Im Kampf gegen ein zu lockeres Skalpell

Zwischen 20 und 30 Prozent der durchgeführten Operationen wären medizinisch nicht notwendig. Jürg Schmidli, Chefarzt am Inselspital, hat dieser Entwicklung den Kampf angesagt – mit einem Onlineportal.

Chefarzt Jürg Schmidli bietet im Internet medizinische Zweitmeinungen an.

Chefarzt Jürg Schmidli bietet im Internet medizinische Zweitmeinungen an. Bild: Beat Mathys

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Wer im Kanton Bern Hüftprobleme hat, landet schneller auf dem Operationstisch als in anderen Kantonen. Pro tausend Einwohner wurden in Bern 2014 rund 30 Prozent mehr künstliche Hüftgelenke eingesetzt als im Kanton Zürich. Aber auch in anderen Kantonen werden manche Eingriffe häufiger vorgenommen als andernorts. Im Tessin etwa entfernen die Ärzte den Frauen die Gebärmutter überproportional häufig.

Medizinische Erklärungen für die kantonalen Unterschiede gibt es nicht. Klar ist aber: Gemäss verschiedenen Studien wird in der gesamten Schweiz im Vergleich zum Ausland zu viel operiert. Wie viel zu viel, ist aber nicht bekannt. Genaue Zahlen gibt es nicht. Experten schätzen jedoch, dass rund 20 bis 30 Prozent der durchgeführten Operationen unnötig wären.

Diesem Missstand hat Professor Jürg Schmidli, Chefarzt für Gefässchirurgie am Berner Inselspital, den Kampf angesagt. Letztes Jahr ist er als Präsident der Stiftung Vascular International eine Partnerschaft mit dem ­Onlineportal Meinezweitmeinung.ch eingegangen. Seither bietet er dort ärztliche Zweitmeinungen an. «Diese sind eine wichtige Korrekturmöglichkeit, damit unnötige medizinische Behandlungen verhindert werden können», sagt Schmidli.

Steigende Nutzerzahlen

Besonders problematisch sei es, wenn ein Spezialist einem Patienten nur jene Behandlung empfiehlt, die er selber auch gleich durchführen kann. «In Sprechstunden werden mögliche Alternativen häufig gar nicht mehr erwähnt», sagt Schmidli. In solchen Fällen empfehle sich, eine Zweitmeinung einzuholen. Via Onlineportal geschieht dies schnell und unkompliziert. Die Patienten beantworten Fragen und reichen Dokumente ein. Innert zehn Tagen erhalten sie eine Beurteilung. Die Kosten von 350 Franken übernimmt in vielen Fällen die Krankenkasse.

Lukrativ sei dies für die Ärzte nicht, sagt Schmidli. Darum gehe es auch nicht. «In rund 30 Prozent der von uns bearbeiteten Fälle ändert der Patient aber seine Meinung und verzichtet auf eine Operation.» Pro verhinderten Eingriff könnten so meist zwischen 10 000 und 50 000 Franken eingespart werden.

Betrieben wird das Portal seit 2015 von einem Zürcher Start-up-Unternehmen. Zahlen zur Nutzung werden keine bekannt gegeben. «Wir verzeichnen aber seit der Lancierung ein stetes Wachstum», sagt Jonas Zuberbühler von Aware Plus.

Namhafte Personen

Von den aktuell 18 Spezialisten, die Onlinezweitmeinungen anbieten, arbeitet die Hälfte am Berner Inselspital. Darunter sind namhafte Personen wie der renommierte Herzchirurg Thierry Carrel oder Neurochirurg Andreas Raabe. Dies ist der Initiative von Schmidli zu verdanken. Er hat seinen Kollegen das Portal schmackhaft gemacht. «Wenn es pauschal heisst, dass Ärzte zu viel operieren, müssen wir doch ein Interesse daran haben, etwas dagegen zu tun», sagt der Chefarzt.

«Wenn ein  Patient kommt, wird er auch  gleich ­operiert.»

