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«Wenn nötig fahren wir noch einmal nach Österreich»

Von Ralph Heiniger. Aktualisiert am 27.05.2010 2 Kommentare

Werden sie eine Fabrik in Österreich besetzen? An der Betriebsversammlung sandten Büezer der Karton Deisswil gestern ein kämpferisches Signal an den Mayr-Melnhof-Konzern. Der oberste Chef kommt nächste Woche nach Bern.

1/22 Gewerkschafter Pardini: Er stimmt die Gewerkschafter auf einen harten Kampf ein.
Bild: Stefan Anderegg

   

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«Von jetzt an gehört alles auf diesem Gelände uns. Basta.» Gewerkschafter Corrado Pardini sprach an der gestrigen Betriebsversammlung der Karton Deisswil Klartext. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter quittierten seine Ansagen mit Applaus.

Letzte Woche wurden die Verhandlungen über den Sozialplan abgebrochen. Auf Arbeitnehmerseite standen die Gewerkschaft Unia und die Betriebskommission, die Arbeitgeber wurden durch die Deisswiler Geschäftsleitung vertreten.

Kampfansage

Nun droht die Unia dem Mayr-Melnhof-Konzern (MM) – dem Mutterhaus der Karton Deisswil – mit Kampfmassnahmen. «Wenn nötig fahren wir noch einmal nach Österreich. Dann nehmen wir aber unsere Zelte und unsere Schlafsäcke mit», so Pardini. Weil die Maschinen in Deisswil schon abgeschaltet sind, werde man zur Not einen Betrieb in Österreich besetzen. So lautete zwischen den Zeilen die Kampfansage der Unia. Bisher hat die Gewerkschaft die Kartonfabrik auf lokaler Ebene betreut. Jetzt hat sich mit Corrado Pardini der nationale Leiter des Sektors Industrie eingeschaltet. «Wir lassen nicht zu, dass die Belegschaft mit Wasser und Brot abgespeist wird. Wir fordern von MM einen Sozialplan, der die Ansprüche und Bedürfnisse der 253 Betroffenen vollständig zufriedenstellt.»

Deisswil ist für die Gewerkschaft ein besonders wichtiger Fall. Pardini: «Die Reputation der Unia steht auf dem Spiel. Dafür werden wir uns einsetzen.»

Mit «dem Österreicher»

Der Grund für die Zuspitzung ist der Verlauf der Sozialplanverhandlungen. Letzte Woche wollte die Geschäftsleitung – wie vorher angekündigt (siehe BZ vom 14.5.) – über den Verteilungsschlüssel und die Modalitäten, nicht aber über Geld reden. Über Geld entscheiden kann letztlich nur das Mutterhaus in Österreich. Deshalb sprach die Gewerkschaft von Scheinverhandlungen. «Wir hatten ein Nullangebot auf dem Tisch», so Gewerkschafter Roland Herzog. «Wer ein Auto kauft, will schliesslich nicht nur über Farbe und PS reden, sondern auch über den Preis.»

MM hatte in diesem Punkt bereits eingelenkt. Der Vorstandsvorsitzende Wilhelm Hörmanseder hatte schon vorher angekündigt, dass er nach Bern kommen werde. Dieses Versprechen wird er voraussichtlich nächste Woche einlösen.

Inzwischen verstreicht aber für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Karton Deisswil wertvolle Zeit. Aus Unsicherheit über die Modalitäten des Sozialplans wissen viele nicht, ob sie zum Beispiel befristete oder schlechter dotierte Arbeitsangebote annehmen sollten. «Das hat die Geschäftsleitung zu verantworten», ist Pardini überzeugt. «Sie spielt bewusst mit dem Schicksal der Belegschaft.»

«Job statt Sozialplan»

Geschäftsführer Stephan Schneider sieht das ganz anders. «Die Geschäftsleitung wollte bereits vor Ablauf der Konsultationsfrist über den Sozialplan verhandeln.» Für ihn steht nicht der Sozialplan, sondern die berufliche Perspektive jedes Einzelnen im Vordergrund. Auch wenn der Sozialplan noch so gut sei, früher oder später brauche schliesslich jeder einen neuen Job. «Wir wollen den Mitarbeitern bei der Neuorientierung helfen und wenn möglich hier auf dem Firmenareal Jobs erhalten», sagt Schneider. Der Sozialplan sollte aus der Sicht des Geschäftsführers diejenigen unterstützen, bei denen eine Neuorientierung trotz ihrer Bemühungen nicht gelingt.

Auch wenn eine Zuspitzung droht, gibt es positive Nachrichten: 28 der 253 Deisswiler haben eine neue Stelle gefunden. Und auf der Jobbörse, welche die Personalabteilung der Kartonfabrik eingerichtet hat, gibt es immer noch viele Angebote.

Stellenangebote zuhanden der Karton Deisswil AG können an folgende E-Mail-Adresse gerichtet werden: jobs@mm-karton.com. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.05.2010, 08:58 Uhr

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2 Kommentare

Daniel Jaggi

27.05.2010, 13:09 Uhr
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Typisch Gewerkschaften, statt den Leuten zu helfen, einen Job zu bekommen, ziehen sie ihnen auch noch das Geld aus der Tasche! Diese Demos und Reisen nach Oesterreich sind bestimmt nicht gratis und werden sicher die Chefs der Firma nicht gross beeindrucken. Schade für die Arbeiter, die sich einer Gewerkschaft anschliessen, denn auf dem Arbeitsmarkt ist das ein negativer Punkt. Antworten


Rainer Thomann

27.05.2010, 18:55 Uhr
Melden

So, so, Herr Jaggi, die Mitgliedschaft bei einer Gewerkschaft ist ein Negativpunkt bei der Stellensuche. Soviel zur Koalitionsfreiheit in der Schweiz! Leider haben Sie insofern recht, als die Unternehmer tatsächlich die Gewerkschaftsrechte mit Füssen treten und die Schweiz bezüglich Arbeitnehmerschutz auf der Stufe eines Entwicklungslandes ist. Antworten



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