Ueli Studer begrüsst Fremde auf Deutsch
Von Lucia Probst. Aktualisiert am 04.01.2011 1 Kommentar
Fremd in Köniz
39'473 Personen leben aktuell in Köniz. 15,4 Prozent davon (6071 Personen) sind laut Auskunft der Einwohnerdienste ausländischer Herkunft. Gemäss Zahlen von Ende 2009 führen dabei die Italiener (1040 Personen) die Rangliste der ausländischen Nationen an, dicht gefolgt von den Deutschen (1025). An dritter Stelle liegen Spanien und Sri Lanka (je 317), darauf folgen die Türkei (291) und Portugal (268). Seit zwei?Jahren gibt es in Köniz eine Fachstelle Integration. Die Gemeinde besitzt auch ein Integrationsreglement und seit einem Jahr ein 26-seitiges Integrationskonzept, das die Fachstelle erarbeitet hat. Rund 100 Mal wurde die Fachstelle Integration 2010 in Anspruch genommen. Dies nicht nur von Ausländern, sondern auch von der Polizei, der Schulsozialarbeit oder andern Fachstellen und Gemeinden, die Rat suchten. Die Gemeinde bemüht sich, punkto Integration ein Vorbild zu sein. Von den 21 Lernenden auf der Könizer Gemeindeverwaltung zum Beispiel sind vier ausländischer Herkunft.
Öffnungszeiten der Fachstelle Integration: Di, 14 bis 17 Uhr, Do, 14 bis 17 Uhr. Sprechstunde Mi, 14 bis 16 Uhr, Telefon: 031 970'92'96.
Herr Studer, was macht Ihnen punkto Integration besonders Sorgen?
Ueli Studer: Die Leute kommen von immer weiter her. Aus immer fremderen Kulturen. Wir hinken enorm hinterher mit der Integration. Manchmal fürchte ich, dass wir diese Zuströme nicht bewältigen können. Es wird zwar viel von Integration gesprochen. Aber bis heute ist sie eine heisse Kartoffel geblieben, die niemand wirklich anfassen will.
Viel zu diskutieren gab letztes Jahr das separate Frauenturnen von Musliminnen in Wabern. Wie beurteilen Sie diese Bewilligung im Nachhinein?
Ich würde es nicht anders machen als damals und die Bewilligung erteilen.
Sie würden die Frauen also nicht in den Turnverein schicken?
Das wäre uns natürlich am liebsten. Aber diese Frauen wollten ja ohne Kopftuch turnen, das liess sich so nicht integrieren. Zahlreiche Sportvereine in Köniz haben viele Mitglieder mit Migrationshintergrund. Fussballvereine zum Beispiel. Das finde ich super. Über Kinder lernen sich auch Eltern kennen, so bilden sich neue Kontakte.
Ostermundigen bot 2010 einen Velokurs für Migrantinnen an. Der stiess auf reges Interesse. Wäre das auch etwas für Köniz?
Ich könnte mir einen solchen Kurs durchaus vorstellen. Aber er ist im Moment nicht auf unserer Prioritätenliste. Wir haben, basierend auf unserem Integrationskonzept, neun Kurse definiert, die wir vorerst anbieten wollen. Das reicht vom Frauentreff über den Sprach-, Näh- und Computerkurs bis hin zum Gewaltpräventionskurs für Männer und einem Kurs, der ins Könizer Alltagsleben einführt.
Ob fürs Wohnen, die Schule, die Arbeit oder die Gesundheit: Überall listet dieses Konzept eine ganze Reihe von Massnahmen auf. Vieles davon sei schwammig, hat die SP kritisiert. Haben Sie sich nicht zu viel vorgenommen?
Das Konzept ist nicht nur für heute und morgen gedacht, sondern längerfristig. Ich habe nicht das Gefühl, dass es schwammig ist. Natürlich lässt sich nicht alles auf einmal umsetzen, aber der Anfang ist gelungen.
In der Praxis hapert es oft. Die Debatte um ein Muslimgrab in Köniz ist ein gutes Beispiel. Der gleiche Gemeinderat, der ein Integrationskonzept unterstützt, hat sich gegen dieses Grab ausgesprochen. Das erstaunt schon.
Es ist mir ein Anliegen, dass andere Glaubensrichtungen auch hier Bestattungen vornehmen können. Mit den Haingräbern ist das möglich. Ich sehe den Zusammenhang zwischen diesem Muslimgrabfeld und dem Integrationskonzept nicht. Zumal wir pro Jahr höchstens zwei bis drei solche Anfragen haben.
Das Parlament hat diesen Zusammenhang durchaus gesehen und den Entscheid korrigiert.
