Verunsicherte Mieter verteilen anonymes Flugblatt
Von Katharina Merkle. Aktualisiert am 07.12.2011 4 Kommentare
Das Projekt
Das Quartier am Nesslerenweg in Wabern wurde von 1979 bis 1983 gebaut und wird im Volksmund Marazzi-Überbauung genannt. In den nächsten Jahren soll es durch den Aufbau von weiteren Stockwerken verdichtet werden. Sagt das Könizervolk am Sonntag Ja zum neuen Zonenplan, werden zu den 198 Wohnungen rund 119 dazukommen. Die bestehenden Wohnungen werden etappenweise saniert, voraussichtlich ab 2014. 80 Millionen Franken wollen die Besitzer (Previs, Helvetia, PAT-BVG ) investieren.
«Die Mieten werden steigen», bestätigt Previs-Immobilienchef Roger Müller. Die Nettomiete für eine Viereinhalbzimmerwohnung dürfte nach dem Umbau zwischen 1630 und 1850 Franken betragen. Netto 1540 Franken zahlt Mieterin XY* heute – inklusive Bastelraum, Keller, eigener Waschküche, Park- und Einstellhallenplatz. Sie wohnt schon gut zwanzig Jahre am Nesslerenweg und will dort bleiben. Die Differenzen sind je nach Mietdauer gross. So zahlt ihr Nachbar, der seit acht Jahren dort wohnt, monatlich 1750 Franken inklusive Aussenplatz. Der andere Nachbar ist erst zwei Jahre dort und zahlt ohne Aussenplatz gegen 1900 Franken. Tiefer in die Tasche greifen müssen nach dem Umbau vor allem die langjährigen Mieter.
«Moderate» Erhöhungen
Die alten Wohnungen werden komplett saniert und die Häuser aufgestockt (siehe Kasten). Am Wochenende stimmen die Könizer über die Zonenvorschriften ab, die das möglich machen. Mit einem Flugblatt rufen langjährige Anwohner nun anonym dazu auf, Nein zu stimmen. Günstiger Wohnraum verschwinde, lautet ihr Hauptargument. Der Gemeinderat setze sich generell für günstige Mieten ein, seine Einflussnahme sei aber beschränkt, sagt die Könizer Gemeinderätin Katrin Sedlmayer (SP). Im Vergleich scheinen ihr die angekündigten Preiserhöhungen am Nesslerenweg «moderat».
Mieter müssen umziehen
Eine weitere Angst der Mieter ist die Umbauphase. Tatsächlich werden sie grosse Umtriebe in Kauf nehmen müssen. Denn die Liegenschaften sind während der Sanierung etappenweise nicht bewohnbar. Previs rechnet damit, dass einige Mieter von sich aus kündigen, weil sie die Umtriebe und die Mieterhöhung scheuen. «In Bezug auf die Länge der Kündigungsfrist werden wir kulant sein», verspricht Roger Müller. Die vom Umbau betroffenen Mieter müssen vorübergehend in die frei werdenden Wohnungen einziehen und können danach in ihre sanierten vier Wände zurückkehren, falls man sich über den Mietzins einig wird.
Gebaut wird gemäss Roger Müller in drei bis vier Etappen. Die Bauphase dürfte sich mindestens von 2014 bis 2018 hinziehen. Previs liege viel daran, dass die Mieter bleiben könnten, versichert Müller. Er zeigt sich schockiert über die Unterschrift unter dem Flugblatt: «Betroffene Mieterinnen und Mieter, die aus Angst vor einer Kündigung anonym bleiben wollen.» Es sei «völlig abwegig», dass sich Previs kritischer Mieter entledigen wolle.
*Name der Redaktion bekannt (Berner Zeitung)
Erstellt: 07.12.2011, 09:03 Uhr
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4 Kommentare
Marazzi baute seinerzeit diese Siedlung auf günstigem Grund direkt an der lärmigen Seftigenstrasse, ohne Schallschutzwände und ohne Erschliessung durch den öffentlichen Verkehr. Die Lärmabschotung zahlte später der Kanton, und wenn das Tram und die S-Bahnstation in den nächsten Jahren Realität werden sollten, wird die Investitionsrechnung für die Eigentümerschaft geradezu fantastisch aussehen! Antworten
Auch am Jungfrauweg in Münsingen waren dieses Jahr 53 Familien vom gleichen Schicksal betroffen!
Mietzinserhöhung bis ca Fr.900.-
Und vor dem Umbau jahrelang leere Wohnungen, was soll’s, ist ja nur Pensionskassengeld, das kann man sich ja leisten oder?
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