Harter Schlag für Solaranlagen-Besitzer

Die BKW kürzt die Vergütung für Strom von Kleinproduzenten markant. Statt bis zu 11,5 Rappen pro Kilowattstunde gibt es ab Anfang 2017 nur noch 4 Rappen. Den Kauf einer Solaranlage muss man sich nun zweimal überlegen.

Wer auf seinem Hausdach eine Solaranlage betreibt, bekommt von der BKW künftig für den Strom deutlich weniger Geld.

Wer auf seinem Hausdach eine Solaranlage betreibt, bekommt von der BKW künftig für den Strom deutlich weniger Geld. Bild: Keystone

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Mehrere Tausend Solaranlagenbetreiber sind verärgert. Sie haben unlängst ein Schreiben der BKW erhalten: Der Energiekonzern stutzt den unabhängigen Kleinproduzenten auf Anfang 2017 die Vergütung für eingespeisten Strom auf 4 Rappen pro Kilowattstunde.

Bislang bezahlte die BKW dafür bis zu 11,50 Rappen, also fast das Dreifache.Der maximale Preis galt im Hochtarif tagsüber für Produktionsanlagen, die vor dem 1. März 2015 in Betrieb genommen wurden und eine Leistung von unter 30 Kilowatt aufweisen. Für jüngere und stärkere Anlagen fiel die sogenannte Rückliefervergütung etwas geringer aus. Zudem unterschied die BKW Hochtarif von 7 bis 21 Uhr und Niedertarif in der Nacht, was für Solaranlagen naturgemäss fast keine Rolle spielt.

Einheitstarif

All diese Differenzierungen sind nun Geschichte. Der neue Einheitstarif von 4 Rappen liegt gar unter dem bisherigen Tiefstpreis von 4,1 Rappen für eine neue, grosse Anlage im Niedertarif. Der Berner Konzern zählt damit in der Schweiz nicht mehr wie bisher zum Mittelfeld, sondern zu den knausrigen Rückliefervergütern. Das zeigt der Vergleich auf dem Portal www.pvtarif.ch des Verbands unabhängiger Energieerzeuger.

«Dieser Entscheid der BKW ist schwer verständlich.»

David Stickelberger, Swissolar

Die Stadtberner EWB zum Beispiel bezahlt dieses Jahr im Normaltarif 10,7 Rappen pro Kilowattstunde eingespeister erneuerbarer Energie. Sie senkt diese Vergütung auf Anfang 2017 ebenfalls, der Abschlag auf 10,1 Rappen ist aber wesentlich moderater als bei der BKW. Wie viel die BKW mit der Senkung der Rückliefervergütung einspart, gibt das Unternehmen nicht bekannt. Für die Kleinproduzenten kann die Senkung je nach Anlage bis zu mehreren Hundert Franken pro Jahr ausmachen.

Die BKW zählt derzeit rund 4500 Kundinnen und Kunden, die Strom selber produzieren und ins Netz einspeisen. Davon profitieren etwa 1000 von zusätzlichen Einnahmen, weil sie mit ihrer Anlage die Aufnahme ins landesweite Förderprogramm Kostendeckende Einspeisevergütung geschafft haben. Seit längerem besteht dafür allerdings eine Warteliste, weil viel mehr Anlagen angemeldet worden sind, als Fördermittel zur Verfügung stehen.

Völlig neu kalkulieren

Auch die BKW gewährt darüber hinaus weiterhin einen Zustupf für Solarstromproduzenten: Sie vergütet entsprechende Herkunftsnachweise unverändert mit 4,5 Rappen pro Kilowattstunde. Doch auch hier hat es derzeit keinen Platz am Topf: Im Moment sei das Angebot grösser als die Nachfrage für entsprechende Stromprodukte, hält die BKW in einer Medienmitteilung fest. Sie richtet aber Anfang 2017 eine ­Onlinewarteliste ein.

