Was Bern von YB lernen muss
Von Jürg Steiner. Aktualisiert am 21.08.2010
Dossiers
Artikel zum Thema
Stichworte
«Benno O. – wir zünden deine 3. Phase», hatten die Fans letzten Samstag im Stade de Suisse beim Match YB–Xamax voller Spott auf ein Riesentransparent geschrieben. Was sie dann zündeten, waren ein paar illegale Petarden, mit denen sie signalisierten, dass sich die ihrer Ansicht nach hirnrissige Ambition des Zürcher YB-Financiers Benno Oertig, die Young Boys langfristig im Millionengeschäft der Champions League zu etablieren, in Rauch auflösen würde.
Drei Tage später, letzten Dienstag, standen dieselben Fans mit bebendem Herzen im Stadion und erlebten den historischen Moment, als vor dem Tottenham-Spiel erstmals für YB die Hymne der Champions League ertönte – der von vielen YB-Fans leidenschaftlich verachteten Gipfelveranstaltung des Klubfussballkommerzes. Sie berauschten sich dann an einem Fussballabend auf Topniveau, der ohne die von Benno O. in den letzten zehn Jahren für YB organisierten Millionen nie stattgefunden hätte.
Schon gar nicht im glänzenden, geldtriefenden Stade de Suisse, in dem viele Fans vor fünf Jahren noch einen Verrat am YB-Geist witterten. Denn nie, so befürchtete man, würde YB wieder so glücklich machen wie in der Phase nach dem Abbruch des alten Wankdorfstadions 2001 bis 2005, als man ins kleine, romantische Neufeldstadion zum Match ging und dort zusehen durfte, wie die Berner Underdogs gegen die Millionarios aus Basel heldenhaft spielten und tragisch verloren.
Ein bisschen subversiv
YB war, wie Bern sich gerne sieht: ein bisschen subversiv, ein wehmütiges Projekt des Herzens, das gegen das arrogante Diktat des Geldes antritt.
Aber genau dafür braucht Bern ziemlich viel Geld – das hier angeblich niemand hat.
Der frühere Journalist Urs Frieden, heute Kommunikationsspezialist, derzeit Präsident des Stadtparlaments und ein langjähriger, akribischer Beobachter der Vorgänge rund um YB, erinnert sich an 1996. Damals rettete ein Beitrag des von ihm initiierten Vereins «Gemeinsam gegen Rassismus» von 160 000 Franken sowie eine Aktion des damaligen Radios ExtraBE die heruntergewirtschafteten Young Boys, aus deren Büro die Post wegen Zahlungsunfähigkeit sogar die Frankiermaschine zurückholte, für ein paar Tage vor Lizenzentzug und Konkurs.
Dass YB zusammen mit dem Stade de Suisse nur 14 Jahre später eine Multimillionen-Unternehmung mit neuerdings internationaler Ausstrahlung ist, gehört zu den spektakuläreren Wirtschaftserfolgen der Region Bern. «Dass dies nur mit Geld möglich ist, das von auswärts kommt, ist jedem Berner Fan klar», sagt Szenekenner Frieden. Als Verwaltungshauptstadt verfüge Bern kaum über Figuren, deren finanzielles Polster ein Fussballengagement im grossen Stil zulasse. Und die wenigen Berner Mäzene – Willy Michel oder Hansjörg Wyss etwa – engagierten sich eher in der Kultur.
Ogis Dank
Die konkrete Erfahrung, dass in Bern das finanzielle Fundament für höhere fussballerische Ansprüche nicht vorhanden ist, machte Alt-Bundesrat Adolf Ogi. Der damalige Sportminister spielte in den 90er-Jahren als Wegbereiter für die YB-Renaissance eine nicht unwichtige Rolle. Über das von ihm verantwortete nationale Sportanlagenkonzept (Nasak) flossen rund 10 Millionen Franken Bundesgeld an den (rund 350 Millionen Franken teuren) Wankdorf-Neubau und sorgten dafür, dass Stadt und Kanton Bern keine öffentlichen Mittel für das Stade de Suisse sprechen mussten.
«Ich war gegen Tottenham im Stadion», sagt Ogi, der für YB auch Vernetzungsarbeit leistete, auf Anfrage, «und ich sah, wie Benno Oertigs Augen leuchteten. Dass wir in Bern solche Fussballabende erleben, ist sein Verdienst. Bern sollte nicht über ihn herziehen, sondern ihm danken. Ihm, den Gebrüdern Rihs und Bruno Marazzi.»
Marazzis Geldsuche
Der Berner Bauunternehmer Marazzi, der den YB-Sieg über Tottenham ebenfalls live im Stade de Suisse erlebte, steckte in den 90er-Jahren Dutzende Millionen Franken in die Young Boys und besorgte auch die noch fehlenden 340 Millionen für den Stadionneubau. «Ich war es, der YB vor dem Konkurs bewahrte und rettete», hält Marazzi fest. Er wusste, dass das multifunktionelle Stade de Suisse, das er erdacht hatte und das seine Firma baute, wirtschaftlich nur erblühen konnte, wenn darin eine Fussballmannschaft erfolgreich spielen würde.
Langfristig aber, war ihm immer klar, wäre er als Investor finanziell zu schmal auf der Brust gewesen, um im grossen Fussballgeschäft mithalten zu können. Deshalb, erklärt Marazzi auf Anfrage, «habe ich damals viel Aufwand getrieben, um unter Berner Unternehmern und Firmenchefs Geldgeber für das Berner Fussballprojekt YB zu finden.» Nur Securitas-Direktor Samuel Spreng, der mit einem kleineren Betrag eingestiegen wäre, habe nicht abgesagt.
