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«Unsere Psyche ist sehr komplex»
Dr. med. prof. em. Edgar Heim aus Hünibach ist auch Buchautor und schrieb unter anderem «Die Welt der Psychotherapie». (Bild: Franziska Streun)
Professor und Forscher
Edgar Heim (1930) wohnt in Thun und ist Autor mehrerer Fachbücher. Er hat in Bern, Wien und Paris Medizin studiert, und seit 1994 ist er emeritierter Professor für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Bern. Er war in den USA und in Europa auch wissenschaftlich tätig. Er leitete die Psychiatrische Klinik Schlössli in Oetwil am See ZH, die Poliklinik in der Insel, Bern, unterrichtete am Psychoanalytischen Institut Zürich und am C.G. Jung Institut in Zürich und präsidierte mehrere Jahre die Dachorganisation der nationalen Gesellschaften, die International Federation for Psychotherapie IFP. sft
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Herr Heim, was wollen Sie den Lesenden in «Die Welt der Psychotherapie» wissen lassen?
Edgar Heim: Das Buch zeigt erstmals die Geschichte der Psychotherapien in Europa und den USA auf. Es richtet sich sowohl an Fachleute wie an interessierte Laien und enthält einen Überblick über die Schulen und ihre Methoden. Zudem fasst es den Stand des heutigen Wissens anhand der Forschung zusammen. Auf Grund der Recherchen habe ich noch ein zweites Buch geschrieben.
Mit welchem Inhalt?
Beim Recherchieren faszinierten mich bald ebenso die Auswirkungen der Entwicklung der Psychotherapie im Allgemeinen. Übrigens war vor fünf Jahren der Ursprung für die Recherchen die Anfrage der internationalen Dachorganisation für Psychotherapie, deren Geschichte aufzuarbeiten.
Was ist die wichtigste Botschaft des jetzigen Buches
Psychotherapie hat sich wie ein Baum entwickelt: Von einem dicken Stamm bis zu beinahe unzähligen Ästen beziehungsweise von einer Methode zu verwirrlich vielen Methoden. Das Gemeinsame, der Stamm, basiert auf den laufenden Ergebnissen aus der Forschung.
Welches sind heute die wichtigsten Methoden?
Es gibt drei Hauptbereiche. Zunächst gab es nur die Psychoanalyse, welche Anfang des 20. Jahrhunderts aus der Hypnose entstand. Etwa fünfzig Jahre später folgte die Verhaltenstherapie. Der dritte Hauptbereich, die sogenannt humanistischen Therapien, folgten in den 68er-Jahren als Gegenbewegung zu den ersten beiden Methoden. Zu ihr gehören Bewegungs-, Gestaltungs- und Gesprächstherapien. Als eine Art übergeordnete Form entwickelten sich die systemischen Formen wie die Familientherapie.
Was ist unter Psychoanalyse zu verstehen?
Sie hilft, das Unbewusste zu verstehen. Zum Beispiel könnten alte, verdrängte Konflikte bewusst gemacht werden, damit der Mensch anders mit ihnen umgehen kann.
Und die Verhaltenstherapie?
Die Verhaltenstherapie geht von der Idee aus, dass der Mensch auf Grund von bestimmten Erfahrungen und Lernprozessen das Verhalten verändern kann – zum Beispiel in Form von Konditionierungen, also angeeigneten Mechanismen, wie wir auf bestimmte Situationen reagieren.
Wie ist eigentlich die Psychoanalyse entstanden?
Sie wurde ausgangs des 19.Jahrhunderts von Sigmund Freud begründet. Vor dem zweiten Weltkrieg sind viele jüdische Psychoanalytiker geächtet und verfolgt worden. Sie wanderten nach Amerika aus und trugen wesentlich zur Verbreitung der Psychoanalyse bei. Noch bis Ende der 60er-Jahre waren die meisten Professoren der Psychiatrie ausgebildete Psychoanalytiker.
Sie sind seit Jahrzehnten im psychiatrisch-wissenschaftlichen Bereich tätig und gelten als Koryphäe. Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis über die Psyche?
Der Mensch hat mehr Schaltungen im Gehirn, als es Atome im All gibt: Über zehn hoch elf Vernetzungen unserer Gehirnnerven. Diese wiederum enthalten unser Gedächtnis, Denken und Fühlen. Die Psyche ist ein Überbegriff dafür, wie wir auf der psychologischen Ebene funktionieren – und das ist sehr komplex.
Und über das Unterbewusstsein?
Einen Teil unseres Unbewussten können wir an unseren Ängsten, Konflikten, Träumen etc. erkennen. Sie wirken sich auf unser Verhalten und unsere Empfindungen aus. Wenn wir diese genau betrachten und reflektieren, können wir viel verändern und über uns erfahren.
Welches waren Ihre Schwerpunkte bei der Arbeit?
Mein Forschungsschwerpunkt sowohl in Europa wie in den USA war die Psychosomatik, also die Verbindung von Psyche und Körper. Dazu gehören Fragen, wie sich das psychische Befinden auf den Körper und dasGesundsein auswirkt. Zum Beispiel: Stress kann einen Herzinfarkt auslösen – und jeder Mensch, der einen solchen erlebt, ist psychisch betroffen und muss die Krankheit verarbeiten.
Sind heute mehr Menschen in ihrer Psyche krank oder mit dem Leben überfordert als früher?
Das ist schwer zu sagen, weil wir von früher die Vergleichszahlen nicht kennen. Die Geschwindigkeit durch die elektronischen Medien zum Beispiel setzen dieMenschen einem erhöhten Druck in vielen Bereichen aus. Der hektische und komplexe Alltag erfordert eine starke psychische Verfassung.
Und welchen Platz nehmen in der Psychoanalyse Bereiche wie Seele und Spiritualität ein?
Jeder Teil des Menschen – ob Emotion, Gefühl, Intuition, Gedanke oder Reaktion – ist mit einer Funktion mit dem Hirn verbunden. Jede Aktivität, bereits ein Gespräch oder eine augenblickliche Erfahrung, verändert das Gehirn. Dieses ist ein unendlich grosses Informationszentrum und eine riesige Schaltstelle, die sich im Laufe der Evolution so entwickelt hat.
Und wo ist dabei der Bezug zur Seele oder zur Spiritualität?
Als Mensch sind wir Teil dieses Prozesses. Jedoch sind weder die Seele noch spirituell orientierte Fragen wissenschaftlich messbar. Sie betreffen gewissermassen eine andere Dimension des Menschseins.
Wo steckt denn die Wissenschaft im Bereich der Psyche heute?
In der Evolution befindet sich der Mensch an oberster Stufe. Aber alle biologischen Vorgänge, insbesondere jene, welche die Neurowissenschaften erkunden, sind derart komplex, dass wir immer noch sehr wenig wissen.
Heute Buchvernissage:
«Die Welt der Psychotherapie – Entwicklungen und Persönlichkeiten»: Ein Expertengespräch des Autors Edgar Heim mit dem ebenso bekannten Psychiater Konrad Michel; öffentlicher Anlass in der Buchhandlung Krebser, Bälliz in Thun, Beginn: 20 Uhr. (Thuner Tagblatt)
Erstellt: 25.03.2009, 09:42 Uhr