Chefarzt Jürg Schmidli

Wegen unnötiger Eingriffe sitzen insbesondere die Privatspitäler immer wieder auf der Anklagebank. Auf Meinezweitmeinung.ch bieten aber auch vier Ärzte aus solchen Kliniken ihre Expertise an. Viel zu wenig, findet Schmidli. «Es wäre gut, wenn mehr Spezialisten aus Privatspitälern mitmachen würden. Dann könnten sie beweisen, dass es auch ihnen ernst ist.»

Bei der Lindenhofgruppe, die auf dem Portal überhaupt nicht vertreten ist, heisst es auf Anfrage, dass ein Grossteil der Ärzte freischaffende Belegärzte seien. «Sie entscheiden selber über ihre Engagements wie zum Beispiel bei dem Portal Meine Zweitmeinung», schreibt die Medienstelle.

Fehlende Wartelisten

Patientenschützerin Margrit Kessler begrüsst das Engagement der Berner Mediziner. Sie habe häufig mit verunsicherten Patienten zu tun, und es sei schwierig, diesen einen Arzt für eine Zweitmeinung zu empfehlen. «Das Onlineportal schafft hier Abhilfe», sagt die Präsidentin von der Stiftung SPO Patientenschutz. Dass ein Unternehmen mit Zweitmeinungen Geld verdient, stört sie nicht. «Gratis macht heute niemand mehr ­etwas.» Kessler ist zudem überzeugt, dass solche Angebote immer wichtiger werden. Behandlungen zu hinterfragen, sei wichtiger denn je.

Weshalb Ärzte unnötige Operationen vornehmen, hängt laut Chefarzt Schmidli in erster Linie mit dem Überangebot zusammen. «In vielen Bereichen bestehen keine Wartelisten. Das heisst: Wenn ein Patient kommt, wird er auch gleich operiert.» Hinzu kämen Fehlanreize. Das Einkommen von selbstständigen Ärzten wird anhand der Anzahl Patienten bestimmt. Aber auch bei Spitalärzten bestehen Anreize für ein lockeres Skalpell. «Jeder vierte Mediziner in Schweizer Spitälern bekommt einen Bonus, wenn er häufiger operiert.» In Deutschland wurden solche mengenbezogene Lohnanreize vom Bundestag kürzlich ver­boten.

Druck von der Spitalleitung

Schliesslich sei auch der Druck der Spitalleitungen grösser geworden. «Von den Chirurgen wird vielerorts erwartet, dass sie immer mehr operieren.» Bis vor kurzem musste auch Schmidli mit seinen Vorgesetzten jeden Monat ein Wirtschaftlichkeitsgespräch führen. Darin ging es etwa um die Anzahl Spitalaustritte oder den Schweregrad der behandelten Fälle. «Wenn die Zahlen tiefer waren als im Vormonat, hätte ich unmittelbar etwas ändern sollen», so Schmidli.

Das sei aber unmöglich. «Manchmal landet der Helikopter zehn-, manchmal nur zweimal am Tag. Das kann niemand von uns steuern. Die Patientenströme lassen sich nicht so schnell verändern.» Deshalb habe er im Spass auch schon vorgeschlagen, dass er am Loeb-Egge Operationen anbieten könnte. Das scheint gewirkt zu haben: «Seither erhalte ich die Daten monatlich nur noch zur Kenntnis. Die Gespräche finden nicht mehr so häufig statt.»

Das Problem der unnötigen Operationen hat mittlerweile auch der Berner Regierungsrat erkannt. So will er auf Grundlage der neuen Versorgungsplanung, die in zwei Wochen im Grossen Rat beraten wird, die Überkapazitäten im Raum Bern reduzieren. Ob dies gelingt, ist unklar. In der Vergangenheit haben sich die Spitäler stets vor Gericht gegen eine Angebotskürzung gewehrt – und recht bekommen.

Geplant ist zudem, dass Bern bei einer Basler Studie mitmacht, in der die Notwendigkeit von Operationen untersucht wird. Sollte sich dabei zeigen, dass Spitäler unnötige Eingriffe vornehmen, will der Kanton diesen ebenfalls die Leistungen kürzen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.03.2017, 08:09 Uhr

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