Vom Schulwandbild zum interaktiven Bildschirm

Die digitale Kulturrevolution erfasst auch die Schule. Technisch agil surfen die Schüler ihren Lehrern davon, allerdings ohne die Inhaltsflut im Internet sinnvoll verarbeiten zu können.

Wenn sie sich nicht bewegt, sieht sie bald rot:  Wie viele Bibliotheken und alteingesessene Bildunginstitutionen muss sich auch die Berner Schulwarte der E-Ära öffnen.

Wenn sie sich nicht bewegt, sieht sie bald rot: Wie viele Bibliotheken und alteingesessene Bildunginstitutionen muss sich auch die Berner Schulwarte der E-Ära öffnen. (Bild: Walter Pfäffli)

Interaktiv

Eine Berner Institution im internationalen Kontext: Die Schulwarte war auch ein Symbol für Aufklärung und die Freiheit des Geistes in Zeiten des Faschismus.

Als 1873 der St.Galler Erziehungsdirektor Dr. Friedrich von Tschudi als Berichterstatter des Bundesrats die Wiener Weltausstellung besuchte, war er hell begeistert von den Neuerungen, die dort auch im Bereich der Bildung präsentiert wurden. In Bern forderte er die Schaffung einer zentralen Schulausstellung, die dem Volksschulwesen aller Kantone «zu fortwährender Aneiferung und zum grössten Segen gereichen müsste».

Der Kantonsschullehrer Emanuel Lüthi, der die Weltausstellung ebenfalls besucht hatte, initiierte daraufhin eine Lehrmittelsammlung, die vorerst in der alten Post an der Berner Kramgasse untergebracht wurde. 1879 dann, vor 130 Jahren, zog man in ein Nebengebäude der alten Kavallerie-Kaserne am Bollwerk um und öffnete als «Schweizerische permanente Schulausstellung» offiziell die Tore.

Fast 60 Jahre lang reisten Lehrer und Lehrerinnen aus der ganzen Schweiz persönlich dorthin, um Bücher, Wandbilder, Karten, Atlanten und auch mal ein Skelett für ihre Klassen auszuleihen. Nach Gebrauch folgte eine zweite Reise nach?Bern, wohin man das Anschauungsmaterial «unverzüglich und unversehrt» zurückzubringen hatte.

Bau im Bauhaus-Stil

Die Schulwarte, wie sie heute am Südkopf der Kirchenfeldbrücke in Bern steht, entstand in den 1930er-Jahren. Dass sie im Stil der avantgardistischen Weimarer Kunst-, Design- und Architekturschule Bauhaus errichtet wurde, war mit Blick auf den erstarkenden Nationalsozialismus auch ein politisches Statement: Während das Bauhaus in Deutschland bald als «entartet» galt, setzte die Schweiz mit der neuen Schulwarte im Bauhaus-Stil ihr Zeichen für ein Bildungswesen, das die Freiheit des Geistes hochhalten sollte.

1930 vergab die Stadt Bern der Schweizer Schulausstellung ein unentgeltliches Baurecht und beteiligte sich auch an den Kosten für einen Neubau. 1935 zog dort, wo sie noch heute steht, die «Berner Schulwarte, Institut für neuzeitliche Erziehungs- und Unterrichtsfragen», ein. Auch bei der Wahl neuer Lehrmittel für die Ausleihe grenzte man sich ideologisch vom grossen Nachbarn im Norden ab.

Angebot im Wandel

Noch «neuzeitlicher» wurde das Institut 1983, als der Kanton Bern den Betrieb übernahm, eine moderne Mediothek sowie eine erste Stelle für medienspezifische Lehrerbildung schuf. Ein?Tonstudio, Videoschnittplätze und ähnliche technische Einrichtungen stammen aus dieser Phase. Im neuen Jahrtausend dann nannte sich das geschichtsträchtige Haus «Medienzentrum Schulwarte Bern» – nicht für lange allerdings, denn bereits 2005 wurde es als «Institut für Bildungsmedien» in die Pädagogische Hochschule integriert.

«In meinen zehn Jahren hier habe ich nichts als ‹Change› erlebt», stellt der aktuelle Leiter Gerhard Pfander fest. Der Zeitraffer der jüngeren Institutsgeschichte, die er mitgeprägt hat, spiegelt den schnellen technologischen Fortschritt. Spät, aber doch noch im Computerzeitalter angekommen, muss die alte Schulwarte nicht nur neue Medien für den Unterricht bereitstellen, sondern diese auch auf neue Medienkonsumenten, die sogenannten «Digital Natives», zuschneiden – und deren Lehrerinnen und Lehrer entsprechend trainieren.

