Region
Was Touristen über Bern lesen
Von Mathias Born. Aktualisiert am 23.07.2010
Nun flanieren sie wieder durch die Stadt. Staunend stehen die Touristinnen und Touristen vor Bauten und Brunnen. Sie kaufen kitschige Kleinigkeiten, bestellen trotz Hitze Berner Platten und Fondues. Alle paar Minuten kramen sie die Reiseführer hervor und lesen einige Zeilen. So, dass man sich als Einheimischer schliesslich fragt: Was wird darin wohl schmackhaft gemacht?
Setzen wir uns mit einigen Führern in ein Strassencafé, fühlen uns wie Marco Polo auf grosser Reise über den Lonely Planet, geben uns polyglott. Rüsten wir uns mal mit Reise Knowhow zur eigenen Stadt, entdecken wir Baedekers Bern.
Ein grosses Lob für Bern
So unterschiedlich die fünf ausgewählten Führer sind – der Tenor ist derselbe: «Bern, dessen Status als Landeshauptstadt fast unter Insiderwissen fällt, ist herrlich träge und entspannt (manche nennen das auch provinziell) und auch nicht allzu gross, kurz: so ziemlich das Gegenteil eines Machtzentrums», bringen es die Autoren des «Lonely Planet» schön zu Papier. Die Altstadt sei «ein perfektes Fotomotiv», das Nachtleben dynamisch. Wer aufs Münster steige, werde – festhalten bitte – mit einem «umwerfenden Blick auf die Berner Alpen belohnt».
Ähnlich, wenn auch weniger überschwänglich, tönt es im gehaltvollen «Baedeker»: Er attestiert Bern eine «gelassene kleinstädtische Atmosphäre». Die berühmte Langsamkeit verbinde sich «angenehm mit französischem Savoir-vivre». Laut dem «Reise Knowhow»-Führer ist Bern aus einem Dornröschenschlaf erwacht: Die Gassen seien renoviert worden, und mit dem Klee-Zentrum, dem Stade de Suisse, dem Westside und dem Bärenpark seien wichtige Bauten entstanden. Als «besonders schweizerisch» bezeichnen die Autoren des «Polyglott» die Stadt und setzen sie hinter Genf und Greyerz an die dritte Stelle der «Top 12». «Marco Polo» wiederum skizziert Bern als Bundes-, Bummel-, Bären-, Brunnen-, Brücken-, Blumenstadt.
So viel Lob tut gut. Bestellen wir noch einen Kaffee und blättern weiter. Die Lektüre in den dickeren Bänden – jenen von «Baedeker», «Reise Knowhow» und «Lonely Planet» – ist auch für Einheimische lehrreich. Wussten Sie, dass das Münster der höchste Kirchturm der Schweiz ist oder dass sich der erste Bärengraben auf dem Bärenplatz befand und der zweite und dritte beim Bollwerk? Der eine oder andere Restaurant- und Ausflugstipp macht sogar Appetit auf eigene Erkundungstouren. Der «Lonely Planet», der drittdickste Führer, steckt mit seinem Enthusiasmus an und unterhält mit amüsanten Episoden. In den beiden dünnen und günstigen Bändchen hingegen ist ein Kondensat zu finden: Das Münster kriegt im «Marco Polo» sieben Zeilen, das Bundeshaus acht, das Klee-Zentrum zehn. Ein Blick auf die ganze Region: «Polyglott» handelt Freiburg auf eineinhalb Seiten ab; Solothurn erhält eine Seite, das Bielerseegebiet eine halbe.
Der Teufel liegt im Detail
Am meisten Spass macht es indes, sich über Unzulänglichkeiten zu mokieren. Bleiben wir also sitzen und sezieren auf dem Bistrotischchen die Reiseführer. Sind es 270 Stufen bis auf den Münsterturm, wie «Reise Knowhow» behauptet, oder 344 Stufen wie es im «Lonely Planet» steht? Und lesen Sie hier: Der soeben erschienene «Baedeker» schickt einen in die Moospinte zu Chrüter Oski – obwohl der gar nicht mehr dort wirtet! Und was ist bei «Lonely Planet» schiefgelaufen? Im Ende 2009 publizierten Buch ist zu lesen, der Bärengraben werde «eventuell» in einen Park umgestaltet; die Realisierung hänge davon ab, ob der alte Bär Pedro bis dann lebe. Nur: Pedro war damals längst tot und der Park bereits eröffnet.
Apropos: Es waren garantiert keine Schweizer, die den Führer ins Deutsche übersetzt haben. Andernfalls sprächen wir nicht «Bernerdeutsch». «Die Zytglogge» wäre männlich, «das Matte» weiblich. Die «Uniklinik» hiesse Inselspital, die «Bundeshäuser» Bundeshaus. Und die Figur, die im Jüngsten Gericht am Münster zur Hölle geschickt wird, wäre sicher kein «Züricher».
Was die anderen meinen
Doch geben wir dem «Lonely Planet» noch eine Chance und legen ihn Kolleginnen und Kollegen vor; schliesslich schätzen wir unterwegs die Auswahl der Sehenswürdigkeiten und die amüsanten Texte. Der Führer vermittle ein «recht vollständiges, aber ziemlich altbackenes Bild», sagt die Ausgängerin. Die Lokalauswahl sei breit. Dass man in der Markthalle an «der Bar mit dem Marmortresen urig mit den Einheimischen der älteren Generation einen heben» könne, finde sie irreführend und auch, dass die Pery-Bar durch «beständig gute Laune besticht». Die «Turnhalle» sei vergessen worden, so auch der musikalisch führende «Dachstock».
Und was meint der Bieler dazu, dass seine Heimat offenbar weder zu den malerischen Städten zählt noch viel zu bieten hat? Dieser Einstieg tue weh, sagt er und singt ein Loblied auf Biel. Schlicht vergessen gegangen sei der dortige Haupttreffpunkt: der Guisanplatz mit den traditionsreichen Lokalen wie dem «Rotonde». Ihm sei ein Rätsel, weshalb der Gaskessel fehle, das erste autonome Schweizer Jugendzentrum und wichtiges Konzertlokal. Ein anderer Kollege kritisiert die Restaurantselektion in Solothurn – und moniert, dass für Burgdorf gar keine Beizen aufgeführt sind. Der Oberländer reagiert sogar etwas unwirsch: Der Text sei von vorgestern und enthalte inhaltliche Fehler. «Die sollten sich Lektoren leisten.»
Doch halt, so schlecht stehts um die Führer nicht. Es ist durchaus spannend, sich mit einem ins Strassencafé zu setzen, um darin zu schmökern und um den Touristen zuzugucken. Man muss ja nicht gleich selbst Fondue bestellen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 23.07.2010, 13:26 Uhr
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