Die Patienten spüren den Personalmangel am eigenen Leib

Pflegeheime finden nicht genügend qualifiziertes Personal für die Betreuung von Langzeitkranken. Drei Pflegefachkräfte aus der Region Bern kritisieren den Stress für Angestellte und Patienten.

Die Pflege von alten Patienten ist anspruchsvoll. Mariama Senessie (links) und Finan Fikadu betreuen eine Bewohnerin des Pflegeheims Bergsicht und Lindenegg in Kirchlindach.

Die Pflege von alten Patienten ist anspruchsvoll. Mariama Senessie (links) und Finan Fikadu betreuen eine Bewohnerin des Pflegeheims Bergsicht und Lindenegg in Kirchlindach. Bild: Susanne Keller

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«Weil uns die Zeit fehlt, leiden die Patienten.» So lassen sich die Aussagen von drei Frauen zusammenfassen, die in der Pflege tätig sind. Sie arbeiten in Heimen in der Stadt und Region Bern. Zwei Frauen sind diplomierte Pflegefachkräfte, die dritte ist Pflegehilfe. Weil sie Probleme mit der Leitung befürchten, wollen sie anonym bleiben.

Die Beanstandungen der drei sind weitgehend identisch. So kritisieren sie, dass vorgeschriebene Ruhezeiten missachtet würden. Nach Spätdienst bis 22 Uhr müsse das Personal am Morgen bereits wieder um 7 Uhr zum Frühdienst antreten.

Weiter vergrössere das Management die Pflegegruppen, sodass weniger Zeit für die einzelnen Patienten bleibe. Verbände würden zu spät gewechselt, oder die wöchentliche Dusche falle aus.

Wenn die Morgentoilette erst am Nachmittag erfolge, würden demente Bewohner sehr schlecht reagieren. «Die Lebensqualität leidet, niemand hat mehr Zeit für Spaziergänge oder dafür, einfach mal zuzuhören», kritisiert eine der drei Frauen.

Tiefe Löhne

Vorgeschrieben sei, dass auf jeder Station dauernd eine diplomierte Fachkraft sei. Dies werde unterlaufen und könne zu Problemen führen. «Wenn gleichzeitig zwei Notfälle auftreten, sind Patienten gefährdet», erklärt eine Diplomierte. Weil zu wenig Leute da sind, würden Auszubildende während ihrer Praktika zu früh voll eingesetzt. «Nach drei Tagen müssen sie die alleinige Tagesverantwortung für 30 Bewohner übernehmen.»

Die Arbeitnehmerorganisationen ergänzen die Vorwürfe. Adrian Durtschi von der Gewerkschaft Unia stellt fest, dass viele Pflegende auf Freizeit und Pausen verzichten.

«Aus Rücksicht auf die Patienten kümmern sie sich ausserhalb der Arbeitszeiten um sie.» Tamara Bütikofer vom Berufsverband der Pflegefachfrauen und -männer bemängelt die tiefen Löhne. «Eine diplomierte Pflegefachkraft verdient unmittelbar nach der Ausbildung bloss 5200 Franken.»

Yann Golay von Curaviva, dem Verband der Heime und sozialen Institutionen der Schweiz, nimmt Stellung zur Kritik. «Der Mangel ist zunehmend besorgniserregend», räumt er ein. Doch sei die Pflegequalität gewährleistet, und Auszubildende würden bei ihrer Praktika gut betreut.

Die Heime hätten nicht nur zu wenig Mitarbeiter, sondern auch zu wenig Geld. Dies sei eine Folge der neuen Pflegefinanzierung. Golay betont, dass die Branche erfolgreich gegen den Personalmangel kämpfe.

Zwischen 2008 und 2012 habe sich die Zahl der Beschäftigten um mehr als 10 Prozent auf 120'000 erhöht, seit 2006 seien über 7300 Neuausgebildete dazugestossen. Trotzdem: «Wir sind auf ausländisches Personal angewiesen.»

Beat Ammann leitet als CEO die Pflegeheimgruppe Seniocare. Diese betreibt im Kanton acht Heime, zwei davon in der Stadt Bern. «Es ist bekannt, dass es schwierig ist, genügend Diplomierte für Leitungsfunktionen zu finden», erklärt er.

Statistiken belegen, dass in der Pflege jährlich 18 Prozent des Personals die Stelle wechseln. Dieser Wert ist doppelt so hoch wie der allgemeine Durchschnitt. «Die Beschäftigten wollen Erfahrungen sammeln und sowohl Akut- und Langzeitpflege wie auch Psychiatrie kennen lernen», begründet er die grosse Fluktuation.

Spitex verstärkt das Problem

Personal aus dem Ausland hilft, Lücken zu füllen. Doch genügt dies nicht. Eine Umfrage in der Region Bern bestätigt, dass die Institutionen Mühe haben, genügend diplomiertes Personal zu finden. Übereinstimmend erklären die Befragten allerdings, dass sich der Unterbestand nicht auf das Wohl der Patienten auswirke.

Germaine Beuret, die Leiterin des Wohn- und Pflegezentrums Bergsicht und Lindenegg in Kirchlindach, ergänzt, dass es auf dem Land schwieriger sei als in der Stadt. «Wir haben zum Glück keine leeren Betten», erklärt Fränzi Joilat vom Wohn- und Pflegezentrum Lyssbachpark in Lyss. «Wir profitieren wohl davon, dass wir als neues Heim beim Personal beliebt sind.»

Erika Kirchen leitet das Altersheim Hofmatt in Uettligen. Dort standen diesen Sommer trotz genügend Nachfrage Betten leer, weil zu wenig diplomiertes Personal vorhanden war. Seither konnte sie aufstocken, und ihr Haus ist wieder voll belegt.

Nicht nur die Personalsuche, auch die Pflege werde immer intensiver: «Noch vor ein paar Jahren traten neue Bewohner gesund und rüstig ein. Heute kommen sie dank Spitex erst zu uns, wenn sie gesundheitlich angeschlagen sind. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 03.11.2015, 06:05 Uhr)

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