«Manchmal pfeifen uns die Frauen nach»
Von Jessica King. Aktualisiert am 27.06.2011 6 Kommentare
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9000 Fahrzeuge brausen in Spitzenzeiten pro Stunde über den Felsenauviadukt. Der endlose Strom an Blech ist laut. Sehr laut. Was als Besucher auf der Baustelle irritiert, merkt Michel Rieder, zuständiger Polier, schon gar nicht mehr: «Bei den Bauarbeiten der ersten Etappe hatte ich jeden Abend Kopfweh wegen des Lärms. Aber man gewöhnt sich schnell daran.»
Unter den Füssen Rieders klafft ein breiter Spalt, der den Blick auf das Innere der Brücke freigibt. Rostige Metallstäbe verhaken sich ineinander, halten dem Gewicht von Rieder aber locker stand. «Die Brücke wird länger, wenn sie warm hat, und schrumpft im Winter», erklärt Rieder. Ungefähr 17 Zentimeter dehnt sich die Felsenaubrücke in jede Richtung – um diese Bewegung auszugleichen, schaffen die Giele von Rieder nun etwas Spielraum. Mit einer Wasserhochdrucklanze brechen sie den schweren Beton auf, damit die Spannkabel der Brücke nicht zerstört werden. «Diese Lanze könnte eine Person halbieren, so stark ist der Druck», warnt Rieder. «Deshalb arbeiten immer zwei Personen zusammen, damit jemand reagieren kann, wenn etwas passiert.»
Gefahr durch die Autos
Auf der Baustelle leben die Arbeiter nicht nur wegen Wasserhochdrucklanzen gefährlich: Pro Woche gibt es zwei bis drei Autounfälle. «Letztes Jahr schlitterte ein Wagen seitwärts in die Baustelle und verfehlte einen meiner Giele um einen Meter», erzählt Rieder. Plötzlich scheinen die Leitplanken auf ihren Gummisockeln fahrlässig unstabil, die Autos rauschen extrem nahe vorbei. Die Fahrspuren sind zudem eng, und obwohl das Bundesamt für Strassen die Geschwindigkeit auf 60 km/h begrenzt hat, halten sich augenscheinlich nicht alle daran. «Wir sind froh um die Polizisten, die regelmässig die Geschwindigkeit kontrollieren», sagt dann auch Rieder.
Harte körperliche Arbeit
Unbarmherzig brennt die Sonne vom Himmel, unter dem leuchtenden Helm sammelt sich der Schweiss. «Eigentlich sollten meine Giele drei Liter Wasser am Tag trinken, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen», sagt Michel Rieder. Der 43-Jährige sorgt sich offensichtlich um das Wohl seiner Arbeiter, schickt sie für Pausen unter die Brücke, wo im Schatten eine kühlende Brise weht. «Der Job ist auch ohne Hitzekollaps hart genug.»
Nicht nur viel trinken sollten die Giele, sondern auch viel essen. Als Bauarbeiter könne man durch die körperliche Arbeit so viele Kalorien zu sich nehmen wie man wolle, erzählt Rieder. Bei vielen seiner Arbeiter leidet aber besonders während der Nachtschichten der Appetit, da der Körper sich schlecht an die Umstellung gewöhne. «Man kann teilweise richtig zuschauen, wie sie an Gewicht verlieren.»
Pfeifende Frauen
Trotz dem erwähnten Gewichtsverlust machen die Bauarbeiter keinen schmächtigen Eindruck. Im Gegenteil – beim Hämmern und Bohren straffen sich links und rechts die neonfarbigen Gilets über ihre Oberkörper. Michel Rieder lacht laut. «Allen Klischees zuwider fahren Frauen manchmal langsamer, um uns nachpfeifen zu können», grinst er. Andere Klischees der Bauarbeiter kann er jedoch bestätigen: «Der Umgangston hier ist sicher rauer. Dafür sagen wir uns die Meinung direkt ins Gesicht und lästern nicht über sieben Ecken.»
Immer noch braust Auto um Auto an der Baustelle vorbei – der Gewöhnungseffekt ist aber bereits eingetreten. Um allfällige Gehörschäden früh zu erkennen, müssen die Bauarbeiter regelmässig Hörtests machen: «Manchmal haben mini Giele mit den höheren Frequenzen Mühe.» Bei Rieder funktioniert das Gehör noch einwandfrei. Er grinst. «Manchmal höre ich sogar Sachen, die ich nicht hören möchte – aber so ists nun mal als Vorgesetzter.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 27.06.2011, 06:07 Uhr
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6 Kommentare
@Marcel Zbinden: Nachts bauen = günstiger? Wohl eher teurer: Nachtzuschläge, Lockerung des Nachtfahrverbots, Zulieferer mit Nachtarbeit, Lärm... oh, das gäbe wieder Leserbriefe...
Mit den Staus hält es sich in Grenzen. Man muss halt, wenn es machbar ist, Stosszeiten meiden.
Ich schätze täglich die gute Baustellen-Organisation und bewundere die Büezer, die bei jedem Wetter da draussen sind.
Antworten
wieviel? unglaublich, wie können sich den "sogenannte experten" so extrem täuschen? ich muss auch budgets er- stellen, eventualitäten berücksichtigen etc. aber wenn ich mich so verrechnen würde, müsste ich mir einen andern job suchen!!! Antworten
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