«Schwierig sind Leute mit Helfersyndrom»

Es gibt viele, die sich für Asylsuchende engagieren wollen: Andreas Flury, der für die Heilsarmee-Flüchtlingshilfe die Einsätze von Freiwilligen koordiniert, spricht von einem «extremen Boom». Der hat aber auch seine Tücken.

Riggisberg trug als Vorbild zum Boom der Freiwilligenarbeit bei: Das Café Regenbogen brachte Abwechslung in den Alltag der Asylsuchenden.

Riggisberg trug als Vorbild zum Boom der Freiwilligenarbeit bei: Das Café Regenbogen brachte Abwechslung in den Alltag der Asylsuchenden. Bild: Urs Baumann

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In den letzten Wochen hat die Heilsarmee-Flüchtlingshilfe zahlreiche neue Zentren für Asylsuchende eröffnet. Wie gross ist die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung, die Sie erleben?
Andreas Flury: Sehr gross. Der Boom ist extrem. Jedes Mal, wenn wir ein neues Zentrum eröffnen, melden sich sofort 20 bis 50 Freiwillige, dazu auch die Kirchgemeinde. Am liebsten wollen diese Leute alle sofort etwas machen. Das finde ich schon bemerkenswert.

Aber auch herausfordernd, oder?
Wir sind froh um diese Angebote. Aber manchmal ist es zu viel. Das Extrembeispiel dafür ist die Feuerwehrkaserne in Bern. Da meldeten sich 250 Freiwillige aus dem Quartier und der ganzen Stadt, dazu wurden drei Kirchgemeinden aktiv. Wir hätten mehr als eine 1:1-Betreuung der 150 Asylsuchenden sicherstellen können. Die Kaserne ist für mich ein Sonderfall im rot-grünen «Breitsch».

Sind die Leute in der Stadt hilfsbereiter als jene auf dem Land?
Das habe ich gedacht. Aber es stimmt so nicht unbedingt. Aktuell zum Beispiel gibt es auch in Schwarzenburg und in Jegenstorf sehr aktive Leute. Und Bremgarten wird für mich nach der Schliessung von Riggisberg zum neuen Vorzeigebeispiel.

Weshalb?
Da gibt es einen sehr initiativen Menschen, der uns bestürmte, wir sollten endlich mal anfangen mit der Freiwilligenarbeit. Er macht es wirklich gut und hatte schon ein Netzwerk aufgebaut, als das Zentrum noch gar nicht lief. Jetzt sind gute Angebote vorhanden, zum Beispiel ein gemeinsames Jogging. Auch die Sportkleider für die Asylsuchenden haben die Freiwilligen gleich selbst organisiert.

Auch in Niederscherli wurden Freiwillige ungeduldig, weil sie lange nicht starten konnten. Sie fragten sich sogar, ob die Heilsarmee die Angebote gar nicht will.
Das stimmt natürlich nicht. Ich verstehe diese Ungeduld, aus Sicht der Freiwilligen ist es unbefriedigend. Am Anfang bremsen wir sie regelrecht aus. Nur: Sie wissen oft auch gar nicht, dass wir hinter den Kulissen in einer Notsituation sind. Es fordert uns ex­trem, in so kurzer Zeit all die neuen Asylzentren zu eröffnen. Zudem gehen uns langsam die Leute mit Erfahrung aus. Da bleibt in einer ersten Phase einfach keine Kapazität, sich auch noch um die Freiwilligenarbeit zu kümmern. Zuerst muss der Betrieb funktionieren. Zudem brauchen auch die Asylsuchenden etwas Zeit, anzukommen.

Wann können Freiwillige los­legen, wenn sie Ihrem Zeitplan ­folgen?
In der Regel machen wir etwa einen Monat, nachdem das Zen­trum eröffnet worden ist, einen Informationsabend für die Freiwilligen. Dieses Datum kommunizieren wir jeweils rasch, weil wir nicht möchten, dass alle die Zentrumsleitung direkt anrufen und damit zusätzlich belasten.

Seit wann erhalten Sie eigentlich so viele Angebote?
Erst seit rund einem halben Jahr. Es begann sich extrem zu ändern mit der Flüchtlingskrise, den Bildern von Fliehenden, die man in den Medien sah. Auch mit der Willkommenskultur in Deutschland. Lokal gefördert hat diese Solidarität auch Riggisberg, das wegen seiner Solidarität mit den Asylsuchenden schweizweit für Schlagzeilen sorgte. Andere Dörfer fragten sich, was sie machen könnten.