Dabei, hält Marazzi fest, fehle es in Bern nicht einmal am Geld. Sondern an der Risikobereitschaft, am Optimismus, am Willen. «Das funktioniert sowieso nid», sei die Standardantwort gewesen, die er auf seiner Investorensuche in der Bundesstadt erhalten habe.
Wer zahlt, befiehlt
Marazzi war es dann, der den Unternehmer Benno Oertig, der in Freienbach SZ lebt, nach Bern holte. Dessen Leistung und Risikobereitschaft, sagt Marazzi heute, sei sehr hoch einzuschätzen, weil er mit den Brüdern Andy und Hans-Ueli Rihs aus Stäfa zwei Grossinvestoren von der Zürcher Goldküste nach Bern zu YB gebracht habe. «Das muss man zuerst einmal zustande bringen. Diese Leute werfen nicht unbedacht mit Millionen um sich. Die muss man mit harter, cleverer Arbeit überzeugen.» Zumal er, Marazzi, sicher sei, dass die Investoren bei YB bisher kein Geld verdient hätten.
Auf jeden Fall, sagt Marazzi, müsse sich in Bern niemand wundern, dass auch bei YB die Devise gelte: Wer zahlt, befiehlt.
Bruno Marazzis Erfahrungen bringen das grosse Berner Dilemma auf den Punkt: Die Ansprüche und die finanzielle Leistungsbereitschaft klaffen mitunter sehr weit auseinander – nicht nur im Fussball.
Die diese Woche veröffentlichten Eckwerte für die Subventionsverträge der fünf grossen Stadtberner Kulturhäuser mit Kanton und Gemeinden sprechen dieselbe Sprache: Bern fehlt es notorisch an Geld, mit dem finanziert werden müsste, was man gern sein möchte. Die Bundesstadt kann sich das ambitionierte Kulturprogramm, mit dem sie sich gerne positioniert, eigentlich nicht leisten.
Lukrative Berner Stärken
Trotzdem könnten gerade die harten Konflikte um Geld und Geist bei YB Bern helfen, nüchterner die eigenen Stärken zu erkennen.
Für YB-Beobachter Urs Frieden ist klar, dass die unverzichtbaren Zürcher Investorengelder nur darum zu den Young Boys fliessen, weil Bern ein gutes Fussballprodukt pflegt – zu dem namentlich eine grosse Sportbegeisterung in der Bevölkerung und eine mit jahrelangem Aufwand ausgebaute Fankultur gehören. Frieden kritisiert, wie schnoddrig die Zürcher Investoren ihren schroffen Personalwechsel vor zehn Tagen von Stefan Niedermaier zu Ilja Kaenzig über die Agentur des Beraters Sacha Wigdorovits kommuniziert haben.
Yes, we kaenzig
Ohne die vorbildliche Struktur der Fanszene – Dutzende Fanclubs, zwei Dachverbände, zwei professionelle Fanarbeiter, ein YB-Fanverantwortlicher – wäre die Lage wohl eskaliert, glaubt Frieden. Und Topmann Kaenzig wäre in Bern verheizt worden. So aber kam der neue CEO sofort mit den YB-Anhängern ins Gespräch, und nun kursiert schon das Bonmot: «Yes, we kaenzig».
Die Fähigkeit, Fehlleistungen auszupendeln, argumentiert Frieden, zeige die Berner Qualität, nachhaltig zu arbeiten – und genau davon profitierten jetzt auch die Zürcher Financiers.
Man könnte sagen: YB macht vor, was Bern politisch mit der Hauptstadtregion Schweiz versucht. Auf seine eigenen Stärken als politisches Zentrum setzen, damit für auswärtige Partner interessant werden und daraus wirtschaftlichen Nutzen ziehen.
Oertigs Hauptstadt
Benno Oertig, Verwaltungsratspräsident der Stade de Suisse Nationalstadion AG, bestätigt diese Parallelen. Auf Anfrage erklärt Oertig, er denke – trotz des feindseligen Tons, der ihm in den letzten Tagen entgegenschlug – keine Sekunde daran, das Engagement in Bern fallenzulassen. Im Gegenteil: «Was wir bei YB tun, ist ein ausdrückliches Bekenntnis zu Bern. Nicht aus Mitleid, sondern weil wir überzeugt sind, dass die Stärkung der Bundesstadt ein gutes Investment ist – im Interesse der ganzen Schweiz.»
Bei geschäftlichen Entscheiden leite ihn selbstverständlich die unternehmerische Vernunft, aber weil Investieren immer auch Riskieren bedeute, müsse man immer auch mit Herz bei der Sache sein. Oertig ist überzeugt, die zugkräftige Kombination YB/Stade de Suisse so aufgestellt zu haben, dass sie Gewinne erzeuge, die reinvestiert werden können und der Berner Fussball-Unternehmung künftig kontinuierliches Wachstum beschere. Das überzeuge inzwischen, hält Oertig fest, auch die Berner Wirtschaft, die nun doch auch ins YB-Boot eingestiegen sei.
Die «dritte Phase» von Benno O. ist in Berns Fanszene innert Tagen von Schimpf- zum Kultwort avanciert. Die kreativen YB-Anhänger zelebrieren ihre antikommerzielle Widerstandsromantik auch im geschniegelten Stade de Suisse – und sie werden es selbst dann tun, sollten die Zürcher Investoren ihre YB-Pakete dereinst an russische Financiers weiterverkaufen. So schnell bewegt sich Bern. (Berner Zeitung)
Erstellt: 21.08.2010, 11:01 Uhr
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!