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Jetzt muss aufs Surfbrett springen, wer die E-Learning-Welle erwischen will. Auch die alte Berner Schulwarte, heutiges Institut für Bildungsmedien, versuchts.

Ein erratischer Block ist dieses Haus, das am südlichen Kopf der Berner Kirchenfeldbrücke hockt wie ein Findling aus ferner Zeit. Und erst der Name, der einst in nüchternen Versalien über den Fensterreihen angebracht wurde: SCHULWARTE. Man sieht förmlich, wie Wilhelm Buschs Lehrer Lämpel auf einem Podest erhöht vor seiner Klasse sitzt, das Revier durch die Nickelbrille nach allzu wildem Wild absuchend. Und man ist nicht überrascht, im Keller der Schulwarte jenem menschlichen Skelett zu begegnen, das den Biologiestunden ganzer Schülergenerationen den nötigen Thrill gab. «Es wird noch immer für den Unterricht ausgeliehen», schmunzelt Gerhard Pfander, der aktuelle Institutsleiter. Dabei hat er zurzeit nicht viel zu lachen. Während wegen der Schweinegrippe schon von E-Learning der Schüler zu Hause gesprochen wird und Buchhandlungen ihr Angebot an elektronischen Bildungsmedien bereits kräftig ausbauen, hat Pfander mit einem 50-köpfigen Team und 100 Fachreferenten gerade mal ein erstes E-Dossier bereitgestellt. Im Zeitraffer muss der 130-jährige Traditionsbetrieb an die Bedürfnisse der online vernetzten Informationsgesellschaft angepasst werden, sonst stellt sich demnächst die Frage, ob es ihn überhaupt noch braucht.

Selektion als Hauptleistung

Das erste E-Dossier, das man am Institut für Bildungsmedien entwickelt hat, wurde diese Woche der Öffentlichkeit vorgestellt: Ein elektronisches Medienpaket zum wenig überraschenden Thema «Wasser». Auf der Website des Instituts stellt es Lehrerinnen und Lehrern ausgewählte Texte und Bilder, Filme, Radiobeiträge sowie diverse Unterrichtsmaterialien zur Verfügung. Einzelne Teile daraus können auch physisch ausgeliehen werden – ein Link im Dossier führt jeweils direkt zur Onlinebestellung.

Das E-Dossier wird am Institut laufend aktualisiert. Dazu gehört auch der Input der Nutzer: Lehrpersonen in Deutschland oder Österreich werden etwa die «lokalen Beispiele» im Kapitel «Wasser und Energie» durch eigene ersetzen oder diese zum Vergleich ergänzen – was wiederum einen Mehrwert für Nutzer in der Schweiz bedeutet. Statt Kantönligeist ist nun internationale Zusammenarbeit angesagt: «Um die gewaltige Menge an verfügbarem Material zu selektionieren und für den heutigen Unterricht aufzubereiten, müssen wir uns die Arbeit teilen», erklärt Gerhard Pfander und liefert damit das Stichwort zur künftigen Legitimation seines Instituts: Selektion. Das soll die Antwort sein auf die Frage, ob es noch eine zentrale Mediothek braucht, wenn Medien im Internet jederzeit greifbar sind.

Schon die alte Schulwarte betrieb Selektion – nur war die Materialmenge, aus der man damals das Beste herausfischte, um es anschliessend den Schulen zur Verfügung zu stellen, ungleich viel kleiner als heute. Weil das Internet seine User mit einem nicht abreissenden Informationsstrom überschwemmt und ihnen kaum Zeit lässt, diese ihrer Qualität entsprechend zu verarbeiten, ist die Vorselektion und Bearbeitung durch Fachleute für Unterrichtende notwendig. Bleibt die Frage, ob herkömmliche Medien- und Bildungsinstitute über diese neue Art von Fachleuten verfügen.

Nachhilfe für Lehrer

Seit die Schulwarte in die Pädagogische Hochschule integriert wurde, ist auch die medienspezifische Lehreraus- und weiterbildung wichtiger geworden. Ganz neu ist sie nicht: Früher liessen sich Lehrer in der Medienwerkstatt der Schulwarte an Videoschnittplätzen oder im hauseigenen Tonstudio anleiten. «Heute wird Medienkompetenz allmählich zur vierten Kulturtechnik», sagt Pfander – entsprechend trainierte Lehrpersonen müssen sie ihren Schülern vermitteln können wie Lesen, Schreiben und Rechnen.

