Bern

Fina hört zu

Bern«Lesestunde mit Hund» nennt sich das neue Projekt der Kornhausbibliotheken in Bern, bei dem Flüchtlingskinder einem Hund vorlesen können. Was komisch klingt, zeigt durchaus Wirkung.

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Fina nimmt sich für jedes Kind einzeln Zeit: Sie liegt ruhig auf ihrer Decke und hört sich an, wie die Mädchen und Jungs etwas über sich vorlesen. So erfährt der Golden-Retriever-Mischling nicht nur, wie die verschiedenen Kinder aus dem Durchgangszentrum Viktoria heissen, sondern auch, woher sie kommen oder was ihre Lieblingsfarbe ist.

Nach dem Vorlesen darf dann jeweils noch gespielt werden; Fina findet ihren Lieblingsball in der ganzen Bibliothek wieder, egal, wie gut ihn die Kinder verstecken. Und auch im Pfötchengeben ist der Therapiehund geübt – die schweizerdeutschen Kommandos für Finas Kunststücke müssen die Kinder natürlich selbst und auf Deutsch geben. So lernen sie heute etwa den Ausdruck «Säg sälü», woraufhin Fina ihnen die Pfote entgegenstreckt.

Einfach, aber wirkungsvoll

Bereits zum zweiten Mal besuchen die Flüchtlingskinder die Kornhausbibliothek, wo sie dank dem Therapiehund ihre Deutschkenntnisse verbessern. «Wir haben von dem Projekt gehört, als wir in Dänemark auf einem internationalen Bibliothekskongress waren. Die Idee hat uns sofort begeistert», erzählt Barbara Nabulon, Bereichsleitering Medien der Kornhausbibliothek. Gemeinsam mit dem nationalen Verein für Therapiehunde holte sie das ursprünglich aus Amerika stammende Projekt in die Schweiz.

Das Konzept ist simpel: Die Schülerinnen und Schüler bereiten sich mit ihrer Lehrerin Sabina Stefanatos auf das Treffen vor, in dem sie zum Beispiel den Steckbrief oder auch kleinere Geschichten aufschreiben. Alle zwei Wochen begeben sie sich dann in die Kornhausbibliothek, um das Vorbereitete dem Hund vorzulesen – ganz in Ruhe, ohne von ­jemandem unterbrochen oder korrigiert zu werden.

Nabulon ist von dem Effekt der Lesestunde überzeugt: «Es gibt bereits Studien aus Amerika, die zeigen, dass die Kinder dank dem Hund grosse Fortschritte bei der Lesekompetenz machen. Wir sind sehr zuversichtlich, dass dies auch in Bern der Fall sein wird.» Zumindest ein Effekt ist bereits jetzt spürbar: Dank Fina kehrt bei den Kindern eine bemerkenswerte Ruhe ein.

Erinnerung an zu Hause

Das Treffen mit dem Therapiehund helfe den Kindern aber nicht nur dabei, Deutsch zu lernen. Es ermögliche ihnen auch, das Erlebte zu verarbeiten, betont die Klassenlehrerin Stefanatos. Der zehnjährige Aidin etwa erzählt von den beiden Hunden, die er «zu Hause» hatte. Mehr will der Junge jedoch nicht sagen und liest stattdessen lieber in seinem Comicbuch.

«Viele der Kinder waren anfangs schüchtern oder hatten sogar Angst vor den Tieren», erzählt Nabulon, «gerade weil Hunde in arabischen Ländern einen geringeren Stellenwert haben.» Dies sei besonders während der ersten Durchführung spürbar gewesen, als zwei grosse Berner Sennenhunde die Kinder besuchten. Diese halfen jedoch nur aus – in Zukunft sollen die Kinder immer Fina vorlesen.

Die anfängliche Scheu verflog bei allen Hunden schnell; fast schon übermütig versammeln sich die Kinder nach der Vorleserunde um Fina und spielen noch einmal ausgiebig mit ihr, bevor es zurück ins Schulhaus Spitalacker geht.

Für die Hundedame sei die ganze Aufmerksamkeit anstrengend, gesteht Hundehalterin Elisabeth Heini: «Nach der Lesestunde braucht Fina erst einmal ihre Ruhe. Ich bin aber sicher, sobald sie die Kinder besser kennt und etwas mehr Struktur entsteht, wird es auch für Fina ruhiger.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 09.05.2016, 15:19 Uhr

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