Bern

Viele kleine Baulücken machen noch kein Viererfeld

BernBrachliegendes Land in der Länggasse oder das Areal Meinen: Diese Flächen würden auch für den Bau von Wohnungen taugen. Doch die Stadt Bern will lieber viele Wohnungen aufs Mal bauen – wie auf dem Viererfeld.

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Im ersten Moment sieht der Ort nicht wie eine attraktive Wohnlage aus: Ein paar Güterschuppen stehen auf dem länglichen Grundstück, das sich am Rand des Berner Länggassquartiers neben der Bühlbrücke und zwischen den Zuggleisen und der Depotstrasse erstreckt. Doch Absolventen der Hochschule Burgdorf haben vor neun Jahren Pläne entworfen, wie diese vernachlässigte Restfläche mit Wohnungen überbaut werden könnte.

Solche Orte gibt es Dutzende in der Stadt Bern: schlecht genutzte Lagerhallen, alte Gewerbebauten, graue Kiesplätze. Sie alle sind kleine Landreserven, auf denen sich die Stadt verdichten liesse. Auch die ehemalige Buswendeschleife hinter den Unisportplätzen an der Neubrückstrasse liegt brach: Sie ist nur noch ein Parkplatz, seit der Bus weiter bis zum Parkhaus fährt.

Selbst an Orten, die bereits bebaut sind, gäbe es Platz für Wohnungen. Demnächst zieht die Grossmetzgerei Meinen aus ihrem Betonblock an der Schwarztorstrasse im Mattenhofquartier. Frei machen zum Wohnungsbau liesse sich auch das Areal des Tramdepots am Eigerplatz. Besonders viele schlecht genutzte Areale gibt es im Gebiet Ausserholligen rund ums Weyermannshausbad. Das hat Mitarbeitende des Schweizerischen Werkbundes dazu bewogen, zum 100-Jahr-Jubiläum 2013 ihrer Gestalter-Vereinigung eine Vision für ein neues Stadtquartier zu veröffentlichen. Die Gestalter zeigen auf, wie man auf den Gewerbebrachen, Lagerflächen und an bisher unwirtlichen Orten in Ausserholligen Wohnraum für über 11000 Menschen bauen könnte.

«Natürlich gäbe es noch einige Stellen in der Stadt, an denen man verdichten könnte», räumt der Berner Stadtplaner Mark Werren auf Anfrage ein. Doch gleichzeitig betont er, dass Bern «randvoll» sei und nur noch ganz wenige baureife Reserven habe. «Vor allem reichen solche kleinen Areale bei weitem nicht, um die grosse Nachfrage nach Wohnungen rasch zu befriedigen.» Dazu brauche es schon ein grosses Projekt wie das Viererfeld, auf dem gleich mehrere Hundert Wohnungen aufs Mal geplant werden könnten.

Grosse Projekte, statt vieler Einzellösungen

Es gibt einen weiteren Grund, warum die Stadtregierung nicht auf viele kleine Einzellösungen setzen will und lieber grosse Projekte vorantreibt: Das Verdichten von unternutzten Flächen und Ausnützen von Baulücken ist oft genauso aufwendig und langwierig, wie es Grossprojekte sind. Denn auch kleineren Bauplänen droht häufig der Widerstand von Nachbarn oder von betroffenen Interessengruppen. Allerdings hat die Stadt selber schon gezeigt, dass sich Bern durchaus im Kleinen verdichten lässt – und zwar so vorbildlich, dass sie dafür sogar Architekturpreise einheimste: An einem Ort, den Planer als «städtischen Unort» bezeichnen, auf dem Areal des ehemaligen Werkhofs an der Schwarztorstrasse, steht heute ein langes neues Gebäude mit 95 Wohnungen. Dahinter befindet sich ein Park mit Bäumen, Sträuchern und einem Spielplatz. Die Überbauung Brunnmatt-Ost hat letztes Jahr den Architekturpreis Goldener Hase gewonnen, welchen die Architekturzeitschrift «Hochparterre» verleiht.

Den bernischen Kulturpreis für Architektur, Technik und Umwelt, ATU-Prix, hat vor zehn Jahren die Wohnsiedlung «Vordere Lorraine», kurz «Volo» genannt. Auf dem Areal zwischen Lorrainestrasse, Jurastrasse und Randweg stehen heute 30 Wohnungen und vier Wohnateliers. Ursprünglich gab es dort einen Werkhof mit Ateliers und zwei kleinen Wohnungen.

Doch mit solchen kleineren Überbauungen lassen sich die hochgesteckten Wohnbauziele der Stadt nicht befriedigen. Bis in sechs Jahren will Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) 5000 zusätzliche Einwohner gewinnen. Diese sollen mit Hunderten von neuen Wohnungen in die Stadt gelockt werden. Derzeit in Planung sind unter anderem die Wohnsiedlung Stöckacker Süd sowie die Areale der ehemaligen Kehrichtverbrennung am Warmbächliweg und des alten Tramdepots am Burgernziel. Und vor allem will die Stadt auf dem Vierer- und dem Mittelfeld in der Länggasse schon bald ein ganz neues Quartier bauen und damit auf einen Schlag Platz für 3000 Menschen schaffen.

Mit diesem Grossprojekt folge die Stadt einfach dem Weg des geringsten Widerstandes, kritisiert Hans Weiss, Mitglied der vor kurzem gegründeten Interessengemeinschaft Viererfeld Nature 2.0 und ehemaliger Geschäftsführer der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz. Er findet jedoch nicht, dass die Stadt bessere Orte für neue Wohnungen suchen sollte. Weiss fordert vielmehr, dass die Planer ihre Wohnbauziele ändern. «Warum muss Bern unbedingt innerhalb der Stadtgrenze noch wachsen?»

Der Grund dafür ist klar: Bern liefert sich mit den umliegenden Gemeinden einen Konkurrenzkampf um Steuerzahler. Schon vor zehn Jahren klagte Alexander Tschäppät, damals noch Gemeinderat und Direktor für Planung, Verkehr und Tiefbau: Die Stadt sei zwar begehrt als Zentrum und Anbieterin von Kultur und Arbeitsplätzen. «Doch anstatt nach der Arbeit in die Länggasse, in den Mattenhof oder ins Kirchenfeld nach Hause zu fahren, nimmt man das Privatauto oder das öffentliche Verkehrsmittel und fährt Richtung Laupen, Flamatt oder Münsingen.»

Unzeitgemässer Steuerwettbewerb und kleinkarierte Kirchturmpolitik sei das, findet Hans Weiss. Schuld daran, dass die Menschen ausserhalb der Stadt wohnen, sei kaum die Wohnungsnot. «Es ist eher die Not der steigenden Mietzinse und Bodenpreise in der Stadt.» Und dieses Problem lasse sich nicht mit neuen Grossüberbauungen lösen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.03.2014, 08:41 Uhr

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