Bern

Der Kanton Bern ist die Schweizer Bier-Hochburg

BernDer Boom hält an. Im Kanton Bern sind über 100 Brauereien gemeldet, so viel wie in keinem anderen Kanton. Die Vielfalt lebt – doch den Löwenanteil brauen ein paar wenige Grosse.

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Das Wetter ist nicht mehr ganz so heiss – gut für die Brauer, denn bei allzu viel Hitze schwenken die Schweizer vernünftigerweise auf alkoholfreie Getränke um. Nach den vergangenen Mineralwasserwochen ist jetzt also wieder das Feierabendbier angesagt.

Nicht nur geprostet wird leidenschaftlich. Immer mehr Berner brauen sich den Gerstensaft selbst. Das schlägt sich in der Statistik der eidgenössischen Zolldirektion nieder: 104 Berner Brauereien sind registriert – von schweizweit 548.

Eine Brauerei auf 10'000 Berner

Bern ist also Bierkanton Nummer eins, mit solidem Vorsprung auf die Kantone Zürich (78 Brauereien) und Aargau (55). Auf 10000 Berner kommt eine Brauerei. Vier Brauhäuser aus vier Regionen stellen wir vor.

7 Berner Brauereien sind klein oder mittelgross (siehe Grafik oben). Alle anderen zählen zu den Mikrobrauereien, die weniger als 1000 Hektoliter Bier pro Jahr produzieren. «Der Wachstum bei den Klein- und Hausbrauereien ist ungebremst», sagt Patrick Richner von der Eidgenössischen Zollverwaltung. Im ersten Halbjahr haben sich 65 neue Schweizer Brauereien angemeldet. «Die einzelnen Betriebsaufgaben werden überkompensiert», sagt er.

Nicht alle, die ein Bierbrauset in ihre Garage gestellt haben, gelten als Brauer: Wer im eigenen Haushalt höchstens 400 Liter für den Eigengebrauch braut, muss sich nicht eintragen; wer die Grenze überschreitet und/oder das Bier verkauft, hat sich beim Bund zu registrieren.

Eine Umfrage bei den Berner Brauereien zeigt: Viele kleine haben wenig Interesse am Lagerbier, der meistkonsumierten Sorte. Sie setzen auf Spezialitäten wie Märzenbier oder Ale. Der Boom und das Wachstum in die Breite haben gute Gründe: Immer mehr Bierkonsumenten haben Lust auf einen speziellen Biergenuss – und auf Produkte aus der Region.

Grosse brauen Lager

Lagerbier, nach wie vor die wichtigste Sorte, ist eher die Sache der Grossen im Kanton – wobei Grösse relativ ist: Rugenbräu, die grösste eigenständige Berner Brauerei, kommt jährlich auf geschätzte 40'000 Hektoliter. Genaue Zahlen gibt Rugenbräu nicht bekannt. Zum Vergleich: Die grösste Brauerei in Schweizer Besitz produziert 250'000 Hektoliter – Ramseier, die man eher mit Apfelsaft in Verbindung bringt. In Hochdorf braut die Firma Eigenmarken von Grossverteilern. Weit grösser ist der Ausstoss von Feldschlösschen, das zum dänischen Carlsberg-Konzern gehört. Der Aargauer Betrieb ist ebenfalls zurückhaltend mit Zahlen. Er dürfte bei einem Carlsberg-/Feldschlösschen-Marktanteil von 40 Prozent und einem Inlandausstoss von 3,43 Millionen Hektolitern die Eine-Million-Hektoliter-Grenze deutlich übersteigen. Die Marktführerschaft der Grössten ist auf den ersten Blick solide. Laut der Eidgenössischen Zollverwaltung brauen die 20 grössten Schweizer Brauereien 98 Prozent des Biers. Doch gerade Feldschlösschen hat einen stagnierenden bis sinkenden Absatz. Schuld daran sind die wachsenden Importe – aber auch die mengenmässig zwar noch bescheidenen, aber boomenden regionalen Brauereien.

