Das «Blettli» trotzt dem Internet

Dorfnachrichten fördern den demokratischen Dialog, spenden Identität und sind so beliebt wie eh und je: Auch im Zeitalter von digitalen Medien sind gedruckte Gemeindeblätter hoch im Kurs.

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In diesen Tagen landen sie wieder in unseren Briefkästen. Sie heissen «Drachepost», «Öpfublatt», «Dorfnachrichten» oder «Gemeindespiegel». Sie kommen auf Zeitungspapier daher, als Faltblatt oder in der Form einer Zeitschrift. Mal sind sie bunt, mal nur schwarz-weiss. Die einen setzen auf glänzendes Papier, andere bevorzugen die matte Variante.Das Gemeindeblatt gehört zum Dorf wie der Fussballverein oder die 1.-August-Feier.

Vor Abstimmungen sei jede Gemeinde «von Amtes wegen verpflichtet, über die zu beratenden Geschäfte Auskunft zu geben», sagt Rolf Widmer vom Amt für Gemeinden und Raumordnung. Für Gemeindeversammlungsgeschäfte würde eine Pub­likation im amtlichen Anzeiger genügen. «Für Urnenabstimmungen wiederum ist eine schrift­liche Botschaft Pflicht.» Deshalb seien regelmässig erscheinende Gemeindeblätter auch praktisch.

Demokratischer Dialog

Gemeinden setzen aber nicht nur aus praktischen Gründen auf ein eigenes Blatt. Sondern vor allem, weil sie wichtig sind und gern ­gelesen werden. Das weiss auch Peter Stücheli-Herlach. Er ist Leiter der Forschungsstelle «Organisationskommunikation und Öffentlichkeit» an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. «Der demokratische Dialog in Gemeindeblättern bringt unser Gemeinwesen viel weiter, als es die reine amtliche Verlautbarung tun könnte», sagt er.

Die Blätter würden den Vereinen, Unternehmen und Bürgern eine Stimme verleihen. «Das ist wichtiger geworden, seit die grossen Tageszeitungen besonders in Lokal- und Regionalteilen geschrumpft sind», so Stücheli-Herlach. Zudem habe das gedruckte Blatt eine wichtige Funktion für Bevölkerungskreise, die nicht dauernd im Netz seien, sagt er weiter.

Dass Dorfnachrichten beliebt sind, offenbart ein Blick in die Gemeinden selbst. Wir haben verschiedene Gemeindeblätter in der Region Bern genauer angeschaut und mit den Produzenten gesprochen. So unterschiedlich die Kommunen sind, so unterschiedlich sind auch ihre Publikationen.

Beliebt beim lokalen Gewerbe

Die Gemeinde Toffen hat ihre «Toffe-Zytig». Das Heft wird von einem Verein herausgegeben. Inhaltlich beschränkt es sich meist auf Beiträge der einzelnen Gruppierungen in der Gemeinde. Produziert wird es von sechs Mitarbeitern – ehrenamtlich. «Die Vereine, die Kirche die Parteien oder die Gemeinde, alle zahlen einen Beitrag und bekommen dafür eine entsprechende Anzahl Seiten», erklärt Helmut Enzfelder.

Der Koordinator der«Toffe-Zytig» bekommt immer wieder positive Rückmeldungen. «Vor allem auch von Neuzuzügern», so Enzfelder. Die Gemeindebe­hörde zahlt jährlich rund 6000 Franken für ihren Platz im Blatt. Die Gemeindepräsidentin Ruth Rohr-Ackermann weiss warum: «In der ‹Toffe-Zytig› haben wir die höchste Gewähr dafür, dass unsere Mitteilungen auch gelesen werden.»

Auch Barbara Seewer, Gemeindeschreiberin von Wichtrach, weiss um die Wirkung ihres Ortsblattes. «Die Leute interessieren sich fast mehr für die ‹Drachepost› als für die Botschaft zur Gemeindeversammlung. Und dies von jung bis alt», sagt sie. «Die Leute haben noch gerne etwas in der Hand.» Zudem sei das Blatt eine sehr beliebte Werbefläche für das lokale Gewerbe.

Ein unabhängiges Blatt

Ein interessantes Konzept kennt die Gemeinde Worb. Sie veröffentlicht ihre Mitteilungen in der «Worber Post». Die Publikation erscheint 15-mal pro Jahr und ist eine klassische Lokalzeitung. «Die Gemeinde zahlt pro Jahr rund 60'000 Franken an die Herausgabe», sagt Redaktionsleiter Martin Christen. Dafür bekomme sie ihren Platz. Ansonsten seien die Berichte unabhängig. «Wir können die Behörde auch kritisieren», so Christen.

Blick hinter die Kulissen

Wie wichtig die Zeitung ist, zeigt eine Umfrage der Gemeinde von 2012. Sie wollte von der Bevöl­kerung wissen, wie sie die verschiedenen Informationsquellen gewichte. Platz eins nimmt die «Worber Post» ein. Der amtliche Anzeiger kommt erst an vierter Stelle. Martin Christen erklärt dies so: «Die Welt wird immer ­unpersönlicher, individueller, heimatloser, anonymer, virtueller, globaler, deshalb nimmt der Stellenwert der Lokalzeitungen laufend zu.»

Dies hat auch die Gemeinde Schwarzenburg erkannt. Das ­Magazin «Schwarzeburger» erscheint 6-mal pro Jahr. Das Heft setzt auf Qualität sowohl von der Gestaltung her wie auch inhaltlich. «Das Magazin ist unser wichtigstes Instrument, um mit der Bevölkerung zu kommunizieren», sagt Franziska Ackermann, Verantwortliche für das Ortsmarketing der Gemeinde und Redaktionsleiterin. «Mit dem Magazin kann die Bevölkerung auch hinter die Kulissen der Verwaltung blicken», sagt sie. «Wir wollen der Bevölkerung zeigen, was wir machen.»

Die Gemeinde Schwarzenburg lässt sich die Publikation auch etwas kosten. Rund 78'000 Franken beträgt das Jahresbudget. Einen Teil davon kann sie – wie andere Gemeinden auch – mit Inserateeinnahmen, Abonnementen und einem Beitrag der Kirchgemeinde decken. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 26.01.2016, 07:51 Uhr)

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