Polemik

Bürgerliche am Berg

PolemikDie Schweizer Städte sind für die Bürgerlichen zu uneinnehmbaren Festungen geworden. Daran sind nicht die Städte schuld, wie die Bürgerlichen gerne meinen, sondern die Bürgerlichen selber. Das zeigt sich in Bern exemplarisch.

Da haben sie noch gekämpft: Der bürgerliche Dreier Reto Nause (CVP), Beat Schori (SVP) und Barbara Hayoz (FDP) erstürmte im Wahlkampf 2008 symbolhaft den Gipfel des Niesens.

Da haben sie noch gekämpft: Der bürgerliche Dreier Reto Nause (CVP), Beat Schori (SVP) und Barbara Hayoz (FDP) erstürmte im Wahlkampf 2008 symbolhaft den Gipfel des Niesens. Bild: Urs Baumann

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Vor acht Jahren haben sie noch gekämpft und in den besseren Momenten an die Möglichkeit einer bürgerlichen Wende geglaubt. Vor vier Jahren haben sie immerhin noch so getan, als würden sie dafür kämpfen und daran glauben.

2016 gelang den Berner Bürgerlichen nicht mal mehr das: Sie machten Wahlkampf in der Gewissheit, gegen die RGM-Übermacht keine Chance zu haben, und der Überzeugung, diese Chance nicht nutzen zu wollen.

Das Resultat ist bekannt: Rekordergebnis für RGM – und ab Januar vier RGM-Mitglieder im fünfköpfigen Gemeinderat. Der Freisinn, seit 1920 stets am Regierungstisch, muss draussen bleiben. Die SVP scheiterte kläglich.

Die bürgerlich gepolte, vor acht Jahren noch gemeinsam mit FDP und SVP antretende CVP hat sich in der Mitte als Reto-Nause-Wiederwahl-Organisation neutralisiert. Kurz und ungnädig: Der Zustand von Berns Bürgerlichen ist erbärmlich. So erbärmlich, dass sie am Sonntagabend eine 2:3-Niederlage noch als Sieg gefeiert hätten.

Doch schuld sind natürlich die anderen.

Die anderen auf der eigenen Seite, welche Parteiinteressen über die gemeinsame bürgerliche Sache stellen. Vor allem aber die anderen auf der anderen Seite, welche die Städter mit teuren Opiaten in Form von Kita-Plätzen, verbilligtem Wohnraum und dichten ÖV-Fahrplänen sediert haben sollen. Was für ein Blödsinn.

Und was für eine Bankrotterklärung – vorab der Freisinnigen, unterschwellig zu suggerieren, die Schweizer Städte seien halt linker geworden und deshalb zu uneinnehmbaren Festungen mutiert.

Ja, es trifft zu, dass in den 1990er-Jahren die meisten grossen Städte der Schweiz nach links gekippt sind. Verkehrschaos, offene Drogenszenen, unwirtliche Wohnquartiere trieben viele Besserverdienende zur Landflucht. In der Stadt blieben Arme, Arbeitslose und Alte – traditionell linke Klientel.

Doch die Städte von damals sind nicht mit den Städten von heute zu vergleichen. Wer sich die mitunter horrenden Mietzinse leisten kann, zieht heute wieder in die Stadt. Tiefere Einkommensschichten fliehen Richtung Agglomeration. In den Städten von heute dominiert eine urbane Mittelschicht.

Es liegt nicht in der DNA dieser Menschen, rot-grün zu wählen. Bloss machen rot-grüne Parteien diesen mobilen, jobsharenden, in ihrer Grundhaltung liberalen 2000-Watt-Gesellschafts-Menschen die besten Angebote.

Kurz und knapp: ein hoher Standard an Dienstleistungen, ein hohes Mass an Lebensqualität. Dass all dies seinen Preis in Form von Steuern hat – egal, man darbt ja nicht.

Und was haben die Bürger­lichen den urbanen Menschen des 21. Jahrhunderts zu bieten? Nun, leider: kaum etwas.

Lieber kämpfen sie verbissen dafür, dass ihre kleingewerbelnden Kollegen den Lieferwagen jederzeit vor jedem Hauseingang im Unesco-Welt­kulturerbe parkieren dürfen. Gratis natürlich. Freiheit für freie Bürger nennen sie das. In vollem Ernst.

Wollen die Bürgerlichen in den Städten künftig etwas reissen, können sie nicht darauf warten und hoffen, dass sich die Städte ihnen annähern. Sie sind es, die sich der urbanen Mittelschicht nähern müssen.

So wie es in Bern FDP und CVP beim Thema Kita-Gutscheine gemacht haben und damit RGM eine denkwürdige Niederlage zufügen konnten: Mit dem Votum der urbanen Städter obsiegte die marktwirtschaftliche Vorlage über die planwirtschaftliche.

Ob umfassende Tagesstrukturen an den Schulen, ein funktionierender ÖV, Wohnbauförderung oder aufgewertete Quartierplätze – warum sollen dies nicht auch bürgerliche Themen sein? Und warum sollten die Bürger­lichen in diesen Bereichen mit schlanken, liberalen Alternativen zu den bisweilen erdrückenden All-inclusive-Umarmungsangeboten der Linken und Grünen keine Chance haben?

Sicher ist auf jeden Fall, dass die Bürgerlichen in Bern keinen Stich haben mit obstruktiver Oppositionspolitik wie im Falle des Viererfelds. So etwas verstehen nur wenige liberal denkende urbane Menschen.

Klar, auch mit ein bisschen viel mehr Bereitschaft zum Kampf hätten die Bürgerlichen diese Wahlen kaum gewonnen. Aber wenn die Bürgerlichen meinen, sie hätten der urbanen Mittelschicht nichts zu offerieren, dann können sie auch gleich zu Hause bleiben. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.11.2016, 21:15 Uhr

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