Seit Jahrzehnten für den Frieden engagiert

Vor einer Woche hat die 86-jährige Friedensaktivistin Louise Schneider eine Bauabschrankung vor der Nationalbank an­gesprayt und damit weltweit für Aufsehen gesorgt. Wer aber ist die Frau mit der Spraydose?

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Bilder sorgten national und international für Schlagzeilen: Louise Schneider, 86-jährig, seit Jahrzehnten Berner Friedensaktivistin, sprayt am vergangenen Dienstag mit roter Farbe und zittriger Hand Buchstabe um Buchstabe auf die Bauabschrankung vor der Schweizerischen Nationalbank.

Zufrieden lächelt sie in die Kameras der anwesenden Medienleute, als die Polizei vorfährt und die alte Dame für die Personenkontrolle mit aufs Revier nimmt. Ihr Werk hat sie vollbracht: Für einige Stunden prangt auf dem Bundesplatz der Schriftzug «Geld für Waffen tötet». Am Nachmittag sind die Buchstaben dann bereits wieder weggewaschen.

Louise Schneider in Aktion. Video: sda

Es ist dieses Lächeln, das Louise Schneider schon verschiedenste Male aus der Klemme geholfen hat. «Ich habe eine göttliche Gabe», erzählt sie einige Tage nach ihrer Aktion auf dem Bundesplatz mit einem spitzbübischen Lächeln bei sich zu Hause. «Ich kann sehr naiv drein­schauen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.»

Gerade früher, als sie bei Demonstrationen regelmässig zwischen dem Schwarzen Block und der Polizei gestanden habe, sei diese Gabe von Nutzen gewesen. «So konnte ich Ausschreitungen stets zu vermeiden helfen.»

Seit 30 Jahren engagiert

Heute, mit 86 Jahren, muss sie das naive Gesicht weniger häufig einsetzen. Die Konfrontationen mit der Polizei sind seltener geworden. Bis zum letzten Dienstag sah Schneider denn auch noch nie ein Polizeirevier von innen. «Die Beamten waren unglaublich freundlich. Als sie mich rausgelassen haben, hat mich einer sogar am Arm über die Strasse begleitet.»

Zudem hat ihre Aktion keine rechtlichen Konsequenzen, die Nationalbank verzichtet auf eine Anzeige, da der Schriftzug leicht wieder zu entfernen gewesen sei. «Ich habe ja auch abwaschbare Farbe genommen und nur eine Bauwand angesprayt.» Bei der Kantonspolizei will man sich aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes weder zu den aktuellen noch zu den in den letzten Jahrzehnten gemachten Erfahrungen mit Louise Schneider äussern.

«Ich wählte die Strasse als meinen Weg, nicht die ­offizielle Politik.»Louise Schneider

Die überzeugte Pazifistin ist seit Mitte der 80er-Jahre an Demonstrationen in Bern anzutreffen. Die damaligen Jugendunruhen und die ersten Haus­besetzungen in der Länggasse haben sie politisiert. «Ich wählte die Strasse als meinen Weg, nicht die offizielle Politik», sagt Schneider.

Insbesondere für die Gruppe Schweiz ohne Armee (GSoA) wurde die umtriebige Frau in den folgenden Jahren zu einem wichtigen Mitglied und einer Mutterfigur. Regelmässig ging sie auf die Strasse, protestierte gegen den Irakkrieg, sammelte Unterschriften gegen die Wehrpflicht oder gegen die Beschaffung von Kampfflugzeugen und lancierte vor 15 Jahren den Ostermarsch.

Auch am Ostermontag-Umzug lief Schneider die ersten Meter vom Eichholz in Richtung Stadt mit, anschliessend wurde sie mit dem Auto zum Münsterplatz gebracht. Am Wochenende sammelte sie zudem bereits wieder Unterschriften für die neue GSoA-Initiative «Für ein Verbot der Finanzierung von Kriegsmaterialproduzenten».

Eine einsame Kämpferin

Zu Hause ist die Friedensaktivistin in einem gutbürgerlichen Quartier in Köniz am Fusse des Gurtens. In den Ein- oder Zwei­familienhäusern dürften mehrheitlich keine einfachen Büezer zu Hause sein, sondern Menschen aus dem oberen Mittelstand. Schneiders Haus liegt ganz zuoberst, der Rasen ist gemäht, die Blumenbeete fein säuberlich gepflegt.

