Bescheiden sind ihre Träume nicht
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Als Natalia Coman nach einem Jahr zum ersten Mal wieder ihre Heimatstadt Chisinau in Moldawien besuchte, drückten sich die Nachbarn die Nase an den Fenstern platt. Sie erwarteten Coman mit Goldschmuck behängt, in High Heels von Dior und einem schicken Auto aus dem reichen Land Schweiz anreisen. Doch sie, die zu Hause in Moldawien meist Röcke und Stöckelschuhe trug, hatte Jeans und Turnschuhe an. «Nirgendwo trifft der Spruch ‹Kleider machen Leute› so zu, wie in Moldawien», sagt die 43-jährige Coman. Die Moldawier würden nur die besten Kleider tragen, auch wenn sie sonst nichts hätten. Coman erzählt, dass Freunde, Nachbarn und Bekannte ständig miteinander am Wetteifern seien, wer die besseren Kleider trage oder das höhere Haus baue. Und das in einem Land, das als eines der ärmsten Europas gelte. Für Coman sind die Zeiten dieser Denkweise vorbei: «In den fünf Jahren, die ich hier lebe, ist meine Mentalität sehr schweizerisch geworden.» Sie schere sich nicht mehr drum, was ihr Nachbar von ihr denke.
Ein Schnaps muss sein
Wer die grosse, blonde Frau zu Hause besucht, bekommt einen ordentlichen moldawischen Cognac vorgesetzt, unabhängig von der Uhrzeit. Ablehnen kommt nicht in Frage. Natalia Coman ist eine quirlige Frau. Kaum ist der Schnaps in den Gläsern, zaubert sie ein Dessert auf den Tisch: mit Nüssen gefüllte und gedörrte Zwetschgen, garniert mit viel Schlagrahm, auch eine moldawische Spezialität. Coman ist gerne Gastgeberin, das gehöre zur moldawischen Kultur.
Mit der schweizerischen Distanziertheit habe sie am Anfang sehr Mühe gehabt. Alles sei ihr so kalt vorgekommen, nicht nur das Wetter, auch die Menschen. Doch heute sei das anders, sie wisse, wenn man Schweizer als Freunde habe, sei das fürs Leben.
Der erste Kuss
Im Jahrhundertsommer 2003, daran erinnert sie sich genau, besuchte Natalia Coman zum ersten Mal die Schweiz. Ihr Cousin, der Opernsänger Pavel Daniluk, lud sie und ihre Mutter zu einem dreimonatigen Aufenthalt nach Zürich ein. In der Nähe von Kloten sprach Kurt Wegmüller seine zukünftige Frau an, um sie nach dem Weg zu fragen. Die beiden kamen ins Gespräch, tranken einen Kaffee zusammen. Der Berner bat die Moldawierin, ihn in seiner Heimatstadt zu besuchen. Das tat sie. Auf dem Berner Münster küsste sich das Paar zum ersten Mal. Nach einem Jahr Fernbeziehung heirateten Natalia Coman und Kurt Wegmüller. «Der Wegzug aus Moldawien fiel mir sehr schwer.» Zu Beginn konnte sie kein Wort Deutsch. Sie begann, intensiven Unterricht zu nehmen und so oft wie möglich durch die Strassen und Läden der Altstadt zu schlendern, um die Sprache im Alltag zu lernen. Coman war in ihrer Heimat Juristin und sagt, wenn man die Sprache nicht perfekt beherrsche, sei es schwierig, hier zu arbeiten. Sowieso sei sie «zu weich», um als Anwältin zu arbeiten. In Moldawien unterrichtete sie Bank- und Handelsrecht.
Schnellzug nach Bern
Als Natalia Coman in die Schweiz zog, bat sie ihren Mann, doch mit ihr nach Zürich zu ziehen. Die lebendige Stadt gefiel ihr, die immer in der moldawischen Hauptstadt gelebt hatte, besser als das verschlafene Bern. Doch ihr Mann habe geantwortet: «Weisst du, was wir Berner an Zürich am meisten lieben? Den stündlichen Schnellzug nach Bern.» Damit sei das Thema beendet gewesen. Nach fünf Jahren in Bern liebe sie die Stadt über alles, so Coman. Auch ihre dreijährige Tochter Daria sei Bernerin und rede astreines Berndeutsch. Sie sei es jeweils, die für die Mutter übersetze.
Natalia Coman hat genaue Vorstellungen, wie sie ihr Wissen als Juristin in Bern bald einsetzen möchte: «In der Schweiz gibt es viele kinderlose Paare. In Moldawien platzen die Waisenhäuser aus allen Nähten. Ich träume von einem Projekt für erleichterte Adoptionen zwischen der Schweiz und Moldawien.» Auch wie ihrem armen Heimatland geholfen werden könne, weiss Coman: «Die Moldawier brauchen eine Schweizer Regierung.» Solange weiterhin viele Politiker korrupt seien, gehe es dem Volk nicht gut. (Berner Zeitung)
Erstellt: 11.02.2010, 07:40 Uhr
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