«80 Kinder waren in meiner Klasse»
Von Hannah Einhaus. Aktualisiert am 21.10.2009
Bochao Liu, hier noch im Gymer Neufeld, zieht bald weiter. Die Matur hat er in der Tasche. Nun beginnt er in Zürich ein Studium. (Bild: Urs Baumann)
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«In der Nähe von Peking» sei er geboren und aufgewachsen, sagt der Maturand Bochao Liu im Gespräch in der Halle des Gymnasiums Neufeld über seine Herkunftsstadt Zhengzhou. Eine bescheidene Formulierung, liegt doch die 3,5-Millionen-Metropole nahe des Gelben Flusses (Huang He) 600 Kilometer südlich der chinesischen Hauptstadt. Berner müssten sagen: «In der Nähe von Mailand, München oder Paris», und der Radius wäre immer noch kleiner. Sieben Schuljahre absolvierte Bochao Liu in China, bevor er 2002 mit seiner Mutter nach Bern zu seinem Vater umzog, der damals schon ein Jahr hier als Facharzt der chinesischen Medizin arbeitete.
Kein Wort Deutsch sprach er, nur mit Englisch konnte er sich einigermassen verständigen, wie er zurückgelehnt erzählt. Hier hat er sich hochgearbeitet und vor wenigen Wochen das Wirtschaftsgymnasium abgeschlossen. Technische Fächer lägen ihm jedoch besser, sagt er. Im Juni gewann er einen Mathematikpreis, und im September beginnt er an der ETH mit einem Studium der Elektrotechnik und Informationstechnologie.
Erste Eindrücke von Bern
«Am Anfang, als ich hier ankam, haben mir die vielen Züge und ihre Pünktlichkeit sehr Eindruck gemacht», erinnert sich der heute 20-Jährige. Regionalzüge kenne man weniger, sondern benutze Busse oder das Velo, für welches mehrspurige Strassen reserviert sind. Die Nähe zu den Alpen habe ihn überwältigt, erinnert er sich. Zhengzhou liegt in einem topfebenen Gebiet mit Getreide- und Baumwollanbau und gilt als Zentrum der chinesischen Textilindustrie. Das nächste Gebirge liegt rund vier Stunden Fahrzeit entfernt. Von der Schule her kannte Bochao Liu in China andere Massstäbe: In der Primarschule lernte er in einer Klasse mit 80 Kindern, in der Sekundarschule waren es noch 50. Die Schulwoche begann mit einer Flaggenzeremonie und Paraden. Hier in Bern wirke alles kleiner und informeller.
Gründliche Schweizer
In der Mentalität sieht Bochao Liu mehr Ähnlichkeiten als Differenzen zwischen den beiden Gesellschaften. Die grosse gemeinsame Tugend sei wohl der Fleiss. Dennoch wirken auf ihn viele Menschen hier gelassener: «Die Schweizer organisieren sich besser und arbeiten qualitativ gründlicher», so seine Beobachtung. In China laute die Parole oft «schnell, schnell». Besonders hoch sei in China der Druck auf die Kinder, eine gute Schule zu absolvieren. Viele kämen ins Gymnasium, aber nicht alle in eine qualitativ gute Schule.
Kritische Blogs aus China
Mit Bildern und Vorurteilen über China wird Bochao Liu regelmässig konfrontiert. «Immer wieder kommt jemand mit der Frage: ‹Esst ihr wirklich Hundefleisch?› oder ‹Machst du Kung-Fu?›», berichtet er und signalisiert, dass er gut auf solche Fragen verzichten könnte.
Auch wenn er sich nicht als besonders regierungsfreundlich, geschweige denn nationalistisch, beschreiben würde: China hätte seiner Meinung nach ein besseres Image verdient. China kenne 55 Nationalitäten und eine Vielfalt von Religionen. In seiner Schule beispielsweise hätten muslimische Schüler eine eigene Mensa gehabt. Über das Internet informiert sich der angehende ETH-Student über die Ereignisse und Entwicklungen in China. «Ich informiere mich vor allem über einen Blog, der von Hunderten von Millionen Chinesen gelesen wird», so Bochao Liu. Dort hagle es Kritik, und sarkastische Töne fehlten nicht.
Kurze Rückkehr
Nach den Maturaprüfungen im Juni reiste Bochao Liu zum ersten Mal seit sieben Jahren wieder nach China zu seinen Verwandten. Den Dialekt seiner Grossmutter auf dem Land verstehe er kaum. Beim Schreiben chinesischer Wörter habe er mehr Mühe, als er angenommen hatte. «Ich kann mich im Alltag verständigen, doch studieren könnte ich in China nicht», sagt Bochao Liu nüchtern. Seine nähere Zukunft sieht er in einer Studenten-WG und wird wohl bald von Bümpliz nach Zürich zügeln.
(Berner Zeitung)
Erstellt: 21.10.2009, 13:50 Uhr
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