Riggisberg

Trotz einer Lähmung wird Mohammed A. ausgeschafft

RiggisbergIn Eritrea sah er sein Leben bedroht, in Italien seine Würde, in der Schweiz seine Hoffnung. Seit drei Monaten lebt der körperlich behinderte Mohammed A. im Riggisberger Asylzentrum. Nicht mehr lange.

Mohammed A. lebt derzeit in Riggisberg: «Ein Paradies», sagt er.

Mohammed A. lebt derzeit in Riggisberg: «Ein Paradies», sagt er. Bild: Iris Andermatt

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Schüsse hallen in der Ferne. Etwas leiser ertönt das Geräusch eines Mähdreschers. Mohammed A. steht auf einer Anhöhe in Riggisberg, im Rücken das Dorf, den Schiessplatz und die Bergkette. Hinter der Bergkette liegt Mailand – knapp 200 Kilometer Luftlinie.

Dort nahm der 32-Jährige im November 2014 den Zug in die Schweiz. Geplant war das nicht. «Jemand sagte, geh nach Basel, also ging ich nach Basel.» Er flüchtete aus Italien wie Monate zuvor aus Eritrea, mit dem Unterschied, dass in Eritrea ein Esel sein Transportmittel für die erste Fluchtstrecke durch das Gebirge war. Er könne nicht gut gehen. «Als Kind fiel ich aus dem Bett.»

Ist es Kinderlähmung?

Wolken ziehen auf. Mohammed A. fröstelt im dünnen Leinenhemd. Bei jedem Schritt zieht eine wellenförmige Bewegung durch seinen schmalen Körper bis zu den Schultern. Das rechte Bein mit dem abgedrehten Fuss befördert er mit einer Verschiebung des Beckens. Sein Anblick erinnert an eine Birke im Wind. Das Arztzeugnis formuliert es exakter als «Beckenfehlstand» und «Lendenwirbelsäule-Skoliose».

Die Beobachtungen stammen vom Riggisberger Arzt Hans Jakob Zehnder. Eine Kinderlähmung sei nicht auszuschliessen. «Man müsste abklären, wie stabil die Wirbelsäule ist und welche Massnahmen das Leiden mildern, das durch die Behinderung entsteht», sagt der Arzt. Die Chancen auf eine solche Abklärung und Behandlung seien bei einer Rückschaffung nach Italien gering. «Das ist meine persönliche Einschätzung, nachdem ich höre und lese, wie dort die Situation für Flüchtlinge ist.»

Man hört und liest viel: 170'000 Bootsflüchtlinge suchten 2014 den Weg über Italien nach Europa. Die Notunterkünfte in Sizilien und anderen Küstenregionen seien «heillos überfordert», schreiben die Medien. Viele Asylbewerber würden auf der Strasse leben. «Schlimm wird es, sobald Italien den Flüchtlingen Asyl gewährt», sagt Christina von Gunten, Juristin bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. «Sie müssen dann selbst für sich sorgen können.» Die Chancen auf einen Job seien aussichtslos, insbesondere, wenn jemand wie Mohammed A. die Sprache kaum spreche und behindert sei.

Schmerzhafter Entscheid

Über Italien redet Mohammed A. nicht gerne. «Das tut mehr weh als das Bein.» Anfang März teilte ihm das Staatssekretariat für Migration (SEM) trotzdem mit, dass es nicht auf das Asylgesuch eintrete und er zurück nach Italien müsse. Der Entscheid basiert auf der Dublin-Verordnung (siehe Kasten).

Dass Mohammed A. in Italien obdachlos war, dass er die Zustände dort als genauso schlimm empfand wie in Eritrea und dass er eine Gehbehinderung hat – all das äusserte er bei der Erstbefragung. Es blieb beim Entscheid des SEM: «Weder die in Italien herrschende Situation noch andere Gründe sprechen gegen die Zumutbarkeit Ihrer Wegweisung.» Bei der Organisation der Überstellung werde Italien über die notwendige medizinische Behandlung von Mohammed A. informiert. Was das konkret heisst, bleibt offen.

«Wir können keine Angaben zum individuellen Fall machen», sagt dazu SEM-Sprecherin Léa Wertheimer. Grundsätzlich sei es so, dass die Schweiz den zuständigen Staat erst vor der Überstellung über den Gesundheitszustand des Asylsuchenden informiere. Dies sei in der Dublin-Verordnung so vorgesehen. «Italien ist ein europäischer Rechtsstaat und ein Partner. Wir haben keinen Grund, an der Glaubwürdigkeit zu zweifeln.»

Ruhig aufwachen

Mohammed A. schweigt. Seine Gedanken drehen im Kreis. «Es ist wie ein Computervirus im Kopf.» In Eritrea sei er grundlos verhaftet worden. Später in Italien habe ihn niemand angehört. «Ich wurde nicht wahrgenommen, als gäbe es mich nicht.» Das sei schwer zu ertragen. Manchmal müsse er einfach dasitzen, alleine, und über dieses Leben grübeln. Sein Wunsch: abends mit dem Gedanken einschlafen, dass er am Morgen in Ruhe aufwacht.

«Tabassam», sagt dann sein Übersetzer. «Lächle». Mohammed A. senkt den Blick, die weissen Zähne kommen zum Vorschein, und er lächelt – zum Beispiel, wenn er daran denkt, was er seiner Frau am Telefon sagen würde, gäbe es in seinem Heimatdorf eine funktionierende Telefonleitung. Er lächelt auch, wenn er Daniel Winkler von der Freiwilligenarbeit und Pfarrer in Riggisberg ansieht, «mein grosser Bruder». Oder wenn er erzählt, dass die Schweizer Behörden ihn bei der Ankunft fragten, wie es ihm geht. «Als wäre ich ein Mensch.»

Begrenzte Freuden

Wie das Paradies komme ihm die Zeit in Riggisberg vor. Mohammed A. wird still. Ebenso still wird er später sein «Heim» zeigen, die Zivilschutzanlage, seinen Schrank, «Nr. 31» und sein Bett, 70 mal 180 Zentimeter. (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.05.2015, 06:08 Uhr

Rechtliche Grundlage

Die Dublin-Verordnung sieht vor, dass derjenige Staat für das Asylverfahren zuständig ist, in dem der Asylsuchende zuerst eingereist ist. Mohammed A. hinterliess in Italien seinen Fingerabdruck, womit Italien für sein Verfahren zuständig ist. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) prüfte für seinen Nichteintretensentscheid das Asylgesuch nicht inhaltlich.

Nur in gewissen Fällen übernimmt die Schweiz aus humanitären Gründen die Zuständigkeit, zum Beispiel bei Schwangerschaft oder Behinderung. Mit Blick auf die Beschwerden von Mohammed A. hält das SEM in seinem Asylentscheid unter anderem fest, dass in Italien selbst illegal anwesende Ausländer Zugang zu medizinischer Versorgung hätten.

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