Tod eines armen Teufels

BernDas Beste zum Saisonschluss: Konzert Theater Bern zeigt «Peter Grimes» von Benjamin Britten in der Grossen Halle der Reitschule. Eine herausragende Produktion von emotionaler Wucht.

Gebrochen: Der schwedische Tenor Daniel Frank als Peter Grimes in der neuen Produktion von Konzert Theater Bern in der Reitschule.

Gebrochen: Der schwedische Tenor Daniel Frank als Peter Grimes in der neuen Produktion von Konzert Theater Bern in der Reitschule. Bild: Annette Boutellier

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Wer ist Peter Grimes? Der Teufel muss er sein! Denkt man in diesem Fischerdorf an der Ostküste Englands. Ein Mann, der Kinder mordet, der die fest gefügte Ordnung vergiftet. «Wer abseits bleibt und seinen Stolz erhebt, wir werden ihn zerstören», ruft die Gemeinde und sammelt sich zur Prozession. Reverend Horace Adams (Michael Feyfar) schreitet voran, trägt das Kreuz in der Hand. Man hat die Matratze des Teufels geholt, seine Fischerjacke, seine Stiefel. Nun lässt man sie baumeln. Ein Akt der Austreibung.

Später sitzt er da, zurückgekehrt in seine Hütte. Ein gebrochener Mann, verfolgt von seiner Geschichte. Er rauft sich die strähnigen Haare, blickt ins Leere. «Peter Grimes! Peter Grimes!» singen die Stimmen in seinem Kopf, immer wieder, bald engelsgleich, bald vorwurfsvoll.

Wer ist Peter Grimes? In der Versnovelle, die Benjamin Britten (1913–1976) seiner Oper zugrunde legte, gibt es keinen Zweifel: George Crabbes Dichtung von 1810 zeigt einen zutiefst bösartigen Menschen, der schimpft und prügelt, ein Fischer, der seine Lehrjungen missbraucht und misshandelt, bis sie sterben. So sah es auch der ursprüngliche Entwurf der Oper vor. Im Libretto, das Britten später ausarbeiten liess, erscheint Grimes in freundlicherem Licht, wird vom Scheusal zum Opfer einer engstirnigen Dorfgemeinschaft, die das Religiöse hochhält und vor Heuchelei trieft.

Lauerndes Kollektiv

Die Berner Produktion spitzt diese Konstellation entschieden zu. Die Dorfgesellschaft, sie erscheint als lauerndes Kollektiv kaputter Menschen, latent aggressiv, gefangen in Normen, allzeit bereit, sich zur erdrückenden Meute zu ballen. Und was da für Energien freigesetzt werden – musikalisch wie szenisch –, man nimmt es staunend zur Kenntnis. Endlich wieder eine Berner Opernproduktion, bei der (fast) alles stimmt: das Timing, die Regie, der musikalische Zugriff.

Grossartiges Setting

Gut, baut Bern wieder mal sein Stuckstadttheater um. Sonst wäre man vielleicht nicht auf die Idee gekommen, Brittens wichtigste Oper (1945) in der unheiligen Halle der Reitschule aufzuführen, inmitten schönster Graffiti und Schmierereien. Das Setting ist grossartig. Aber man muss auch etwas daraus machen. So wie Britten geistreich mit den Grenzen des Genres spielt, tut es auch die Regie. Ludger Engels nutzt den ganzen Raum, schafft eine Magie von Nähe und Distanz, eine Magie der Gleichzeitigkeit auch, die so nur hier möglich scheint.

Das Publikum sitzt an den Rändern der Szenerie und ist doch Teil des Geschehens. Vermeintliche Zuschauer entpuppen sich als Chorsänger oder Solisten, die inmitten des Publikums singen. Die Dorfstrasse führt mitten durch die Halle, ihr entlang sind in kluger Reduktion die Häuser angedeutet. Wie ein Filmset wirkt die Szenerie. Und filmisch wirken auch die Wechsel zwischen den Schauplätzen, die der Inszenierung eine dichte Dynamik verleihen.

Orchestrale Seelenstürme

Und wer hält alles zusammen? Kevin John Edusei, der wundersam multiplizierte Dirigent, den man in Bern gerne als Chefdirigenten der Oper sehen würde. Am Ende der Halle steht er vor dem Berner Symphonieorchester, und ein Dutzend Bildschirme geben wieder, was er tut. Ein Wunder, dass die Koordination (meistens) klappt. Ein Wunder auch, was die Musiker aus dem Werk herausholen, schillernd zwischen Oper, Operette, Sinfonik, Volkslied, Variété und Musical, durchsetzt mit schneidenden Dissonanzen.

Das BSO zeigt die Musik in ihrer vollen emotionalen Dramatik, ihrer archaisch-unheilvollen Kraft. Bohrend, kratzend, dröhnend wirkt da manches. Stürme sind immer auch Seelenstürme. Zugleich gelingt es, das Direkte, die Schlagkraft mit Durchhörbarkeit und Eleganz zu verbinden. Frühere Produktionen in der Grossen Halle krankten an der schwierigen Akustik. Da ist etwas gegangen. Die Balance bleibt gewahrt, der Chor (Leitung: Zsolt Czetner) und das exzellente Gesangsensemble erhalten genügend Gewicht, dank drahtlosen Mikrofonen. Dass einige trotzdem zu oft im Forte verharren, man kann es verschmerzen.

Fabienne Jost hat einen grossen Auftritt als gutherzig-verblendete Lehrerin Ellen Orford, die für ihren Peter das Beste will – und scheitert. Man leidet mit ihr. Und mit Grimes? Das fällt schon schwerer. Gesanglich lässt der schwedische Tenor Daniel Frank wenig Wünsche offen. Darstellerisch aber gleitet er immer wieder ins Stereotype ab. Grimes ist bei Frank ein armer Teufel, wenn auch kein britischer Woyzeck. Ein Aussenseiter, der sich im Buhlen um Anerkennung verrennt und seine Sprachlosigkeit im Jähzorn entlädt. «Wo ist mein Zuhause?», fragt er am Ende. «Tief im stillen Wasser.»

Weitere Vorstellungen: 11., 15., 18. und 22.Juni, Reitschule, konzerttheaterbern.ch. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 10.06.2014, 08:54 Uhr)

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