Eines seiner Spezialgebiete ist die Entwicklung hochpräziser Instrumente, die an Bord von Raumfähren Millionen von Kilometern zurücklegen und von Planeten und deren Monden Bilder zur Erde liefern. Seinem Erfindergeist ist es zu verdanken, dass unter anderem 1997 spektakuläre Aufnahmen vom Mars (Mission Pathfinder) gemacht werden konnten – und wenig später vom Saturn-Mond Titan. «Ich habe das nicht alleine gemacht, wir arbeiten immer im Team», relativiert er.

Neue Mission zum Jupiter

Sein ganz spezielles Interesse gilt dem Jupiter-Mond Io. «Die physikalischen Prozesse dieses Mondes sind sehr interessant», schwärmt er. «Es gibt dort kein Wasser und sicher auch kein Leben, dafür aussergewöhnliche Vulkantätigkeiten, welche von Gezeitenkräften verursacht werden.» Die Galileo-Mission habe versucht, Bilder zu machen, aber die Antenne ging kaputt. «Wir haben kaum Daten», sagt er. Jetzt sei man daran, ein neues Projekt zum Planeten Jupiter zu starten, mit einem Forscherteam aus der Schweiz, Deutschland und den USA.

Am Max-Planck-Institut

Nicolas Thomas kam 1960 in einem Dorf namens Atcham zur Welt. Sein Vater war Metzger, seine Mutter Chemikerin. «Wir besassen Rennpferde, aber wir nannten sie nicht racehorses, sondern eatinghorses, weil sie viel besser im Essen als im Rennen waren», erzählt der Professor. In England (nicht in Wales) studierte Nicolas Thomas Physik und schloss bereits als 25-Jähriger ab. «Dann suchte ich einen Job, aber die Forschung in der Ära Thatcher hatte einen schwierigen Stand.» Auf seinem Lieblingsgebiet, der Planeten-Physik, fand er in Grossbritannien nichts Passendes. «Man sucht ja immer das Beste», sagt er, «und so bewarb ich mich 1986 – ohne jegliche Hoffnung auf Erfolg – am Max-Planck-Institut im deutschen Katlenburg-Lindau.» Thomas bekam den Job. Er blieb vier Jahre. Dort, in den Kneipen, habe er auch die deutsche Sprache gelernt.

«Eine echt gute Adresse»

Nach einem beruflichen Abstecher nach Holland, einer Berufung nach Deutschland sowie nach Aufenthalten in den USA kam er 2003 nach Bern. «Die Universität Bern ist in Sachen Planetenphysik eine echt gute Adresse, wir sind hier in der ersten Liga», meint er. In Bern fühle er sich sehr wohl, nicht nur an seinem Arbeitsort. Thomas lebt mit seiner Frau, einer Primatologin (Affenforscherin), und zwei kleinen Kindern in Stettlen.

«Der öffentliche Verkehr in der Schweiz ist absolut fantastic», rühmt er; mit nichts zu vergleichen. «Dafür sind in Deutschland die Crèmeschnitten absolutely great.» Typisch schweizerisch sind für Thomas die Kompromissbereitschaft und die langfristige Planung. Dass bei Projekten oft «viel zu viele Leute und Gruppen auch noch etwas dazu sagen wollen», empfindet er als Nachteil. «Das ist der Unterschied zu Deutschland, und das wird hier manchmal schwierig, denn oft muss man einfach einen Entscheid fällen.»

Und was macht Nicolas Thomas, wenn er nicht an Planeten denkt? «Wenn ich Zeit für mich habe, versuche ich zu schlafen», meint er. Er male auch, aber ziemlich schlecht. Dafür hört er gute Musik: Clapton, Van Morrison, Sting, Genesis, ELP, Steely Dan und Springsteen. Und was liebt er besonders? «Gin tonic, Bacardi lime and soda, Campari und Pastis», zählt er auf. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.10.2009, 12:57 Uhr

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