Dass heutige Kids, sogenannte «Digital Natives», mit medialen Technologien virtuos umgehen können, heisst noch lange nicht, dass sie sich auch mit medialen Inhalten auseinandersetzen. Wie unterscheidet man wertvolle Informationen von nutzlosen? Wie behält man den Überblick und die Zeit beim Surfen im Griff? Welche Möglichkeiten gibt es, Internetquellen auf ihre Glaubwürdigkeit hin zu überprüfen? Jugendlichen solches beizubringen, wird zunehmend Aufgabe der Schule sein.

Das Problem dabei: Als Anwender hinken Lehrerinnen und Lehrer ihren Schülern hinterher – wie die Eltern sind auch sie meist «Digital Immigrants» (Leute, die nicht vollständig mit Computern aufgewachsen sind) und müssen entsprechend aus- und weitergebildet werden. Sie können sich nicht mehr auf einen «naturgegebenen» Wissensvorsprung verlassen. Die Fähigkeit, Wissen und Informationen einzuordnen, wird das Wichtigste sein, was sie nachfolgenden Generationen mitgeben können – das ist es, was vielen «Digital Natives» fehlt.

Ab auf den Wühltisch

Bei aller Begeisterung für die Aufgabe, die er am Institut für Bildungsmedien in Angriff genommen hat, weiss Gerhard Pfander, Geograf und leidenschaftlicher Aviatiker, dass «mediales Wissen Erfahrungen im wirklichen Leben nicht ersetzen kann». Dies würde Pestalozzi höchstselbst bestätigen, der die «Anschauung» für das «Fundament aller Erkenntnis» hielt. Anders gesagt: Es ist nicht dasselbe, Kröten in der Kiesgrube oder am Bildschirm zu beobachten, in einem Gruselgame Untoten zu begegnen oder einem Skelett persönlich die Hand zu schütteln. Womit wir wieder beim Knochenmenschen im Keller der Schulwarte wären.

Noch immer bestehen 70 Prozent des Angebots am heutigen Institut für Bildungsmedien aus analogem Material – erst 30 Prozent sind digital aufbereitet. Die neuen E-Dossiers werden vor allem in der Oberstufe zur Anwendung kommen. In der Primarschule und natürlich auch im Kindergarten sind nach wie vor Bücher und andere traditionelle Medien gefragt. Trotzdem entsorgen Pfanders Leute zurzeit im grossen Stil Materialien.

Die Schulwandbilder, Zeugen einer versunkenen Ära, sind inzwischen im Berner Schulmuseum gut aufgehoben. Die alten Lehrbücher, jedes ein kulturgeschichtliches Dokument, werden derzeit in die Bibliothek der Universität Bern überführt. Was jünger ist, ein falsches Format hat oder wegen Copyright-Problemen nicht umformatiert werden kann, hat die Schulwarte unlängst an einem öffentlichen Flohmarkt via Wühltisch verscherbelt. Videofilme würden sonst weiterhin ungenutzt in der Ausleihe liegen bleiben, weil kaum mehr eine Schule VHS-Abspielgeräte besitzt. Und wem genügt heute noch der Sound einer Tonbandkassette? «Wir haben keinen Archivierungsauftrag», gibt der Institutsleiter zu bedenken.

Neue Ära im alten Haus

Vielleicht hätte Lehrer Lämpel seinem papierbezogenen Globus und der abgegriffenen Grammatikfibel nachgetrauert und hinter der Nickelbrille ein paar Tränchen verdrückt. Doch um mit Professor Otto von Greyerz zu sprechen, dem Herausgeber des «Berndeutschen Wörterbuchs» von 1904 und Sammler von Schweizer Volksliedern: «Die Schulwarte ist ein im geistigen Sinne hochgelegener Ort, von dem aus ein freier Blick gehalten wird über die Schulen unseres Landes.»

Was würde von Greyerz heute erblicken? Den flächendeckenden Einzug von Computern in die Schweizer Schulzimmer, das «Global Village» als neuen Bildungshorizont. Würde er die aktuelle Entwicklung als dem «inneren Gedeihen unseres Schulwesens» zuträglich erachten? Wir wissen es nicht. Fest steht, dass die Tage des alten Hauses am Südkopf der Kirchenfeldbrücke gezählt wären, würde es sich der E-Ära und ihren Anforderungen nicht öffnen. Bei Stresssymptomen empfiehlt sich das gelegentliche Abstauben des Skeletts im Keller – eine schon fast archaische Entspannungsübung wie das Einfassen von Schulbüchern oder das Putzen des tastaturgesteuerten Surfbretts.

Die Autorin: Tina Uhlmann ist freie Journalistin in Bern. (zeitpunkt@bernerzeitung.ch) (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.08.2009, 17:34 Uhr


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