Bern

Besetzer fordern rot-grüne Regierung heraus

BernDie Gewalteskalation nach der Räumung des Hauses an der Effingerstrasse 29 zeigt: Die Besetzerszene ist gewillt, die ihr eigentlich geneigte rot-grün regierte Stadt dauerhaft unter Druck zu setzen.

Frühlingserwachen in der Hausbesetzerszene: Publikumsandrang am Donnerstagmittag vor dem Pizzaofen des Kollektivs «Fabrikool», das die alte Wagenfabrik (mit der Backsteinfassade) in Beschlag genommen hat.

Frühlingserwachen in der Hausbesetzerszene: Publikumsandrang am Donnerstagmittag vor dem Pizzaofen des Kollektivs «Fabrikool», das die alte Wagenfabrik (mit der Backsteinfassade) in Beschlag genommen hat. Bild: Urs Baumann

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«Ob friedlich oder militant, wichtig ist der Widerstand.» Die Textzeile stammt aus dem siebenminütigen Effi-29-Song, einem vom Besetzerkollektiv der am Mittwoch geräumten Liegenschaft Effingerstrasse 29 komponierten und samt Video ins Internet hochgeladenen Rap. Die Besetzerlyrik fasst zusammen, was die Stadt Bern gerade erlebt.

Die friedliche Variante war am Donnerstag auf dem Von-Roll-Areal im Länggassquartier zu besichtigen. Das Kollektiv «Fabrikool» besetzt dort seit Sonntag eine seit 20 Jahren leer stehende, denkmalgeschützte ehemalige Wagenfabrik. Das Gebäude gehört dem Kanton und sollte bis Donnerstagmittag verlassen werden, was bisher nicht geschah. Die Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion hat daher Anzeige gegen die Hausbesetzer eingereicht und einen Antrag auf Hausräumung gestellt, wie «20 Minuten» berichtet.

«Eine seriöse Sache»

Derweil bereiteten die Besetzer am Donnerstagmittag für die Studierenden der benachbarten Pädagogischen Hochschule in einem selbst gefertigten Ofen Pizza zu, es wurde Kaffee gekocht, neben Kuhmilch hatte es für Veganer auch Sojamilch.

Man durfte das besetzte Grundgeschoss mit seiner witzigen Beschilderung besichtigen (Weg zur Toilette: «Gageln hinten links»), während sich zwei Besetzer darum bemühten, das WLAN der Uni auf ihre iBooks zu kriegen, um darauf ein Sicherheitskonzept für das besetzte Haus zu formulieren: «Wir wollen eine seriöse Sache.» Ein Studi lobte das Besetzerkollektiv für die originelle Belebung des verstaubten Hauses, bat aber inständig, auf jegliche Gewalt zu verzichten. Einträchtiges Nicken.

«Uns verbindet die Motivation, Projekte auf die Beine zu stellen, die ohne Konsumzwang, Profitorientierung und Leistungsdruck funktionieren.»Besetzer-Kollektiv «Fabrikool»

«Fabrikool» will mit der Besetzung den Wunsch nach einer alternativen Lebensweise ausdrücken: «Uns verbindet die Motivation, Projekte auf die Beine zu stellen, die ohne Konsumzwang, Profitorientierung und Leistungsdruck funktionieren», formuliert das Kollektiv.

Leider habe der Kanton als Liegenschaftsbesitzer absolut kein Musikgehör und mache geltend, das Haus sei einsturzgefährdet – obschon die Besetzer mit Baufachleuten die Bausubstanz analysiert hätten und diese die Nutzung des Erdgeschosses als problemlos beur­teilten.

Verengung durch Rot-Grün

«Was wichtig ist: Das hier ist kein Egotrip. Es geht nicht nur um uns», sagen die Besetzer im Gespräch. Es gehe darum, Freiräume zu erhalten oder zu schaffen, in denen man ein selbstbestimmtes Leben mit wenig Geld führen könne, das nicht von Egoismus, Vereinzelung und religiösem Arbeitswahn zerfressen werde.