Und: Was machen sie?
Viele Freiwillige haben keine konkreten Vorstellungen, sondern fragen uns, wo sie helfen könnten. Es hat aber auch konkrete Angebote. Dann gibts vielfältige Ideen wie Theatergruppen, Musikprojekte oder Ausdruckstanz – darunter sind zum Teil Leute, welche die Asylsuchenden auch therapieren möchten. Oder manche wollen mit den herzigen Kindern etwas machen. Da kommt wirklich alles.

Was war das abstruseste Angebot, das Sie schon erhielten?
In Riggisberg wollte jemand einen Saunabesuch für die Flüchtlinge organisieren. Das haben wir abgelehnt. Schwierig sind manchmal auch Angebote von Musikern und Künstlern, die ihre Projekte mit Asylsuchenden verwirklichen wollen. Wenn diese nur Mittel zum Zweck sind, winken wir ab. Es gab aber auch schon Vorschläge, bei denen wir skeptisch waren, die dann aber bei den Asylsuchenden sehr gut ankamen. In Riggisberg zum Beispiel gab es regelmässig ein Therapiemalen. Das haben Asylsuchende durchaus genutzt, und es hat ihnen etwas gebracht. Ich muss sagen: Die Mehrheit der Angebote ist wirklich brauchbar.

Wer sind die typischen Frei­willigen?
Grundsätzlich haben wir viele junge Leute und viele Pensionierte. Jene zwischen 30 und 50, die im Berufsleben stehen und noch Familie haben, sind zu belastet. Die haben nicht noch Zeit für freiwillige Engagements. Und es helfen vor allem Leute aus dem Mittelstand.

Wann wird Freiwilligenarbeit für Sie als Fachperson schwierig?
Schwierig wird es, wenn Leute mit Helfersyndrom helfen wollen. Menschen, die mit den schlimmen Flüchtlingsbildern aus den Medien nicht klarkommen. Da spürt man zum Teil, dass es ihnen mehr um sich selbst als um die Sache geht. Und schwierig wird es auch, wenn Freiwillige uns überall in unsere Arbeit dreinreden und das Gefühl haben, sie wüssten alles besser.

Wie sind die Angebote letztlich organisiert ?
Da gibt es zwei Arten: Zum einen erteilt die Zentrumsleitung manchen Freiwilligen konkrete Aufträge, zum Beispiel für Deutschkurse, Aufgabenhhilfe oder eine Kleiderbörse. Diese Leute erhalten von uns eine Einsatzvereinbarung. Zum andern ­–und das ist der grössere Teil – gibt es Angebote aus der Dorfbevölkerung: Ausflüge, Sporttrainings, Dorfspaziergänge. Diese Leute organisieren sich nach unserem Informationsabend selber. Wir achten darauf, dass wir jeweils eine Person finden, welche die Koordinationsaufgaben übernimmt. Wir vermitteln dann nur noch die Bewohner, wenn die Angebote mit Flyern im Zentrum publik gemacht werden.

Wollen Asylsuchende solche Zusatzangebote überhaupt?
Doch schon. Extrem beliebt sind Sportangebote. Auch die Asyl­cafés kommen meist gut an. Viele sind auch froh, wenn sie dank der Aktivitäten der Freiwilligen aus den unterirdischen Unterkünften rauskommen.

Was muss ich vor allem beherzigen, wenn ich als Freiwillige oder Freiwilliger arbeiten will?
Die Frage nach Nähe und Distanz ist ein sehr wichtiges Thema – auf beiden Seiten. Fragen Asylsuchende nach Geld, sollten sich Freiwillige abgrenzen. Umgekehrt müssen sie aufpassen, das sie mit ihren Hilfsangeboten nicht übergriffig werden. Man sollte zum Beispiel nie die Flüchtlinge von sich aus nach ihrer Geschichte fragen. Es kann aber natürlich vorkommen, dass Flüchtlinge Vertrauen fassen und Freiwilligen ihr Herz ausschütten. Da kann es sinnvoll sein, sich für solche Situationen in einem Kurs zu schulen. Ich habe es auch schon erlebt, dass Freiwillige wieder aufhörten, weil sie das nicht ertragen haben.

Wie viele Freiwillige arbeiten derzeit für die verschiedenen Heilsarmee-Zentren?
Das kann ich gar nicht sagen. Da habe ich längst den Überblick verloren.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 04.02.2016, 06:47 Uhr

Andreas Flury koordiniert die Einsätze der Freiwilligen. (Bild: Iris Andermatt)

Zur Person

Andreas Flury (52) arbeitet als Projektleiter Beschäftigung bei der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe und ist auch für die Freiwilligenangebote in den Asylzentren der Heilsarmee zuständig. Diese betreibt aktuell 18 Asylzentren im Kanton Bern.

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