Doch vorläufig heisst es anders kalkulieren: Ein betroffener Leser hat zum Beispiel im März für rund 25 000 Franken eine Solaranlage gekauft und damit gerechnet, den produzierten Strom inklusive Herkunftsnachweise für rund 14 Rappen pro Kilowattstunde an die BKW verkaufen zu können. Nun sind es bloss 4 Rappen, womit sich seine Amortisationszeit um den Faktor 3,5 verlängert. Er habe die Solaranlage zwar aus ökologischen und nicht ökonomischen Gründen gekauft.

Trotzdem ärgert er sich darüber, dass die BKW Solarstromproduzenten derart drücke, während sich das Unternehmen sonst gerne das grüne Mäntelchen anziehe. Zudem blieben auf der anderen Seite die Preise der BKW für die Stromkonsumenten unverändert, moniert ein anderer Leser.

Verweis auf Elcom

BKW-Sprecherin Sabrina Schellenberg betont, das Unternehmen unterstütze die Energiestrategie des Bundes weiterhin. Neben der Stilllegung des AKW Mühleberg gehöre dazu, dass die BKW bei neuen Kraftwerksprojekten nur noch auf erneuerbare Energien setze und die Optimierung des Eigenverbrauchs von Solaranlagenbetreibern fördere. Bislang versorgen sich nur die wenigsten Haushalte selber.

Die BKW expandiert im Geschäft mit der Installation und dem Unterhalt von Solaranlagen sowie im Energiemanagement für Haushalte. Sie ist deshalb daran interessiert, dass die Solarstromproduzenten die Energie selber verbrauchen und lokal in Batterien speichern, statt dass alle zusammen bei viel Sonnenschein das Netz auslasten.

Als Grund für die Preissenkung nennt die BKW einen Grundsatzentscheid der Aufsichtsbehörde Elcom. Es gebe nun erstmals einen klaren Rahmen für die Vergütung. Demnach müssen die Netzbetreiber nur noch so viel bezahlen, wie sie am Markt respektive bei Lieferanten zahlen müssten. Entsprechend liegt der neue Preis von noch 4 Rappen im Bereich des aktuellen Strommarktpreises.

Kritik von Swissolar

Für David Stickelberger, Geschäftsleiter des Interessenverbandes Swissolar, ist der künftig von der BKW gewährte Preis von 4 Rappen nicht nachvollziehbar. Die Elcom habe in ihrem Entscheid festgehalten, dass vier Fünftel aller Netzbetreiber Bezugskosten zwischen 4,4 und 7,2 Rappen pro Kilowattstunde hätten.

Es sei zwar denkbar, dass die BKW zu noch günstigeren Tarifen beziehe, aber dann sei nicht verständlich, weshalb den gefangenen Konsumenten die Energie zu 9,37 Rappen verkauft werde. Die BKW-Sprecherin entgegnet, dass der Konzern selber Strom produziere, diese Gestehungskosten laut Elcom für die Rückliefervergütung aber nicht anrechnen müsse.

Wechsel möglich

Betroffenen Solaranlagenbesitzern bleibt eine Klage bei der Elcom, wobei die Aussicht auf Erfolg bescheiden ist. Oder sie können bei anderen Netzbetreibern Angebote für die Rückliefervergütung einholen. Für den Wechsel muss man aber den Aufwand einer sogenannten Lastgangmessung auf sich nehmen. Immerhin wird die BKW die Vergütung für die unabhängigen Kleinproduzenten künftig periodisch prüfen und entsprechend der Entwicklung der Preise auf dem Strommarkt anpassen.

Swissolar-Geschäftsleiter Stickelberger sagt, die BKW werde nach der Stilllegung des Atomkraftwerks Mühleberg zunehmend auf die dezentralen Stromlieferanten angewiesen sein. Es sei schwer verständlich, dass solche Produzenten jetzt mit tiefen Tarifen vor den Kopf gestossen würden.

Damit die Energiewende gelinge, brauche es einen Ausbau der Solarstromproduktion mit voller Kraft. Es reiche nicht, sich auf Eigenverbrauch zu beschränken und deshalb nur auf das halbe Dach eine Solaranlage zu montieren. «Wir brauchen das ganze Dach.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.11.2016, 06:19 Uhr

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