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«Wir sind nicht schlimmer als andere»

Das Kappelisackerquartier in Ittigen hat einen zweifelhaften Ruf. Lärm und Vandalismus seien dort bei den Jugendlichen angesagt. Deshalb suchten die Behörden am Samstagabend den Dialog mit den «Chäppu-Kids».

Behördenvertreter treffen auf die «Chäppu»-Jugend: Gemeinderat Lukas Baumgartner (2. v.l.), Sozialarbeiterin Renate Fahrni (3. v.l.) und Jugendarbeiter Marcel Moser (rechts) amüsieren sich mit den Kids.

Behördenvertreter treffen auf die «Chäppu»-Jugend: Gemeinderat Lukas Baumgartner (2. v.l.), Sozialarbeiterin Renate Fahrni (3. v.l.) und Jugendarbeiter Marcel Moser (rechts) amüsieren sich mit den Kids.
Bild: Iris Andermatt

Samstagabend, 19 Uhr, bei der Busstation Kappelisacker in Ittigen. Normalerweise tummeln sich hier die Jugendlichen aus dem Quartier, und die Erwachsenen machen grösstenteils einen Bogen darum. Doch an diesem Spätsommerabend nicht. So feuert der Ittiger Gemeinderat Lukas Baumgartner (EVP) bei der Bushaltestelle einen Grill an und lässt ein paar Bratwürste brutzeln. Flankiert wird der Vorsteher der Ressorts Gesundheit und Soziales von Renate Fahrni, Schulsozialarbeiterin, und von Marcel Moser, Jugendarbeiter der reformierten Kirchgemeinde. Sie sind an diesem Abend hier, um den Dialog mit den Jugendlichen zu suchen.

Es fehlt ein Fussballplatz

«Ventiltag» heisst das Samstagabendprojekt. Unter Federführung von Lukas Baumgartner haben die Ittiger Behörden die Informationsplattform Jugend ins Leben gerufen. Deren Vertreter haben fünf «Brennpunkte» in Ittigen ausgesucht, wo sich die Jugend trifft und regelmässig für Lärm, Abfall und Schaden sorgt: Kappelisacker, Aarehütte, Talgut-Zentrum, Ofenhüsli und Migros-Spielplatz. Die Gratisbratwürste sollen die Jugendlichen anlocken und zum Gespräch anregen.

Es dauert nicht lange, da tauchen vier «Chäppu-Kids» – wie sie sich nennen – auf. Sie sind zwischen 12 und 16 Jahre alt und kommen ursprünglich aus dem Balkan oder der Türkei. Sie sind sofort für eine Bratwurst zu haben. Mittlerweile hat Marcel Moser eine Tafel aufgestellt, auf dem die Kids notieren können, was ihnen im «Chäppu» fehlt. «Stripclub», «Bordell» heissen die ersten, halb ernst gemeinten und unter Gelächter vorgetragenen Vorschläge. Schliesslich schreiben sie «Fussballplatz» als Anliegen auf.

«Es hat sich gebessert»

Um 20 Uhr tummeln sich bereits ein Dutzend Jugendliche herum. Sie finden den Bratwurststand der Erwachsenen nicht störend oder gar peinlich – im Gegenteil, «cool» sei die Idee. An den Wochenenden ist die Bushaltestelle Kappelisacker ihr Treffpunkt. Sie finden es super hier. Und: «Wir benehmen uns nicht schlimmer als andere», meint ein 16-jähriger Jugendlicher, der die Anonymität bevorzugt.

Doch manch erwachsener Anwohner sieht das nicht so. Das Quartier hat nicht umsonst einen eher negativen Ruf. Einer, der das bestätigen kann, ist Hugo Ruch. Der 55-jährige Securitas-Mitarbeiter wohnt seit 25 Jahren im berüchtigten Quartier. Bis spätabends sei es oft laut, und zudem sei er von den Jugendlichen mit primitiven Sprüchen angepöbelt worden. «Doch gegenüber früher hat es sich etwas gebessert», sagt er.

Nach und nach werden auch erwachsene Anwohner durch den Bratwurstduft angelockt. Auch sie sollen bei dem «ungezwungenen Dialog» mitwirken. Kurt Moser wohnt seit 27 Jahren im «Chäppu». Er sieht das Ganze viel unproblematischer. «Mich haben die Jugendlichen noch nie gestört», meint er. Er und seine Kollegen seien früher auch «Luuscheibe» gewesen.

Kopfschütteln und Lacher

Bis 21 Uhr sind rund 25 Jugendliche und ebenso viele Erwachsene aufgetaucht. «Das werte ich positiv», sagt Lukas Baumgartner. An den anderen vier Standorten kommen zwar deutlich weniger Leute, doch auch dort verläuft alles ohne negative Zwischenfälle. Ob weitere «Ventiltage» folgen, ist noch offen.

Eines wird an diesem Abend deutlich. Das Kappelisackerquartier finden die Kids super, die Erwachsenen sind jedoch geteilter Meinung. Dies veranschaulicht eine Szene : Die Gruppe Jugendlicher zieht laut gröhlend durchs Quartier. Die eine Hälfte der Erwachsenen schüttelt verständnislos den Kopf, während die anderen darüber schmunzeln. (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.09.2010, 08:35 Uhr

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1 Kommentar

Brigitte Lang

08.09.2010, 09:48 Uhr
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Ich wohne nun seit über 30 Jahren im Chäppu. Probleme Lärm, Vandalismus Litter etc. hatte ich in dieser Zeit nie. Auch die "nächtlichen Ruhestörungen", von Anwohnern die spät (nach 24:00) nach Hause kamen und sich noch vor der Eingangstüre unterhielten, hielt sich in Grenzen. Stellt sich die Frage, was ist Lärm? Wenn Kids und Erwachsene fröhlich lachen und es lustig miteinander haben? Wohl kaum! Antworten



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