Ein Fest, auf das sich niemand gefreut hat

Nach seiner Abwahl beginnt ein neues Kapitel im Leben des Berner Finanzdirektors. Natürlich verlässt er die Stadtregierung ungern. Doch er tut es erhobenen Hauptes und «irgendwie auf dem Höhepunkt meiner Reputation», wie er sagt.

Zum Abschied ein volles Treppenhaus und viel Applaus: Alexandre Schmidt am Mittwoch mit seinen Söhnen im Haus der Finanzdirektion.

Zum Abschied ein volles Treppenhaus und viel Applaus: Alexandre Schmidt am Mittwoch mit seinen Söhnen im Haus der Finanzdirektion. Bild: Beat Mathys

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Vom Stadtpräsidenten gabs zum Abschied grösste Anerkennung, verpackt in eine ebenso launige wie berührende Rede. Alexandre Schmidt (FDP) habe in seinen vier Jahren als Gemeinderat ein vorbildliches Engagement an den Tag gelegt, sagte Alexander Tschäppät (SP). «Schmidt war dossierfest und fleissig.» Und er habe «zwischendurch den Gottesdienst gestört».An der ersten Retraite des ­aktuellen Gemeinderats habe Schmidt ihn heftig kritisiert, ­erzählte Tschäppät: Während Schmidts Unter­lagen voller Post-it-Zettel und farbiger Markierungen gewesen seien, sah Tschäppäts Papierstapel aus wie frisch aus dem Kopierer. Das habe dem Finanzdirektor gar nicht gefallen. «Danach sagte ich meiner Sekretärin jeweils, sie solle meine Akten ein bisschen mit Zetteln und Farben schmücken.»

Tschäppät hielt seine Rede an «einem Fest, auf das sich niemand gefreut hat», so der Stadtpräsident, dessen Abgang per ­Ende Jahr schon lange feststeht. Ganz anders bei seinem Kollegen Schmidt, der am 27. November abgewählt wurde. Die Haltung und die Grösse, die Schmidt am Abend seiner Abwahl in seinen Medienauftritten gezeigt habe, mache ihm noch stärker bewusst, dass Schmidt «eine ganz spezielle Persönlichkeit» sei. Deshalb sei er überzeugt, so Tschäppät: «Was immer nun kommt, Alexandre: Es kommt gut für dich und deine Familie.» Was folgte, war eine innige, freundschaftlich anmutende Um­armung zweier Männer, die ab dem 1. Januar 2017 nicht mehr mitregieren. Und lauter Applaus der rund 180 Gäste, die gestern Abend zu Schmidts Abschiedsfest gekommen waren.

Ein Anfang, kein Ende

Schmidt bewahrte auch in diesem Moment Haltung. Wer in den letzten Wochen mit ihm zu tun hatte, erlebte einen Mann, der im Ungewissen die Chancen sieht. Er stehe an einem Anfang, nicht an einem Ende, sagt er, das Ganze sei «ein Auf-, kein Abbruch». Der positive Ansatz passt zu Schmidt, und es klingt bei ihm nicht nach Durchhalteparolen, wenn er sagt: «Es ist ein Gefühl wie nach der Matur oder nach dem Uni­abschluss. Es beginnt etwas Neues, fast alles scheint möglich.»

Ein Wechsel in die Privatwirtschaft kommt ebenso infrage wie ein politisches Comeback. Gewiss schmeichelt es Schmidt, dass er als Nachfolger von Regierungsrat Hans-Jürg Käser (FDP) gehandelt wird. Es ist aber gut möglich, dass Schmidt nach einer gewissen Zeit der Erholung und Besinnung längst eine neue Herausforderung angenommen hat, wenn Mitte 2018 – erst in eineinhalb Jahren – Käsers Nachfolge bestimmt wird.

Sein Leistungsausweis jedenfalls dürfte weitherum wahr­genommen worden sein. Wenn er auf seine Amtszeit zurückblicke, sehe er «vorwiegend Erfolge», sagt Schmidt. «Ich trete irgendwie auf dem Höhepunkt meiner Reputation ab.»

Eine Denkvariante ist auch, dass Schmidt und seine Familie ihre Zelte in Bern abbrechen. Die Behäbigkeit Berns verunsichere ihn manchmal. «Ich bin gerne dort, wo ständig die Post abgeht.» In Bern vermisse er eine gemeinsame Idee für die Zukunft, das ­dominante Gefühl sei «der Stolz auf das Bestehende». Dabei bewahre doch erst die Entwicklung vor dem Niedergang.

Wer am Abschiedsfest fehlte

Auch ganz zum Schluss verzichtet Schmidt darauf, schmutzige Wäsche zu waschen. «Ich bin niemandem böse», sagt er, der bei einem erneuten Zusammen­gehen von FDP und SVP fast sicher wiedergewählt worden wäre. An seinem Abschiedsfest fiel aber gerade angesichts des bunt gemischten Publikums auf, wer nicht dabei war: Niemand von der SVP, und auch nicht FDP-Präsident Philippe Müller, der einst die Kandidatur Alec von Graffenrieds (GFL) ventiliert hatte. Ein SVP-Politiker – «ein Schlachtross», so Schmidt – habe sich bei ihm entschuldigt und eingeräumt, seine Partei habe mit ihrem Alleingang einen Fehler gemacht. «Andere SVPler machen einen grossen Bogen um mich, weil sie mir nicht mehr in die Augen schauen können.»

Zu seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sagte Schmidt an seinem Fest, man habe zusammen viel erreicht. «Wir haben die Latte hoch gelegt.» Später versammelten sich diese mit Schmidt am Rand des Fests. Es sei ein Privileg gewesen, mit ihm zusammenzuarbeiten, sagte Roland Meyer, Schmidts Generalsekretär. Die Angestellten schenkten ihrem abtretenden Chef einen Helikopterrundflug, bei dem man den Steuerknüppel angeblich auch mal selber halten dürfe – dies dürfte Schmidt besonders gut gefallen, mutmasste Meyer.

Im richtigen Leben gilt erst recht: Schmidt steuert selber. Man möchte anfügen: Er tut es mit sicherer Hand, und die Aussicht ist gut. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 22.12.2016, 20:13 Uhr)

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