Stadt Bern :Hier wird Bier inmitten der Gäste gebraut

Im Alten Tramdepot in Bern stehen direkt beim Eingang zum Restaurant zwei Braukessel. Das eigene Bier wird hier seit 1998 gebraut.

Mit einem jährlichen Ausstoss von 2500 bis 2800 Hektolitern Bier ist die Gasthausbrauerei Altes Tramdepot beim Bärengraben die sechstgrösste Brauerei im Kanton. Anders als bei den fünf grösseren Mitstreitern gibt es das Tramdepot-Bier aber nicht in kleinen Flaschen, sondern nur in Zweiliterflaschen und Partyfässern und im Offenausschank in mehreren Restaurants. Erhältlich ist es im Tramdepot sowie in der Brasserie 11 und im Lirum Larum. Ausserdem braut das Tramdepot auch Bier für die Käserei (Restaurant und Bar) in Murten, für das Klösterli-Weincafé und für Einstein Kaffee.

Im Alten Tramdepot stehen die grossen Bierkessel beim Eingang zum Restaurant. Wie ist es, hier zu arbeiten? «Das ist meine Bühne», sagt Brauer Matthias Koschahre. Der Sachse arbeitet seit acht Jahren im Betrieb. Was dem Brauer besonders gefällt: Hier wird nicht in einem Keller gebraut, sondern man kann mit den Gästen kommunizieren und Fragen rund ums Bier beantworten.

20 bis 24 Biere pro Jahr

Das Tramdepot ist eine Erfolgsgeschichte. Als Vorbild diente dem Berner Restaurant Ende der 1990er-Jahre das bekannte Wiener Lokal «7Sternbräu», in dem ebenfalls inmitten der Gäste gebraut wird. Seit siebzehn Jahren ist der Bierausstoss im Tramdepot gestiegen, «vor allem das letzte Jahr war top», sagt Inhaber Thomas Baumann. Im Angebot stehen drei verschiedene Biere: das Helle, das Märzen und ein Weizenbier. «Hinzu kommen alle zwei Wochen 1600 Liter eines speziell gebrauten Biers», sagt Baumann (weitere Infos: www.altestramdepot.ch). ehi

Seeland: Bier seit 9 Jahren

Innert kurzer Zeit hat sich das Aare-Bier aus Bargen im Seeland zur Nummer fünf im Kanton Bern gemausert.

2006 wurde das erste Aare-Bier gebraut. Das war der Anfang einer Erfolgsgeschichte. Bereits ein Jahr später wurden in Bargen 160'000 Liter gebraut. Nach 5 Jahren betrug der Ausstoss bereits 400'000 Liter. «Wir haben uns stark verankert im Seeland, ja fast im ganzen Kanton Bern», hiess es damals am Jubiläumsfest. Was dem Aare-Bier bis heute entgegenkommt: Das Seeländer Bier ist in der Region Bern bei Coop in 24 Filialen erhältlich. Ausserdem bieten vermehrt auch Restaurants das Bier im Offenausschank an.

2013 hat Cesare Gallina die Brauerei übernommen. Er war bereits bei der Gründung vor bald 10 Jahren Geschäftsführer. Heute ist seine Brauerei die Nummer fünf im Kanton Bern mit einem Ausstoss von 570'000 Litern Bier. Im Sortiment sind nebst Flaschen- und Offenbier auch selbst kühlende Fässer. ehi

Emmental: Burgdorfer Bier auf Expansionskurs

Vor drei Jahren zügelte die Burgdorfer Gasthausbrauerei ins frühere Kornhaus. Damit konnte der Bierausstoss verdoppelt werden.

