Bern

«Das sind seltsame Prioritäten»

BernIn einer Dis­kussion vor den Mitgliedern von Pro Velo Bern hatte das Projekt einer Velobrücke zwischen Viererfeld und Breitenrain einen über­raschend schweren Stand.

Dorthin soll die Brücke: Blick von der Länggasse in die Lorraine.

Dorthin soll die Brücke: Blick von der Länggasse in die Lorraine. Bild: Andreas Blatter

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In rund einem Jahr werden die Stimmberechtigten der Stadt Bern voraussichtlich erstmals darüber befinden, ob das Projekt einer Velobrücke von der Länggasse hinüber in die Lorraine ernsthaft weiterverfolgt werden soll. Bis zu diesem Zeitpunkt sollte das Ergebnis eines Projektwettbewerbs vorliegen, ebenso genauere Angaben zu den Kosten. Derzeit kursiert die Zahl von 18 bis 20 Millionen Franken für das Grossvorhaben.

Ein schlechtes Projekt?

An der kontradiktorischen Diskussion über die Velobrücke (die wegen des mutmasslich um­werfenden Ausblicks offiziell Panoramabrücke heisst), zu der Pro Velo Bern gestern Abend geladen hatte, gaben diese 20 Millionen Franken ziemlich zu denken. Der Architekt Martin Zulauf, Verwaltungsratspräsident der Wohnbaugenossenschaft Wok Lorraine AG, hielt fest: «Die Velobrücke braucht es nicht, sie ist ein schlechtes Projekt.» Zulauf ist selber betroffen: Die Wok Lorraine hat bei der Polygonbrücke ein Wohnhaus gebaut, das durch den neuen Veloübergang empfindlich tangiert würde.

Doch Zulaufs Argumentation war nicht auf sein Eigeninteresse zentriert. Aus seiner Sicht gibt es in der Stadt Bern velofahrerisch deutlich grössere Problemzonen – etwa die Um­gebung des Bahnhofs, das Bollwerk, die Lorrainebrücke. Dort müsse man ansetzen, nicht mit einem Prestigeprojekt hoch über der Aare: «Ich finde, das sind sehr seltsame Prioritäten.»

Die selbstständige Projektleiterin Sieglinde Lorz, Mitglied der wachstumskritischen Gruppe Décroissance Bern, stützte Zulaufs Vorbehalte mit grundsätz­lichen Überlegungen: Natürlich sei ihr der Fahrradverkehr sympathisch, sagte sie, aber «die neue Velobrücke ist ein Wachstumsprojekt wie jedes andere». Es habe genug Brücken über die Aare, die Verkehrsprobleme löse man nicht mit Neubauten, sondern mit besserer Organisation auf bestehenden Verkehrsflächen.

Stefan Jordi, Co-Präsident der SP Stadt Bern, Grossrat und engagierter Befürworter, hatte alle Hände voll zu tun, dem veloaffinen Publikum valable Argumente für das 20-Millionen-Bauwerk zu liefern.

Weiterdenken, bitte!

Seit 2004 sei diese Brücke in diversen Studien und von unzähligen Planern als absolut sinnvolle Lückenschliessung im regionalen Veloverkehrsnetz ausgewiesen. «Vielleicht», sprach Jordi den Kritikern ins Gewissen, «muss man auch mal über die ­Nasenspitze hinausdenken.» Und sehen, dass Bern mit einem Leuchtturmprojekt für Velofahrende ein Zeichen setzen könne, das dereinst Bernerinnen und Berner begeistern werde – ganz abgesehen von den Touristen.

Melanie Mettler, grünliberale Stadträtin, plädierte für Pragmatismus. Heute könne man zu der Brücke keine vernünftige Kosten-Nutzen-Abwägung vornehmen, weil genaue Zahlen und Prognosen fehlten. Als Präsidentin der vorberatenden Stadtratskommission spurte sie so vor, dass diese Unterlagen wohl noch dieses Jahr auf den Tisch kommen. Es wird der erste Realitätscheck für ein Projekt, von dem man schon lange träumt. Gut oder schlecht. (Berner Zeitung)

Erstellt: 01.03.2017, 06:55 Uhr

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