Abgesehen von den Friedensfahnen am Gartenzaun deutet nichts darauf hin, dass hier eine Politaktivistin wohnt, die mit persönlichem Reichtum so gar nichts am Hut haben will. Das Innere sieht aus wie das Zuhause einer Grossmutter, alte Möbel, Bilder der Enkelkinder und viele Bücher. Auf dem Wohnzimmertisch ist eine Schale mit gefärbten Ostereiern, auf einer Kommode liegt ein Buch mit dem Titel «Kulturkampf».

Das Haus habe sie zusammen mit ihrem Ehemann Paul, ebenfalls Pazifist, vor über 40 Jahren gekauft. «Seither hat sich das Quartier verändert. Immer mehr Freunde zogen weg. Mittlerweile ist es schon fast ein Villenviertel», sagt Schneider. Das Haus und den Garten habe sie zwar nach wie vor gern. Mit dem Standort jedoch verbindet sie nur noch wenig.

Auch sonst hat sich ihr Umfeld verändert, während sie dieselbe geblieben zu sein scheint. Die meisten der einstigen Weggefährten oder politischen Widersacher sind mittlerweile verstorben. Freunde im gleichen Alter habe sie kaum noch, sagt Schneider. Innerhalb der GSoA kommen und gehen die jungen Aktivisten, nur sie bleibt. Im Januar starb dann auch noch Ehemann Paul, der ihr stets eine grosse Stütze bei ihrem politischen Engagement gewesen ist.

«Eigentlich ist es ungerecht, wenn man als Einzige übrig bleibt. Aber ich kann gar nicht anders, als weiter für den Frieden zu kämpfen, solange es meine Gesundheit zulässt.» Das sei ihre Pflicht. Probleme bereite ihr einzig die immer schlimmer werdende Arthrose. «Aber dafür gibt es ja Ponstan», sagt sie lachend.

Christliches Menschenbild

Im Kopf hingegen macht Schneider nach wie vor einen fitten Eindruck. Zwar sagt sie von sich selber, dass sie nicht mehr sieben verschiedene Dinge gleichzeitig machen könne. Während des Gesprächs schneidet sie trotzdem Gemüse, brät Fleisch an, macht eine Béchamelsauce und schichtet alles zu einer Lasagne à la Louise. Sie habe am Mittag noch Besuch.

«Viele junge Leute haben Angst um ihren Job, wenn sie sich für etwas einsetzen. Mir kann nichts passieren.»Louise Schneider

Da sie sich nach wie vor fit fühle, sehe sie auch nicht ein, weshalb sie mit 86 Jahren nicht mehr auf die Strasse gehen sollte. Schliesslich sei niemand so frei wie alte Menschen. «Viele junge Leute haben Angst um ihren Job, wenn sie sich für etwas einsetzen. Mir kann nichts passieren. Meine AHV kann mir niemand wegnehmen.»

Statt dass die heutigen Rentner diese Freiheit nutzen würden, «gehen sie nur noch in den Jass­klub». Dabei sollten sie den Jungen eine Botschaft mit auf den Weg geben, findet Schneider.

Wie diese lauten soll, ist für sie klar: «Wir müssen zurück­buchstabieren. Das unendliche Wachstum, der Überschuss in allen Bereichen: So kann das nicht weitergehen.» Politisch zu Hause ist sie im christlichen Sozialismus. Daraus schöpft sie Energie. So hängt an ihrem Kühlschrank in der Küche denn auch die Jahresplanung der GSoA, darunter ein nachapostolisches Bekenntnis von Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti.

Im Evangelium findet sich auch der Grundsatz, nach dem Schneider handelt: das Gleichnis des Senfkorns. Eine kleine Handlung kann eine grosse Wirkung haben. «Ob ich diese Wirkung in meinem Leben noch sehe, ist nebensächlich. Aber ich muss einfach versuchen, etwas zu verändern.»

Aufgrund ihres Glaubens und des damit verbundenen christlichen Menschenbildes habe sie sich ihr ganzes Leben für die Armen und Schwachen und gegen Waffen eingesetzt. So nahm sie denn auch immer wieder Pflegekinder bei sich auf.

