«Bus fahren ähnelt der Diplomatie»
Von Hannah Einhaus. Aktualisiert am 30.06.2010 1 Kommentar
Zielsicher fährt der Bernmobil-Bus der Linie 20 am Hauptbahnhof vor und hält genau vor der markierten Linie. Endstation. Aus allen Türen quellen die Passagiere auf die Strasse, draussen lauern schon die nächsten und quetschen sich in den Bus, Ahmed Bakirs Bus. Der Chauffeur verfolgt die Szene geduldig. Ruhig Blut bewahren muss er, wenn die Passagiere drängeln, wenn sie bei den Stationen die Türen blockieren, ihren Abfall liegen lassen oder lautstark reklamieren. «Bus fahren ähnelt der Diplomatie», sagt der gebürtige Marokkaner. «Man muss die Klagen ernst nehmen, darf aber nicht auf Streitereien eingehen. Jede Ablenkung ist heikel für die Sicherheit der Passagiere.»
Internationales Casablanca
Ahmed Bakir (46) kam in Casablanca zur Welt. Er wuchs in der Altstadt auf, nur wenige Meter entfernt von jenem Café, wo 1942 der gleichnamige Film mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman gedreht wurde. In der Stadt, so beschreibt er, habe ein harmonisches Nebeneinander im italienischen, im spanischen, im jüdischen und im arabischen Quartier geherrscht. Internationale Nachrichten habe er schon als Jugendlicher in den 70er-Jahren verfolgt: «Ich habe täglich den marokkanischen Sender, BBC und Radio Moskau gehört», erzählt er nicht ohne Stolz und schmunzelt ob der überraschten Reaktion der Journalistin. Während des Kalten Krieges galt das in Westeuropa fast als Verrat.
Nach seiner Matura kam Ahmed Bakir durch einen Bekannten nach Genf, arbeitete für ihn in einer Autogarage, absolvierte eine Lehre als Maschinenmechaniker und begann danach ein Studium als Maschineningenieur. «Einen Teil meines Lohns schickte ich meiner Familie nach Casablanca», sagt er und zeigt sich enttäuscht: «Wie viele Ausländer hier war ich für meine Familie eine wichtige Geldquelle, fühlte aber eine wachsende Distanz. Das war eine verlorene Zeit.» Um sich über Wasser zu halten, arbeitete Ahmed Bakir am Wochenende im Genfer Flughafen und beförderte Koffer in den Bauch der Flugzeuge.
Berndeutsch als hohe Hürde
Nach Bern führte ihn die Liebe. Vor 17 Jahren lernte er seine Frau an einer Aufführung der «Histoire du Soldat» von Strawinsky in Genf kennen. Die Profi-Musikerin spielt Fagott und unterrichtet am Berner Konservatorium. Bern erlebte er in den Anfängen als anstrengende Stadt. In Casablanca, Genf und in Fribourg, wo er ebenfalls eine Zeit lang arbeitete, fühlte er sich deutlich willkommener als in Bern. «Die Berner sind mit ihrer Mentalität nicht einfach im Umgang, interpretieren vieles oft zu schnell und haben eher Mühe, Fehler einzugestehen», seufzt er. Mit Berndeutsch sei er lange nicht zurechtgekommen. Der Dialekt sei eine sehr hohe Hürde für die Integration. Anders als in Casablanca gebe es hier zwar keine nach Bevölkerungsgruppen geteilten Stadtviertel, doch spüre er viel öfter eine unsichtbare Grenze zwischen den «echten» und den «anderen» Bernern. «Ich muss immer wieder beweisen, dass ich hier hingehöre.»
Gebet vor der Frühschicht
Der Buschauffeur aus Marokko ist inzwischen Vater von drei pubertierenden Kindern. Alle gehen ins Freie Gymnasium. Die hohen Kosten der Privatschule scheut er nicht, auf gute Bildung legen er und seine Frau viel Wert. Auch an sich als Vater setzt er die Latte hoch: «Eltern müssen sich viel Zeit nehmen, jeden Tag wieder Grenzen ziehen und zeigen, was die Kinder dürfen und was nicht. Sonst bekommen sie Probleme.»
Streng ist Ahmed Bakir ausserdem mit sich selbst. Wenn die Zeit reicht, geht er früh am Morgen zum Gebet in die Moschee in der Nähe des Inselspitals. Persönlich erlebe er als Muslim wenig Negatives, sorge sich aber ob der islamkritischen Stimmung im Land. «Ich habe Mühe mit den Vorurteilen», sagt er, «der Koran ruft zu Frieden und Liebe auf.» Seine Religiosität sieht er nicht als Widerspruch zu seiner Ehe mit einer Nichtmuslimin, und die Kinder wachsen liberal auf.
Nach dem frühen Gebet übernimmt er bei Bernmobil am liebsten die Frühschicht. Auf seine Stelle als Buschauffeur sei er stolz, er arbeite in einem tollen Team, und es sei ihm wichtig, zum guten Image von Bernmobil beizutragen. Dennoch lässt er durchblicken, dass er das Zeug für ein Studium gehabt hätte, aber durch die Umstände auf eine entsprechende Karriere verzichten musste. «Wäre ich hier geboren worden, mit Eltern, die mich entsprechend gefördert hätten, würde ich vermutlich auf einem anderen Beruf arbeiten», sagt er, lässt den Motor an, schliesst die Türen und beginnt die nächste Tour Richtung Wankdorf. (Berner Zeitung)
Erstellt: 30.06.2010, 08:15 Uhr
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Es ist an der Zeit, allen Chauffeuren von Bern Mobil ein Kränzchen zu widmen. Sie alle fahren uns sicher von A nach B, durch überfüllte Strassen und vorbei an stressigen Verkehrsteilnehmern. Ein Wunder das nicht mehr Unfälle geschehen, was für die Chauffeure spricht. Danke Antworten
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