Und das soll in einer derart rot-grün dominierten Stadt wie Bern nicht möglich sein, die auf Besetzer zugeht und sich für Zwischennutzungen einsetzt? Für einen Moment zusammengekniffene Lippen und Augenrollen bei den Besetzern. Es sei halt schon so, sagen sie nun, dass die von Rot-Grün betriebene urbane Aufwertung Freiräume für alternatives, autonomes Leben eher verengt habe. Und nicht erweitert.

«Das System, welches Eigentum durch Staatsgewalt garantiert, greifen wir an.»Gruppe «Raumraub»

Routiniert hatte man sich in der Stadt Bern mit Kollektiven arrangiert, die leer stehende Liegenschaften teilweise jahrelang von der Öffentlichkeit kaum bemerkt bewohnten und meist auch abmachungsgemäss wieder verliessen. Am Mittwoch war alles anders: Die Polizei brauchte Stunden, um 19 teilweise gewalttätige Besetzer des Kollektivs Effi 29 abzuführen. Einer der Abgeführten sei gar zur Verhaftung ausgeschrieben gewesen, sagte der Sicherheitsdirektor Reto Nause zu «20 Minuten».

Neue Aktionen angekündigt

Das ist die aggressive Fraktion der Besetzerszene. «Das System, welches Eigentum durch Staatsgewalt garantiert, greifen wir an», schrieb die Gruppe «Raumraub» auf Facebook und legitimierte damit den rabiaten nächtlichen Demonstrationszug in die Länggasse.

«Wir akzeptieren eure Logik, die nur nach Profit giert, nicht», lautet das Credo militanter Besetzer; sie unterstreichen das gern, indem sie «1312» hinsprayen, wo es nur geht. Zu Deutsch: «All cops are bastards.» Die Gruppe «Raumraub bittet ihre Anhänger, sich Freitag- und Samstagabend für weitere Aktionen freizuhalten.

Die Stadtberner SP reagierte auf die Vorfälle, indem sie mehr «einvernehmliche Zwischennutzungen» forderte. Das ist nicht der Sound, den die Be­setzer hören wollen. Eher so: «Nimm, was de bruuchsch, gib, was de hesch.» Wie im Effi-29-Song. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.02.2017, 06:00 Uhr

«Gewalt führt zu Verhärtung»

Die Jungsozialisten (Juso) der Stadt Bern zeigen sich solidarisch mit der Besetzerszene, wie die Kommunikationsverantwortliche Muriel Graf festhält: «Das Besetzen von Häusern ist ein sinnvoller Weg, auf die Wohnungsnot und den fehlenden Freiraum in der Stadt aufmerksam zu machen und auch dagegen anzukämpfen.»

Allerdings kann man sich selbst aus jungsozialistischer Sicht fragen, ob die Gewaltexzesse von Mittwoch dem politischen Ziel, mehr günstigen Wohnraum bereitzustellen, dienlich sind. «Die rohe Gewalt», die am Mittwoch zutage getreten sei, sowohl aufseiten der Polizei wie aufseiten der Besetzer und ihrer Verbündeten, führe «klar zu Verhärtungen», befürchtet Graf.

Auf politischer Ebene eine Rolle spielen könnten diese Verhärtungen am 9. März, wenn der Stadtrat eine Motion von Seraina Patzen (JA) berät, die Zwischennutzungen in leer stehenden Gebäuden mit einem Reglement fördern will, das eine Nutzungs- und Meldepflicht für Hausbesitzer enthält und deshalb in die Eigentumsrechte eingreift. «Wir unterstützen diese Motion grundsätzlich voll und ganz», sagt Muriel Graf, Details müssten indessen parteiintern noch geklärt werden. Stadtpräsident Alec von Graffenried macht jedoch schon jetzt klar, dass die Stadt gar nicht befugt sei, die geforderte Melde- und Nutzungspflicht zu erlassen. jsz

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