Ein Netz für strauchelnde Lernende

Ein Mentoringprogramm aus Zürich soll neu auch Berner Lernenden unter die Arme greifen, wenn sie in Problemen stecken. Die 80-prozentige Erfolgsquote kann sich sehen lassen.

Eine Erfolgsgeschichte: Das gilt sowohl für das Programm von Gérald Mathieu als auch für Qendrim Elmazis eigenen Werdegang (von links).

Eine Erfolgsgeschichte: Das gilt sowohl für das Programm von Gérald Mathieu als auch für Qendrim Elmazis eigenen Werdegang (von links). Bild: Flurin Bertschinger

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Genau zehn Wörter Deutsch konnte Qendrim Elmazi, als er im August 2009 aus Kosovo in die Schweiz kam. Der 26-Jährige lacht heute, wenn er das erzählt.

Doch die Sprachbarriere schien eine unüberwindbare Hürde zu sein. Während Eltern und Geschwister bereits in der Schweiz lebten, schloss er in Kosovo erst das Gymnasium ab mit dem Ziel, in der Schweiz ein Wirtschaftsstudium zu absolvieren.

In Zürich besuchte er einen Deutschkurs und eine Integrationsschule. Daneben arbeitete er in einer Reinigungsfirma. Doch als es darum ging, eine für das Studium notwendige KV-Praktikumsstelle zu finden, suchte er vergebens. Seine Berufswahllehrerin empfahl ihm das Mentoringprogramm Job Caddie, was sich als Glücksgriff entpuppen sollte.

Seit Anfang Jahr gibt es Job Caddie auch in Bern. Die Zielgruppen sind Lernende mit gefährdetem oder bereits aufgelöstem Lehrvertrag, mit Schwierigkeiten beim erstmaligen Berufseinstieg nach der Lehre oder junge Erwachsene um die zwanzig, die noch keine passende Ausbildung gefunden haben. Job Caddie vermittelt ihnen kostenlos Mentoren, die möglichst aus der gleichen Branche stammen und die jungen Menschen frei­willig und unentgeltlich für eine gewisse Zeit beim Erreichen ihrer beruflichen Ziele begleiten.

80-prozentige Erfolgsquote

Finanziert und getragen wird das Programm im Kanton Bern von der Oekonomischen Gemeinnützigen Gesellschaft Bern sowie der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. Auch die Stiftung für Kirchliche Liebestätigkeit im Kanton Bern und das Staatssekretariat für Migration unterstützen das Projekt finanziell.

Job Caddie läuft seit 2008 in Zürich und seit 2015 in Zug. 120 Mentoren unterstützten in dieser Zeit rund 2300 Jugendliche. In 80 Prozent der Fälle konnten diese ihre Ziele erreichen. Dafür ist laut Gérald Mathieu, Leiter von Job Caddie in Bern, die Einstellung der Mentoren ausschlaggebend: «Sie begegnen den Jugendlichen auf Augenhöhe und stehen ihnen mit ihrem Know-how, ihrer Lebenserfahrung und ihrem Netzwerk zur Seite. Sie sprechen die gleiche Sprache, die Jugendlichen nehmen somit Anregungen viel besser auf.»

Gemeinsam Bücher wälzen

Als Qendrim Elmazi im August 2011 seinen Mentor Clemente Dal Magro, einen Informatiker und IT-Entwickler, zum ersten Mal traf, diskutierten sie, wie Elmazi sein Ziel am besten erreichen könnte. Die Voraussetzungen für das Wirtschaftsstudium waren der Abschluss des Goethe-Zertifikates auf C1-Niveau, das Absolvieren eines Jahrespraktikums sowie das First Certificate in englischer Sprache.

Zu Beginn trafen sich die beiden jede Woche für zwei Stunden. «Wir lasen gemeinsam deutsche Bücher, diskutierten darüber und lösten Prüfungsserien. Zudem gab mir mein Mentor Tipps für Bewerbungen, und wir trainierten das Verhalten bei Vorstellungsgesprächen», erzählt Elmazi.

Das Coaching trug rasch Früchte. Ende 2011 konnte Elmazi ein Praktikum bei einer Onlinelehrstellenbörse beginnen, Anfang 2012 erlangte er das Goethe-Zertifikat. Seit Abschluss des Praktikums ist er in derselben Firma für die Finanzbuchhaltung zuständig. Fasziniert von der Branche, entschied er sich für eine berufsbegleitende Ausbildung zum Finanzfachmann, die er im März beenden wird.

Danach plant er, das Finanzexpertendiplom zu erlangen. Sein Mentor wird ihn noch bis zum Abschluss des Englischzertifikats im Sommer begleiten. «Bevor ich meinen Mentor kennen lernte, fehlte mir die Sicherheit. Er zeigte mir auf, dass ich meine Ziele erreichen kann», sagt Elmazi.

Vom Schüler zum Mentor

Drei bis fünf Monate dauern die von den Zielen der Jugendlichen abhängigen Mentorings durchschnittlich, ausnahmsweise wie bei Qendrim Elmazi auch länger. Alle Mentoren absolvieren zuerst ein eintägiges Einführungsseminar. In Bern fand dieses im Dezember statt. Teilgenommen haben 15 Leute zwischen 27 und 65 Jahren aus verschiedenen Berufen, vom Schreiner und Schlosser bis zur Anwältin. Für Mentoren gibt es Weiterbildungen, Besprechungen mit dem Programmleiter und Supervision, bei der sie sich austauschen können.

Die Erfahrungen, die Qendrim Elmazi mit seinem Mentor gemacht hat, waren so positiv, dass er im März selber die Mentorenschulung absolvieren wird. Bereits jetzt unterstützt er in seiner Freizeit einen anderen Jugend­lichen.

Seine ehemalige Berufswahllehrerin fragte ihn, ob er einen ihrer Schüler betreuen möchte. «Beim ersten Gespräch merkte ich, dass ihm, genau wie mir damals, die Sicherheit fehlt», erzählt Elmazi. Der Mann, der einst nur zehn deutsche Wörter kannte, hat den Schüler nun unter seine Fittiche genommen. «Es ist ein unglaublich gutes Gefühl, ihm meine Erfahrungen weitergeben und ihn zum Erreichen seiner beruflichen Ziele motivieren zu können», sagt Elmazi und strahlt dabei eine tiefe Zufriedenheit aus.


Jugendliche und Fachkräftekönnen sich hier über das Angebot informieren: www.jobcaddie.ch, 031 560 68 17, jobcaddie@ogg.ch.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 18.01.2017, 16:07 Uhr

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