Der Tonjäger

Markus Mast (58) ist ein Tonjäger. Er fängt Alltagsgeräusche und ­Musikklänge ein und gestaltet dar­aus Kompositionen. Der Bösinger hat schon einige Tonwettbewerbe gewonnen.

Technik von einst: Markus Mast in seinem Tonstudio bei der Arbeit am dreissigjährigen  Studer-Spulentonbandgerät, das früher im Radiostudio Bern zum Einsatz gekommen ist.

Technik von einst: Markus Mast in seinem Tonstudio bei der Arbeit am dreissigjährigen Studer-Spulentonbandgerät, das früher im Radiostudio Bern zum Einsatz gekommen ist. Bild: Andreas Blatter

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Das Pfeifen einer Dampflok, das Läuten von Kirchenglocken, das Plätschern eines Baches: Solche Geräusche und Klänge zeichnet Markus Mast auf. Er ist Tonjäger und frönt seit über vierzig Jahren diesem Hobby. «Das Singen in der Singschule Chur hat mein Ohr ­geschult und mein Interesse an Tonaufnahmen geweckt», erzählt der 58-Jährige.

Mit 16 Jahren fischte er aus dem Abfall ein Spulentonband­gerät und realisierte daheim ­seine ersten Aufnahmen. ­«Beispielsweise nahm ich mich beim Klarinettenspielen auf, dann sprach ich irgendetwas auf ein Tonband und setzte die ­beiden Sequenzen zusammen.» Oder er begleitete seinen Vater, einen Lokomotivführer, bei der Arbeit und zeichnete die ­Geräusche des fahrenden Zuges auf.

Himmlische Saiten und Meeresgesänge

Nach seiner Ausbildung zum Elektromonteur arbeitete Markus Mast in Zweisimmen beim Spitalradio. Dabei habe er sich das Handwerk der Tontechnik ­angeeignet. Bald war er auch ­Mitglied des heutigen Schweizerischen Bild- und Tonjägerverbandes. «Hier bekam ich die ­Gelegenheit, mich auszutauschen und mit für mich damals ­uner­schwinglichen Geräten zu arbeiten.»

Seither ist viel Zeit vergangen, und Markus Mast betreibt im Keller seines Hauses in Bösingen mittlerweile sein eigenes Ton­studio, das Studio Extra. In ­diesem kleinen Raum trifft man modernste Tontechnik ebenso wie ein sperriges, dreissig­jähriges Studer-Spulenton­bandgerät aus dem Radiostudio Bern. «Viele Leute besitzen heute noch Tondateien auf Spulen und sind froh, dass ich diese digi­talisieren kann.» Stolz führt ­Markus Mast vor, wie man dieses Gerät bedient, und bemerkt: «Dieses Können gerät leider nach und nach in Vergessenheit.»

Gefragte Aufnahmen

Der Tonjäger hat sich über all die Jahre ein riesiges Archiv an ­Aufnahmen von Geräuschen und Musikklängen angelegt. Die Dateien sind im Computer, auf CDs, Kassetten und Spulen ­gespeichert. Markus Mast ­arbeitet mit regionalen Künstlern der Sparten Volksmusik und Klassik sowie Hörspielautoren zusammen. «Von der Tonjägerei leben kann und will ich aber nicht», betont der zweifache ­Familienvater. Er ist als ziviler Fachlehrer bei der Armee ­beschäftigt. Ein bekanntes ­Hörspiel, das Markus Mast ­mitgestaltet und vertont hat, ist die Kindergeschichte «Muggestutz», erschienen 2009.

Einblick in die Produktion des Kinderhörspiels Muggestutz

Der Tonjäger erinnert sich: «Einen Tag lang habe ich mit der ­Sprecherin und dem sechs­jährigen Protagonisten im Wald verbracht. Ich habe aufge­zeichnet, wie der Junge über den Waldboden geht oder wie er mit Nüssen spielt.» Ärgerlich sei bei dieser Arbeit gewesen, wenn ­Krähen oder ein Flugzeug die Aufnahmen gestört hätten. «Dann mussten wir nochmals von vorne beginnen, oder ich habe daheim am Computer diese Teile weggeschnitten.»

Preise abgeräumt

Am liebsten realisiert Markus Mast sogenannte Toncollagen. Dazu setzt er Teile aus unterschiedlichen Musikproduktionen, die er mit Künstlern gemacht hat, zusammen. «Die Ideen zu diesen Kompositionen entstehen in meinem Kopf.» So hat der Tonjäger beispielsweise in seinen Produktionen nach Musiksequenzen gesucht, die Vogelstimmen ähnlich sind, und diese dann arrangiert.

Solche Toncollagen sind aber nicht ausschliesslich für seine Ohren bestimmt. Seit 1972 nimmt Markus Mast an Tonwettbewerben teil. National gewann er elfmal den ersten Preis. Auch am internationalen Wettbewerb der besten Tonaufnahmen schaffen es seine Werke regelmässig in die vordersten Ränge. 2011 siegte er mit seiner Komposition «Himmlische Saiten und Meeresklänge». Es ist ein Zusammenspiel von Harfentönen, Wal- und Delfinlauten sowie Meeresrauschen.

Dieses Jahr fand die Ausscheidung in England statt. Markus Mast trat mit einer für ihn speziellen Arbeit an: Er hat mit den 7.- bis 9.-Klässlern der Schule Räumli, Spiez, über ein halbes Jahr an zwei Hörkrimis gearbeitet. Im Englischunterricht übersetzte die Klasse einen dieser Krimis und gelangte damit in die vordersten Ränge.

Viel Erfahrung

Ein Tonjäger muss nicht nur die Ohren spitzen, sondern auch den Riecher dafür haben, von welcher Stelle aus ein Klang oder ein Geräusch in bester Qualität aufgezeichnet werden kann. «Wir Tonjäger haben den Anspruch, dass die Aufnahme so originalgetreu wie möglich klingt und dass sie kaum bearbeitet werden muss», so Markus Mast. Keine einfache Aufgabe, denn manchmal habe man dazu nur eine Chance. Er nimmt oft Konzerte in Kirchen auf und erklärt: «Findet keine Probe statt, dann hilft mir hierbei nur die Vorstellung davon, wo ich das Mikrofon platzieren soll, damit die Aufnahme brauchbar ist. Zum Glück habe ich darin viel Erfahrung.»

Vogelstimmen der Musik, gestern und heute

Überhaupt entgehe seinen Ohren nichts. «Ich höre immer etwas», so Markus Mast. «Stille gibt es für uns Tonjäger nicht.»

Einblicke in die Welt der Tonjäger: Informationen zum Schweizerischen Bild- und Tonjägerverband unter: www.tonjaeger.ch.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 15.12.2015, 08:50 Uhr

Rubrik: Mein Hobby

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Technik von heute: Der Tonjäger verbringt viel Zeit am Computer mit Schneiden und Zusammenfügen von Aufnahmen. (Bild: Andreas Blatter)

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