Zollikofen

Salvi fing als Lumpensammler an

ZollikofenVor hundert Jahren begann die Salvi AG Rohstoffe zu sammeln und zu verkaufen. Heute ist die dritte Generation am Ruder. In den letzten Jahrzehnten stiegen die Materialberge an. Aber Geld springt dabei immer weniger heraus.

Sohn und Vater, Vittorio Moreno Salvi (l.) und Vittorio Salvi, führen den hundertjährigen Familienbetrieb.

Sohn und Vater, Vittorio Moreno Salvi (l.) und Vittorio Salvi, führen den hundertjährigen Familienbetrieb. Bild: Beat Mathys

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Hinter Vater und Sohn stapeln sich Papierballen bis an die Decke. Der Boden ist schmutzig, und ein Hubstapler erzeugt Lärm. In der Ecke steht eine Maschine, die das Papier schreddert. Eine andere presst Karton in Ballen.

Seit ziemlich genau hundert Jahren führt die Familie Salvi den Entsorgungsbetrieb, der heute in Zollikofen steht. Von Vater zu Sohn ist er vererbt worden. «Mein Lehrmeister und Vater ist noch jeden Tag hier», sagt Geschäftsleiter Vittorio Moreno Salvi. Sein 67-jähriger Vater, der auch Vittorio Salvi heisst, fügt schmunzelnd hinzu: «Ohne mich gehts nicht.»

Knochen und Würmer

In der Halle ist es kalt, deshalb suchen sich die beiden ein wärmeres Plätzchen. Im Büro liegen auf dem Tisch zahlreiche Schwarzweissfotos. Auf einem ist der Gründer Giovanni Salvi mit Frau und Söhnen zu sehen. Während des Ersten Weltkriegs hat Salvi angefangen zu sammeln: Altpapier, Lumpen, Velospeichen, Pneus und was sonst alles auf der Strasse herumlag. «Mit seinem Leiterwagen ist mein Grossvater durch die Gassen gezogen», erzählt der ältere Salvi.

In dieser Zeit waren alle Rohstoffe wertvoll, da wegen des Krieges keine importiert wurden. Sogar stinkende Knochen sammelte der Gründer. «Wenn die Säcke mit den Knochen ein paar Tage liegen blieben, krochen Würmer heraus», erinnert sich Salvi. Aus den Knochen wurden Leim und Kleister gewonnen.

Die ersten Lastwagen haben die Mitarbeiter von Hand beladen. Bild: Beat Mathys

Als der Gründer des Betriebs starb, übernahm seine Frau mithilfe ihrer Söhne. Sie kauften sich ein Pferd mit Anhänger, auf welchen sie die Abfälle luden. «Natürlich alles von Hand», so Salvi. «An die körperliche Arbeit ­gewöhnte man sich.» Er habe davon keine Rückenschmerzen bekommen.

«Wir haben uns gegenseitig herausgefordert, wer den schwersten Papierballen auf dem Rücken tragen kann», erinnert sich der 67-Jährige. «Mein Bruder konnte bis zu 300 Kilogramm tragen.» Sein Sohn wirft dazwischen: «Heute sind laut Suva noch 25 Kilogramm erlaubt.»

«Wir haben uns gegenseitig herausgefordert, wer den schwersten Papierballen auf dem Rücken tragen kann.»Vittorio Salvi

Der jüngere Salvi ist mit 21 Jahren in den Betrieb eingestiegen. «Mein Vater fragte jeweils am Nachmittag, wer mit ihm ‹schaffen› komme», erzählt er. «Schaffer» sei als Junge sein Traumberuf gewesen. Der Vater nahm den Sohn beispielsweise mit zum Eisenladen in Saanen. «Es war fürchterlich kalt in diesem Schattenloch», erinnert sich Salvi. «Im Lastwagen konnte ich mich aufwärmen.» Immer mehr Gefährte kaufte sein Vater. Hubstapler und Bagger erleichterten die Arbeit.

Mehr Rohstoffe, weniger Geld

Ein vergilbter Ordner liegt auf dem Tisch. Salvi blättert in den alten Rechnungen: «Unsere Verkaufspreise für Schrott und Altpapier sind die letzten Jahrzehnte ungefähr gleich geblieben.» Doch ein Lastwagenfahrer verdiene etwa zehnmal mehr als damals. Altkupfer kostete 1930 pro Kilogramm 1.70 Franken.

Heute liegt der Preis bei 3 bis 4 Franken. «Die Nebenkosten sind unverhältnismässig gestiegen», so der jüngere Salvi. Der Staat macht heute bestimmte Auflagen und erhebt Gebühren wie etwa die Schwerverkehrsabgabe.

«Nur durch Vervielfachen der Mengen konnten wir das Defizit auffangen», weiss Salvi senior. Heute hätten Rohstoffe einen ganz anderen Wert, findet er. «Je mehr vorhanden sind, desto weniger Geld bekommen wir dafür.» Vorsichtige Investitionen hätten den Betrieb jedoch am Leben erhalten, meint Salvi. «Das Gespür für Rohstoffe liegt uns im Blut.»

Die nächsten hundert Jahre

Heute beschäftigt die Firma zwanzig Mitarbeiter und ist im Grossraum Bern unterwegs. Tausende Tonnen Material werden jährlich in Zollikofen verarbeitet. «Wenn weiterhin so viel produziert wird, braucht es uns auch im nächsten Jahrhundert», sagt der Geschäftsführer. Sein Vater ist zehnfacher Grossvater. «Für die nächsten hundert Jahre ist gesorgt», sagt der jüngere Salvi schmunzelnd.

Er schliesst den Ordner und verstaut die Schwarzweissfotos. Mit festen Schritten gehen Vater und Sohn in die Halle. Der Berg der Papierballen ist unterdessen weiter gewachsen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.01.2017, 09:49 Uhr

Marktplatz

Immobilien

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Die Kanzlerin und die Narren: Angela Merkel freut sich in Berlin über den eben erhaltenen Ehrenorden des Deutschen Karnevalbundes (23. Januar 2017).
(Bild: Hannibal Hanschke) Mehr...