Der Professor und die Zauberformel

Der 37-jährige Kevin Heng ist der neue Direktor des Weltrauminstituts der Uni Bern und Nachfolger von Kathrin Altwegg. Er hat eine Formel entwickelt, die in der Fachwelt für Furore sorgt.

Astrophysiker, Direktor und Professor: Bevor Kevin Heng einen Computer berührt, löst er komplizierte  Gleichungen von Hand an der Wandtafel.

Astrophysiker, Direktor und Professor: Bevor Kevin Heng einen Computer berührt, löst er komplizierte Gleichungen von Hand an der Wandtafel. Bild: Beat Mathys

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was er schreibt, versteht kein Mensch. Jedenfalls keiner, der sich nicht mit der Atmosphärenchemie von Exoplaneten beschäftigt. Kevin Heng steht an der Wandtafel in seinem Büro und flitzt mit der Kreide über den Schiefer. Nach wenigen Sekunden steht eine drei Meter lange Zeile da, voller Buchstaben, Zahlen und Symbole.

«So, das wärs», sagt er und grinst. Die Formel ist das Resultat sechsmonatiger Denkarbeit. Und sie verblüfft die Fachwelt in dem Masse, wie sie Laien ratlos lässt. Mit Hengs Formel lassen sich komplizierte Berechnungen tausendmal schneller durchführen.

Kevin Heng, 37-jährig, ist Astrophysiker, Professor und Direktor des Center for Space and Habitability an der Universität Bern. Sein Spezialgebiet sind Exoplaneten, Planeten, die ausserhalb unseres Sonnensystems um einen Stern kreisen. 1995 entdeckte der Genfer Astronom Michel Mayor erstmals ein solches Objekt. «Heute wissen wir, dass es von Exoplaneten nur so wimmelt», sagt Heng.

Berner leiten ESA-Mission

2017 startet die Europäische Weltraumbehörde ESA die Mission Cheops, die vom Berner Astronomen Willy Benz – Kevin Hengs Arbeitskollege – geleitet wird. Dabei wird ein Teleskop auf eine Erdumlaufbahn geschickt mit dem Ziel, Exoplaneten aufzuspüren und deren Eigenschaften zu analysieren.

Diese Objekte sind viel zu klein und zu weit entfernt, als dass man sie direkt messen könnte. Wenn sie aber vor ihrem Stern durchziehen, verdunkeln sie das Licht des Sterns um einen winzigen Bruchteil. Kevin Heng: «Während des Durchgangs vor dem Stern filtert die Planetenatmosphäre einen kleinen Anteil des Sternenlichts heraus. Daraus lassen sich Atome und Moleküle aus der planetaren Atmosphäre identifizieren.»

Jetzt kommt Kevin Hengs Formel ins Spiel. Berechnungen der Atmosphäre von Exoplaneten sind äusserst zeitintensiv.

Problem auf Papier gelöst

«Ich habe einen Weg gefunden, wie dies viel schneller geht», sagt er, «ich löse 99 Prozent des Problems auf dem Papier, bevor ich einen Computer auch nur berühre.» Ihm sei gelungen, das Problem auf eine einzige Gleichung zu reduzieren. Die Lösung benötige noch einen Bruchteil der ursprünglichen Computerzeit. Die Planetenchemie könne jetzt in 0,01 Sekunden berechnet werden.

«Es braucht keinen ausgeklügelten Computercode mehr, jetzt kann jede Astronomin, jeder Astronom irgendwo auf der Welt die Atmosphärenchemie leicht berechnen, selbst auf einem kleinen Laptop.» Es mache ihm grossen Spass, dass dieses Wissen nun allen Forschenden zur Verfügung stehe. Und er sinniert: «Wenn wir in 20 oder 30 Jahren eine Exoplanetenatmosphäre mit Wasser, Sauerstoff und Ozon entdecken, können wir uns fragen, ob wir Leben beobachten.»

Von Singapur nach Bern

Während der Arbeit an der Formel habe er tagelang kaum geschlafen und gegessen. «Das war für meine Frau nicht einfach, für die meisten Leute ist das auch nicht normal», meint der Mann, der in Singapur aufgewachsen ist. «Ich war kein guter Student, bereits während der Schulzeit habe ich mich gefragt, was da interessant und wichtig sein soll.»

Erst im vierten Studienjahr hätten ihn zwei Professoren für die Physik und Mathematik begeistern können. Das muss ein­geschlagen haben, denn wenig später wurde Heng Mitglied am renommierten US-Institute for Advanced Study in Princeton; dort, wo Koryphäen wie Einstein, Gödel und Turing gewirkt haben. Weitere Stationen waren das Max-Planck-Institut in München und die ETH Zürich, bevor er 2015 nach Bern kam. «Ich wollte immer in die Schweiz, es ist sehr schön hier, und hier wurden die ersten Exoplaneten entdeckt.»

An diesem Nachmittag an der Uni Bern wartet auf Kevin Heng noch eine andere Aufgabe. Sie ist nicht so komplex wie seine ausserirdische Zauberformel, sondern ganz und gar irdisch. «Ich muss um vier Uhr meinen Sohn in der Kita abholen», sagt er. Astrophysiker sind auch nur Menschen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.08.2016, 10:59 Uhr

Artikel zum Thema

Dieser Forscher geht dem Wasser auf den Grund

Bern Woher kommt das Wasser auf der Erde? Was macht das Wasser im Erdinnern? Und können Satelliten künftig vor Hochwassern warnen? Solche und andere Fragen rund ums Wasser beschäftigen Forscher aus unterschiedlichen Fakultäten der Uni Bern. Mehr...

«Ich sehe nicht nur Zahlen, wenn ich in den Himmel schaue»

Bern Willy Benz versucht Dinge zu verstehen, die man nicht sehen kann, weil sie Milliarden Kilometern weit weg sind: Der renommierte Weltraumforscher der Uni Bern sucht nach Leben ausserhalb unseres Sonnensystems. Mehr...

Projekt der Uni Bern für neue Weltraum-Mission ausgewählt

Bern Ein Schweizer Weltraumprojekt unter der Leitung der Universität Bern hat den Zuschlag für die erste sogenannte «S-class»- Mission erhalten. Mehr...

Marktplatz

Immobilien

Kommentare

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Die Welt in Bildern

Sonnenschutz: Ein Feiernder am Glastonbury Festival versucht sich von der Sonne zu schützen (21. Juni 2017).
(Bild: Dylan Martinez) Mehr...