Wir werden das im Gemeinderat nochmals diskutieren. Entscheiden kann der Gemeinderat letztlich aber selber, die Kompetenz liegt bei ihm. Ich sage es nochmals: Nur weil wir ein Integrationskonzept haben, braucht es jetzt nicht ein solches Grabfeld. Das ist kein Wegweiser. Es gibt hundert andere wichtigere Wegweiser für die Integration. Sie ist dabei von beiden Seiten her immer ein Geben und Nehmen. Ich mag die Integration nicht auf diese Grabfeldfrage reduzieren.
Integration ist ein Prozess, haben Sie vor einem Jahr im Vorwort zum neuen Integrationskonzept geschrieben. Hat das Konzept diesen Prozess wirklich ins Rollen gebracht?
Ja, das hat es. Vor allem das Willkommensschreiben, das wir an alle ausländischen Neuzuzüger senden, bewährt sich. Seit April haben wir 350 Briefe verschickt. Rund 45 Personen haben sich daraufhin für eine Kurzberatung bei unserer Fachstelle Integration gemeldet.
Der Brief kommt also gut an?
Nicht nur. Vor allem Leute aus Deutschland und Nordeuropa fanden, sie brauchen keinen solchen Brief. Eigentlich verständlich – sie fühlen sich hier meistens auch nicht fremd. Aber wir zwängen den Leuten ja nichts auf. Wir machen ihnen nur ein Beratungsangebot.
Wie sieht eine solche Kurzberatung konkret aus?
Die Leute kommen mit Fragen. Sie wollen zum Beispiel wissen, wie sie zu Schweizern Kontakte knüpfen können oder wie sie eine Arbeit finden. Wir versuchen, sie an die richtigen Stellen weiterzuvermitteln.
In wie vielen Sprachen gibt es diesen Brief inzwischen?
Den gibt es immer noch nur auf Deutsch. Aber das ist bewusst so gemacht. Wer sich integrieren will, muss sich auch bemühen, einen solchen Brief zu verstehen und jemanden zu suchen, der bei der Übersetzung helfen kann.
Das ist doch eine Idealvorstellung. So erreichen Sie genau jene Personen nicht, die Hilfe am nötigsten hätten.
Wir haben inzwischen auch das Gefühl, dass wir für manche Leute den Brief doch übersetzen müssen. Problematisch wird es vor allem bei jenen, die hier völlig ohne Umfeld sind. Wir werden das überdenken.
Vor allem ausländische Frauen sind oft sehr schwer erreichbar. Sie sitzen daheim, sorgen für ihre Familie und sprechen kein Deutsch. Hat sich durch das Konzept daran etwas geändert?
Das ist schwer messbar. Letztlich stellen wir es nicht über die Integrationsstelle fest, wenn wir jemanden nicht erreichen. Zum Vorschein kommt das vor allem, wenn es in der Schule oder sonstwo Probleme gibt.
Haben Sie dafür ein Beispiel?
Wir stellten zum Beispiel fest, dass in einer tunesischen Familie die Frau des Sohnes zu Hause eingeschlossen wurde, und leiteten dann Massnahmen ein. Mit Integrationsarbeit alleine lässt sich da nichts mehr machen. Eine bessere Integration sollte genau solche Situationen verhindern.
Ein Konzept ist Papier. Wo merkt die Könizer Bevölkerung konkret etwas von diesem Konzept?
Ein Könizer merkt davon wohl wenig. Trotzdem hoffe ich sehr, dass unser Konzept nicht nur ein Papiertiger für die Schublade ist. Menschen zum Beispiel, die in einem Mehrfamilienhaus mit multikulturellen Bewohnern leben, können ihre Nachbarn neu an die Integrationsfachstelle verweisen, wenn diese Probleme haben.
Eigentlich erstaunlich, dass Sie sich als SVP-Politiker für die Integration so stark machen.
Ich sehe einfach die Zusammenhänge eins zu eins in meiner Direktion. Wir müssen die Leute integrieren. Sonst gibt es schon mit den Kindern in der Schule Probleme. Später haben wir diese Personen bei uns auf dem Sozialdienst. Das alles kostet uns viel Geld. Nur mit einer guten Integration lässt sich das vermeiden. Integration ist dabei nicht nur für die Ausländer wichtig, sondern auch für uns. Verstehen wir uns gegenseitig, führt das zu Akzeptanz, sozialer Ruhe und Zufriedenheit.
Der 57-jährige Ueli Studer (SVP) ist Könizer Gemeinderat und hat die Direktion Bildung und Soziales unter sich. (Berner Zeitung)
Erstellt: 04.01.2011, 08:07 Uhr
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Integration beginnt mit dem Erlernen einer Landessprache und der Akzeptanz der hiesigen Rechtssprechung sowie der Sitten und Gebräuche. Wer damit Mühe hat soll dahin zurück wo er / sie herkommt. Ich stelle mehr und mehr fest, dass mit "Integration" gemeint ist, die Mehrheit der Bevölkerung habe sich gefälligst der Minderheit anzupassen. Eine gefährliche Tendenz. Antworten
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