Gegen 2000 Aktionäre besuchten im letzten Mai die GV der Burgdorfer Gasthausbrauerei AG. Für die GV, an der das Sitzungsgeld in flüssiger Form «ausbezahlt» wird, wird jeweils extra ein grosses Festzelt aufgestellt. An der letzten GV konnte der Verwaltungsrat von einem guten Geschäftsjahr berichten: 7000 Hektoliter oder 11 Prozent mehr Ausstoss als im Vorjahr. Zunahme des Absatzes um 100'000 auf 870'000 Flaschen – inzwischen wird 65 Prozent des Bieres in Flaschen ausgeschenkt. Steigerung des Gesamtertrages um 8 Prozent auf rund 2,3 Millionen Franken, Jahresgewinn gut 330'000 Franken.

Im Sortiment sind das Helle und das Aemme. Hinzu kommt im Sommer jeweils ein Weizenbier und seit drei Jahren ein Spezialbier. Schliesslich gibt es jeweils im Winter ein weiteres Spezialbier.

Kapazität verdoppelt

Seit vier Jahren ist der gebürtige Mannheimer Oliver Honsel Braumeister. «Es macht grossen Spass, immer wieder an neuen Bieren zu tüfteln», sagt er. «Wir wollen weg vom Mainstream und den Bierliebhabern neue und spezielle Biere präsentieren.»

2012 zügelte die Brauerei vom alten Schützenhaus in Burgdorf in das ehemalige Kornhaus. «Damit konnten wir die Kapazität verdoppeln», sagt Honsel. Am neuen Standort könne man in angenehmer Atmosphäre viel effizienter arbeiten. Kritisiert wird beim «Burdlefer» immer wieder, dass nur Halbliterflaschen im Handel erhältlich sind. Das könnte sich aber schon bald ändern. Allerdings will sich Honsel zu diesen Gerüchten nicht äussern.ehi

Oberargau: Bier als Hobby

Drei Freunde aus Niederönz betreiben eine Brauerei als Freizeitbeschäftigung. Das Bier trinken sie selber oder verkaufen es Privatpersonen.

«Ich und ein guter Freund, Peter Strahm, starteten mit einem Kupferkessel und einem Gasbrenner», erzählt Brauereiinhaber Markus Ammann. In der Kleinbrauerei Önzerbräu wird einmal monatlich im Keller von Ammann gebraut. An diesem Tag entstehen in sieben Stunden etwa 55 Liter Bier. Ammann, der als Gruppenleiter in einer Heizungsfirma arbeitet, ist immer dabei. Strahm, der hauptberuflich als Schreiner tätig ist, und auch Marco Graf, von Ammann als «Helfer in der Not» bezeichnet, unterstützen ihn bei der Arbeit.

Aufs Jahr gerechnet ergibt dies etwa 660 Liter, was 2014 jedoch massiv überboten wurde. Knapp wurde die 1000-Liter-Marke nicht erreicht. «Wir haben 2014 so Gas gegeben, dass der Hobbyfaktor beinahe verloren ging», erklärt Ammann.

Alles Handarbeit

In der Kleinbrauerei wird alles von Hand und selber gemacht. Vom Flaschenabfüllen bis zum Etikettenaufkleben. Ihr Engagement brachte den Hobbybrauern gar Anfragen von Restaurants ein, die das Bier gerne in ihr Sortiment aufgenommen hätten. Da dies jedoch einen massiven Mehraufwand bedeutet hätte, haben Ammann und Strahm die Angebote ausgeschlagen.

Das gebraute Bier trinken sie selber oder verkaufen es an Private: «Es hat, solange es hat», sagt Ammann. Meistens werden 6er-Kartons oder nur einzelne Flaschen gekauft. «Unsere Vision ist, dass alles etwas grösser wird. 2500 Liter in einem Jahr wären top.» Ammann erklärt aber auch, dass für die Erfüllung seiner Vision grössere Anschaffungen nötig wären, die momentan finanziell nicht drinliegen. Jonas M'Barki (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.07.2015, 09:48 Uhr

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