Bern

Schlagabtäuschchen mit Samthandschuhen

BernSo friedlich kann Wahlkampf sein: Alec von Graffenried und Ursula Wyss, sichtlich ermüdet vom langen Kampf um das Berner Stadtpräsidium, griffen sich in der öffentlichen Debatte im Progr auch bei kontroversen Fragen kaum an. Fast wähnte man sich an einem Bewerbungsgespräch für ein Jobsharing.

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Eine kleine Episode in der ersten Hälfte war symptomatisch für die ganze 90-minütige Podiumsdebatte, die diese Zeitung am Donnerstagabend in der mit rund 150 Personen gut besetzten Aula des Progr veranstaltet hatte. «Soll ich nun konkret ausführen, was Alec eben theoretisch erläutert hat?», fragte Ursula Wyss (SP), als sie auf­gefordert wurde, die Bewältigung des absehbaren Verkehrswachstums zu skizzieren, das in den nächsten 20 Jahren auf die Stadt Bern zukommt.

Fans von Tempo 30

Die Frage war rhetorisch, denn sie konkretisierte die Ausführungen des Kollegen und Konkurrenten Alec von Graffenried (GFL) hervorragend: Als ausgewiesene Praktikerin, die sie als städtische Verkehrsdirektorin ist, wies sie am Beispiel des Ostrings darauf hin, wie wichtig es sei, sich bei der Lösung lokaler Mobilitätsfragen nicht nur auf grossflächige Prognosen und Patentrezepte zu verlassen, sondern das Problem vor Ort exakt zu analysieren und eine massgeschneiderte Lösung zu finden.

Von Graffenried hatte zuvor davon geschwärmt, wie die Gemeinde Köniz mit der Tempo-30-Zone auf der Hauptachse in ihrem Zentrum für einen zwar lang­samen, aber flüssigen und rücksichtsvollen Verkehrsfluss sorgt. Seiner Meinung nach müsste das die Stadt Bern auf ihren grossen Achsen – etwa dem Nordring – ebenfalls anwenden.

Wie sich Alec von Graffenried und Ursula Wyss in ihren Ausführungen ergänzten. Kamera: Martin Bürki

Der feinfühlige, manchmal zu etwas längeren Monologen neigende Theoretiker von Graffenried, die toughe, knapper formulierende Praktikerin Wyss: Die beiden Kontrahenten um das höchste Exekutivamt der Stadt Bern ergänzten sich über praktisch die ganze Debattendauer so gut, dass man mitunter vergass, eigentlich einem Duell beizuwohnen, das nur noch zehn Tage vor der finalen Entscheidung steht.

Hess blitzte ab

Man wähnte sich eher an einem Bewerbungsgespräch eines bestens funktionierenden, thematisch vielseitigen und sattelfesten Power-Couples, das sich um ein Jobsharing bewirbt. Nie fielen die beiden einander ins Wort. Und dass sie einander inhaltlich ernsthaft widersprochen hätten, kam nicht vor.

Stadträtin Christa Ammann (Alternative Linke) zweifelt den Nutzen der Burgergemeinde für das Allgemeinwohl an. Doch die Stapi-Kandidaten sind sich einig: Ohne Burger gehts nicht.

Die Veranstaltung war in vier thematische Blöcke gegliedert, während denen Experten von unterschiedlicher Weltanschauung mit ihren Fragen Wyss und von Graffenried herauszufordern versuchten. Es blieb beim Versuch: Selbst Erich Hess (SVP), versierter Polemiker mit Spezialthema Rechtsgleichheit und Reitschule, wurde von den Stapi-Aspiranten in corpore pariert.

Hardliner Hess treibe seine Interventionen derart auf die Spitze, sagte von Graffenried, dass man ihm am Ende oft auch dort nicht mehr recht geben möge, wo er eigentlich recht habe. Und Ursula Wyss, die sich wie AvG für einen kontinuierlichen Dialog über die Sicherheits- und Sozialprobleme im Umfeld der Reitschule starkmachte, doppelte nach, dass Hess mit seiner polemischen Aussagen mehr Öl ins Feuer giesse, anstatt Lösungen zu favorisieren.

Erich Hess (SVP) stösst mit seinen Vorbehalten gegenüber der Reitschule nicht grundsätzlich auf taube Ohren, aber...

Wer es während der 90 Minuten nicht aufgab, aus dem Gesagten inhaltliche Differenzen herauszuhören, musste sich mit minimalsten Erfolgserlebnissen begnügen. Neben der Frage nach moderaten Steuersenkungen (AvG: «Diskussion ab nächsten Jahr denkbar.» Wyss: «Im Moment sollte man nicht darüber diskutieren.») betraf das allfällige Fusionsvorhaben der Stadt Bern mit Gemeinden des Agglomerationsgürtels.

Für Wyss ist das eine Illusion, die während ihrer Aktivzeit als Politikerin keine Realitätsaussichten habe. Demgegenüber plädierte von Graffenried dafür, mit mehr regionaler Leadership einen heute unmöglich scheinenden Prozess anzustossen und voranzubringen.

Was zur Frage führt, ob Leadership vielleicht ein weiches Persönlichkeitsmerkmal sein könnte, das AvG und Wyss spürbar unterscheidet. Antwort nach 90 Minuten Performance auf der Progr-Bühne: Nein! Weder Wyss noch von Graffenried wichen den Fragen aus, verhaspelten sich gedanklich oder verloren sich in nichtssagende Allerweltantworten: Und wenn für einmal doch, waren sie – gewollt oder ungewollt – füreinander da und bügelten den Aussetzer aus.

Applaus fürs Team

Die einzige wirklich zählbare Differenz, die sich nach diesem Stapi-Duell festmachen liess: Alec von Graffenried holte sich bei vier Aussagen spontanen Applaus vom Publikum, Ursula Wyss einmal. Aber eigentlich sind das fünf Beifälle für die Teamleistung.

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Erstellt: 05.01.2017, 22:57 Uhr

1. Wahlgang Stadtpräsidium

Nach Stadtteilen stand es unentschieden. Im ersten Wahlgang wollten drei Stadtteile Ursula Wyss (SP) als Stadtpräsidentin, drei hoben Alec von Graffenried (GFL) auf den Schild. Klar und deutlich war der Unterschied eigentlich nur im Stadtteil IV, Kirchenfeld-Schosshalde. Dort liess Alec von Graffenried seine Konkurrentin Wyss um über 1400 Stimmen hinter sich. Ohne Stadtteil IV lag von Graffenried im ersten Wahlgang nur um etwa 50 Stimmen vor Wyss. rah

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