Die musikalische Doktorarbeit

In seiner ­Doktorarbeit analysiert und beschreibt der Jazzpianist Immanuel Brockhaus prägende Sounds der Popmusikgeschichte. Dies für den Zeitraum von 1960 bis 2014.

Immanuel Brockhaus, der Master of Sounds, im Tonstudio der Hochschule für Künste Bern am Eigerplatz.

Immanuel Brockhaus, der Master of Sounds, im Tonstudio der Hochschule für Künste Bern am Eigerplatz. Bild: Walter Pfäffli

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«No matter how hard I try / You keep pushing me aside / And I can’t break through...», und dann der Refrain: «Do you believe in life after love...». Aber so geht das nicht, man muss ihn hören, diesen Song «Believe» von Cher. Die amerikanische Sängerin erzielte 1998 mit ihm einen weltweiten Nummer-1-Hit, der mit einem Grammy Award ausgezeichnet wurde.

Das Album «Believe» wurde 20 Millionen Mal verkauft. Das Spezielle an diesem Song ist noch etwas ganz anderes, nämlich der Sound, der Auto-Tune genannt wird. Der Effekt – auch Cher-Effekt genannt – ist eine extrem überhöhte Tonhöhenkorrektur, die sich bei Cher in einer mechanisch klingenden Stimme manifestiert.

14 Sounds ab 1960

Auto-Tune ist nur einer von 14 Kultsounds, die der Jazzpianist Immanuel Brockhaus in seiner Dissertation analysiert und beschreibt. Der 56-jährige Musiker und Komponist ist Dozent an der Hochschule der Künste Bern.

Diese Institution bietet seit kurzem gemeinsam mit der Universität Bern ein künstlerisch-wissenschaftliches Promotionsprogramm an. Nun haben die ersten Doktorierenden abgeschlossen, unter ihnen Immanuel Brockhaus.

«In der populären Musik hat der Sound seit den 1950er-Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen», sagt Immanuel Brockhaus. «In der Wissenschaft ist aber noch kaum erforscht, welche Sounds die Geschichte der populären Musik geprägt haben und bis heute prägen.»

Brockhaus hat für seine Arbeit aus den jeweils ersten 40 Plätzen der «Billboard»-Top-100-Singles 14 signifikante Sounds aus 2200 Songs herausgefiltert. Dies für den Zeitraum von 1960 bis 2014.

Das 1894 gegründete «Billboard»-Magazin ist das bedeutendste Fachblatt für Musik in den USA. Seit 1958 werden die «Billboard Hot 100» veröffentlicht, die aus den bestverkauften Singles und den meistgespielten Radiosongs bestehen.

Zweckentfremdete Technik

«Die Technologie, die Elektrifizierung und die Digitalisierung haben bei der Entstehung von neuen Sounds eine wesentliche Rolle gespielt», sagt Brockhaus. Diese seien oft entstanden, indem neue Technologien quasi «missbraucht» worden seien. Das trifft auch für den Auto-Tune-Sound zu.

In den 1990er-Jahren entwickelte das US-Unternehmen Antares eine Software zur automatischen Tonhöhenkorrektur. Das Werkzeug für Musikstudios setzte die Sängerin Cher dann zweckentfremdend als erste bewusst für spezielle Klangeffekte ein. Andere Sounds, die Immanuel Brockhaus analysiert hat, sind etwa Yamaha DX7, ein digitaler Synthesizer, der 1983 auf den Markt kam. Oder der Sound Double Tracking mit seinem voluminösen echoähnlichen Effekt.

Weitere Sounds sind: Stratocaster (u. a. Jimi Hendrix, Eric Clapton), Male Falsetto (Beispiel Bee Gees mit «Stayin’ Alive»), Stutter Effect (Britney Spears «Til The World Ends») oder Scratch (Mariah Carey mit «Honey»).

Geliebt und gehasst

«Was mich fasziniert, ist der Clap-Sound», meint Brockhaus. «Der wurde zuerst von Hand ­gemacht, dann kam er aus den Drum Machines, und heute wird er wieder manuell eingesetzt.» Es gebe Sounds – wie etwa der Orchestra Hit –, die sich lange gehalten hätten. Andere wiederum seien nur für kurze Zeit aufgetaucht.

Der E-Piano-Sound (Whitney Houston, Phil Collins), der die 1980er-Jahre repräsentiere, sei vom Publikum ambivalent auf­genommen worden. «Er wurde von vielen geliebt, von anderen gehasst, weil er als steril empfunden wird», weiss Brockhaus.

Buch und Museumsprojekt

In seiner Arbeit zeigt er die jeweiligen Zeiträume auf, in denen die entsprechenden Sounds in Mode waren. Er zeigt die Entstehungsgeschichte, zeigt, welche Musikerinnen und Musiker wann und wie oft mit welchen Sounds für Furore sorgten. Zudem hat Immanuel Brockhaus etliche Interviews mit Musikern und Musikproduzenten in Europa und den USA gemacht und über die Entwicklung von Sounds diskutiert.

Ein Anliegen sei ihm auch, dass sich durch seine Arbeit Musikkonsumentinnen und -konsumenten sensibilisierten und besser hinhörten, wenn sie einen Song abspielen. Brockhaus will seiner Dissertation auch ein weniger wissenschaftliches Buch für die Allgemeinheit folgen lassen. Zudem hegt er den Plan eines Museumsprojekts.

www.cult-sounds.com (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.01.2017, 20:58 Uhr

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