Mühe mit Taktikern

Aufgewachsen ist Louise Schneider in Neuenegg. Der Vater war ein Pazifist, «dunkelroter Sozi» und ein Arbeiter bei Wander. «Das hat mich massgeblich geprägt.» Nach der Sekundarschule wollte sie aufs Gymnasium und später studieren. Das Geld liess dies aber nicht zu, sie machte widerwillig eine Bürolehre, gründete eine Familie mit drei Kindern.

Danach baute sie in Bümpliz eine Filiale der städtischen Schulzahnklinik auf und engagierte sich im Blaukreuz-Jugendwerk. Mit 36 Jahren entschloss sie sich, Sozialarbeiterin zu werden. Bis zu ihrer Pensionierung arbeitete Schneider am Berner Inselspital. Im Innern sei sie aber immer eine einfache Arbeitertochter ge­blieben.

Bis heute hat sich an ihrem Engagement für die Mitmenschen nichts geändert. Regula Rytz, Präsidentin der Grünen Schweiz und Berner Nationalrätin, kennt Schneider seit über 30 Jahren. Rytz beschreibt sie als «unglaublich grosszügigen und selbstlosen Menschen, der sich liebevoll sowohl um die eigene als auch die erweiterte Familie kümmert». Dies betrifft insbesondere die GSoA, bei welcher sie mittlerweile mit Abstand das älteste Mitglied ist.

Dort umsorgt sie die Jungen, etwa wenn sie an den regelmässigen Koordinationssitzungen im Berner Sekretariat jeweils einen Bauernzopf mitbringt. Aber auch in politischen Fragen redet sie noch immer mit. «Wenn Louise etwas sagt, dann hat dies Gewicht», sagt Josef Lang, ehemaliger Vizepräsident der Grünen Schweiz und GSoA-Urgestein. Insbesondere bei den Jungen komme sie mit ihrer «lebenslangen Radikalität» gut an.

Mit den Taktikern hingegen habe sie ihre liebe Mühe. «Louise hat sich etwa gegen ein taktisches Zurückstehen der GSoA ausgesprochen, als es darum ging, in der Endphase des Gripen-Abstimmungskampfs den Parteien den Vortritt zu lassen», sagt Lang. Mit ihrem zunehmenden Alter habe sie zudem an Bestimmtheit gewonnen.

Eigenständige Aktion

Zuletzt hat sie dies am vergangenen Dienstag auf dem Bundesplatz bewiesen. Vom medialen Echo sei sie überwältigt gewesen. «Ich habe lediglich damit gerechnet, dass auf dem Märit über meine Aktion gesprochen wird», sagt Schneider. Dass nun die ganze Welt davon wisse, das habe sie nicht erwartet.

Für die GSoA hätte es keinen besseren Auftakt geben können für die gleichentags erfolgte Lancierung ihrer Initiative «Für ein Verbot der Finanzierung von Kriegsmaterialproduzenten». Die Gruppe will damit erreichen, dass die Nationalbank, Stiftungen und Pensionskassen nicht mehr in Kriegsmaterialproduzenten investieren dürfen.

Schneider selber betont aber, dass es sich um eine unabhängige Aktion gehandelt habe. Diese habe sie seit langem geplant. Eigentlich wollte die Dame schon im vergangenen Jahr mit der Spraydose losziehen. Dann aber hatte Ehemann Paul einen Herzinfarkt, die Aktion musste warten. Kurz vor seinem Tod Anfang Jahr erinnerte er seine Louise aber daran. «Du musst da noch etwas erledigen», habe er ihr gesagt. Letzte Woche war es so weit.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 18.04.2017, 09:33 Uhr

Artikel zum Thema

Das Sprayer-Grosi macht international Schlagzeilen

Eine 86-jährige Aktivistin der Gruppe Schweiz ohne Armee (GSoA) sorgt für Aufsehen – auch in der ausländischen Presse. Mehr...

86-Jährige sprayt am Bundesplatz

Bern Am Dienstagmorgen wurde die Bauabsperrung vor der Nationalbank auf dem Bundesplatz versprayt. Aber nicht von Jugendlichen. Mehr...

Marktplatz

Immobilien

Kommentare

Service

Schnelle Info für zwischendurch

Lesen Sie die Nachrichten aus der Region in Echtzeit.

Die Welt in Bildern

Lightshow: Ein Blitz entlädt sich während eines Sommergewitters über Bern (27. Juni 2017).
(Bild: Anthony Anex) Mehr...