Bern

Raubkunst-Recherche wird für das Kunstmuseum zur Herkulesaufgabe

BernDas Kunstmuseum Bern durchleuchtet seine Sammlung – und merkt, wie wenig es über die Herkunft seiner Werke weiss. Es gibt neue Verdachtsfälle, und ein historisch belastetes Bild muss das Haus womöglich zurückgeben.

Verdächtig: «Les anémones» von Henri Matisse erwarb das Kunstmuseum 1944.

Verdächtig: «Les anémones» von Henri Matisse erwarb das Kunstmuseum 1944. Bild: zvg/Kunstmuseum Bern

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Es könnte der Monat der Wahrheit werden. Insider rechnen damit, dass der Erbstreit um die Sammlung Gurlitt bereits im April entschieden wird. Und nächste Woche eröffnet das Kunstmuseum eine Schau mit Werken, die von den Nazis als «entartet» gebrandmarkt wurden. Beide Ereignisse haben mehr miteinander zu tun, als man meinen könnte.

«Keine Raubkunst in Bern»: Das war die Botschaft der Museumsführung, als sie 2014 vor der Weltpresse die Annahme des Gurlitt-Erbes kundtat. Mit ande-ren Worten: Nur «saubere» Werke mit geklärter Herkunft sollten nach Bern kommen. Wie klug der Grundsatz war, wird im Haus schon länger hinterfragt. Die ­Maxime führt dazu, dass ein beträchtlicher Teil der Sammlung Gurlitt in Deutschland bleiben dürfte, unabhängig davon, wie der Rechtsstreit um das Erbe ­ausgeht.

Vor allem aber hat sich das Haus mit der Ankündigung selbst unter Druck gesetzt: Ein Museum, das auf moralische «Sauberkeit» pocht, sollte auch über seine eigene Sammlung ­genau im Bild sein. Das aber war beim Kunstmuseum nicht der Fall. Und ist es bis heute nicht.

Immense Herkunftslücken

Das wahre Ausmass zeigt sich nun im Vorfeld der Prestigeausstellung «Moderne Meister». Im Hinblick darauf hat das Museum seine Sammlung durchforstet. Die Bilanz ist ernüchternd: Bei fast 40 Prozent der Werke, die nach 1933 ins Haus kamen und vor 1945 entstanden sind, hat das Museum keine Ahnung, woher sie stammen. Bei weiteren 15 Prozent sind die Herkunftslücken ­erheblich.

Sammlungsleiter Matthias Frehner sieht bei 337 von 525 Werken «Handlungsbedarf» und spricht von einer «immensen Arbeit», nicht zuletzt aufgrund der dürftigen Quellenlage. «Das Kunstmuseum Bern wird sich dieser Aufgabe stellen. Ein Pro­venienzforschungsprojekt soll noch dieses Jahr starten», so Frehner. Einen kleinen Teil der Kosten dürfte der Bund tragen, der entsprechende Vorhaben bis 2020 mit insgesamt zwei Millionen Franken unterstützt.

Verdächtiger Matisse

Gibt es Raubkunst im Kunstmuseum Bern? «Das kann leider ­immer noch nicht ausgeschlossen werden», sagt Frehner. Allerdings gibt es nur in wenigen ­Fällen konkrete Anhaltspunkte. Verdächtig ist etwa «Les anémones» von Henri Matisse: Das Kunstmuseum kaufte das Gemälde 1944 bei der Galerie Rosengart in Luzern, mit Geld von Stadt und Kanton Bern. Zuvor befand sich das Bild beim Genfer Verleger Albert Skira, der nachweislich in Raubkunstfälle verwickelt war.

Umstritten bleibt das 1943 erworbene Gemälde «Le réveil» von Gustave Courbet, das teuerste Werk, das die Institution zwischen 1933 und 1945 kaufte. In den Fünfzigerjahren kam es vor dem Berner Amtsgericht zu einem Verfahren, das zugunsten des Kunstmuseums ausging. Das Beispiel Courbet macht deutlich, wie verworren die Umstände sein können, unter denen Bilder im Zweiten Weltkrieg ihre Besitzer wechselten.

Millionenschwerer Fehlgriff?

Zurückgeben muss das Kunst­museum womöglich ein anderes Werk, das von den Nazis in deutschen Museen beschlagnahmt wurde. Zwar sind solche Werke der «entarteten» Kunst grundsätzlich klar von Raubkunst abzugrenzen. Es gibt aber einen heiklen Zwischenbereich: Bilder, die bei der Beschlagnahmung 1937 nicht den Museen selbst gehörten, sondern Privatleihgaben waren.

Dazu gehört aller Wahrscheinlichkeit nach das Gemälde «Dünen und Meer» von Ernst Ludwig Kirchner, das die Museumsverantwortlichen im Jahr 2000 mit anonym gespendeten Mitteln bei einer Kornfeld-Auktion erwarben. Diese Zeitung hat den Fall im Mai letzten Jahres publik gemacht. Einiges spricht dafür, dass es sich beim Kirchner-Kauf um einen millionenschweren Fehlgriff handelte. Allerdings sind die Abklärungen dazu nicht abgeschlossen: Das Kunstmuseum hat mehrere Herkunftsforscher auf den Fall angesetzt.

Gravierende Herkunftslücken, mehrere Verdachtsfälle: Bei anderen Schweizer Museen dürfte es kaum besser aussehen. Schritte hin zu einer konsequenten Aufarbeitung hat jedoch keines gemacht. Das Kunstmuseum geht also mit gutem Beispiel voran. Es ist eine hintersinnige Transparenzoffensive: Bern will sich als nationales Zentrum für Provenienzforschung profilieren. Berner Parlamentarier setzen sich auf Bundesebene dafür ein. Die Berner Mäzenin Ursula Streit hat jüngst Mittel dafür in Aussicht gestellt.

Ziel ist unter anderem eine nationale Datenbank, in der alle Schweizer Museen ihre ­Bestände, ihr Wissen, aber auch ihre Herkunftslücken transparent machen sollen. Die Offensive ist aber auch im Erbstreit Gurlitt von Bedeutung. Während die Gegenpartei um Gurlitts Cousine Uta Werner alle PR-Register zieht, betreibt das Kunstmuseum Aufklärung in eigener Sache – auch das ist eine Botschaft. Vor allem aber ist die Ausstellung «‹Entartete› Kunst im Kunstmuseum» so etwas wie ein Probelauf für die geplante Gurlitt-Schau – vorausgesetzt, die Richter in München entscheiden zugunsten Berns. (Berner Zeitung)

Erstellt: 31.03.2016, 06:09 Uhr

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