St. Gallen stellt zehn YB-Fans an den Internetpranger

Bern/St. GallenDie St. Galler Staatsanwaltschaft hat heute Bilder von zehn Berner Fussballfans öffentlich gemacht. Von den YB-Fans hat sich niemand bei der Polizei gemeldet.

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Die St. Galler Kantonspolizei sucht weiter nach zehn YB-Fans, die am 4. Mai 2013 beim Spiel FC St. Gallen - YB in der AFG Arena randaliert haben. Eine Woche hatten die angezeigten Personen Zeit, um sich zu melden. Am Montag um 10 Uhr ist diese Frist abgelaufen. Bei den St.Galler Behörden hat sich bis Sonntagabend um 18 Uhr keiner der gesuchten YB-Anhänger gemeldet, wie der Mediendienst der Kantonspolizei St. Gallen auf Anfrage mitteilt. Nun gehen die St.Galler einen Schritt weiter und fahnden öffentlich mit Videobildern im Internet nach den Bernern. Gezeigt werden Bilder mit verpixelten, also unkenntlich gemachten Gesichtern der Gesuchten. Falls sich daraufhin niemand meldet, werden die Bilder eine Woche später unverpixelt im Internet veröffentlicht.

Ausgehängte Türen, zerstörte Toiletten und beschädigte Lavabos – der Sachschaden, den die YB-Vandalen vor 15 Monaten im Gästesektor der AFG Arena angerichtet haben, beläuft sich auf rund 35'000 Franken. Ursprünglich wurden 38 Personen angezeigt, mittlerweile sind 28 von ihnen identifiziert. Den verbleibenden zehn Männern, die nun per Internetpranger gesucht werden, wirft die St.Galler Staatsanwaltschaft Landfriedensbruch, Sachbeschädigung, Gewalt und Drohung gegen Beamte sowie Verstoss gegen das Vermummungsverbot vor.

«Es war keine Bagatelle»

Zwar würden nicht alle Delikte auf jeden Einzelnen der zehn YB-Fans zutreffen, «aber in der Summe wiegen sie schwer genug, um eine öffentliche Fahndung zu rechtfertigen», sagt Natalie Häusler, Sprecherin der Staatsanwaltschaft St.Gallen. Besonders beim Delikt Gewalt und Drohung gegen Beamte handle es sich nicht nur um eine Bagatelle. «Dieses Delikt geht weiter als zum Beispiel eine Beschimpfung von Beamten. Es war ein gravierendes Gefährdungspotenzial vorhanden, der Einsatz erforderte viele Einsatzkräfte», sagt sie.

Im Jahr 2008 hat die Staatsanwaltschaft St.Gallen erstmals zum Internetpranger gegriffen, um Fussballfans zu identifizieren. Das aktuelle Vorgehen sei um einiges verhältnismässiger als jenes bis anhin, sagt Häusler. Zum ersten Mal gehe man nach einem Dreistufenkonzept vor. Zuerst komme der Aufruf, sich zu melden, danach würden die verpixelten Bilder veröffentlicht, und erst dann folgten die unverfälschten Bilder. Laut Häusler entspricht das Vorgehen der St.Galler den Empfehlungen der schweizerischen Staatsanwaltskonferenz.

«Jeden Fall genau anschauen»

Auch Marc Bors, Jurist und Professor an der Universität Freiburg, sieht das so. Das Verfahren sei rechtmässig, es fehle an keiner gesetzlichen Grundlage, sagt er. Theoretisch sei es so angelegt, dass es die Verhältnismässigkeit beachte. Aber: Man müsse das Ganze mit Blick auf jede einzelne konkrete Fahndungsmassnahme beachten. Das heisst: Die St.Galler Behörden müssen jeden einzelnen Fall anschauen und dabei die Verhältnismässigkeit im Auge behalten.

Es gelte das Prinzip der Unschuldsvermutung, sagt der Experte: «Hier bei dieser Fahndung wird aber möglicherweise nach Unschuldigen gesucht.» Wenn zum Beispiel jemand auf den Bildern sei, der selber keine Sachbeschädigung begangen habe, wäre das Veröffentlichen unverpixelter Bilder nicht verhältnismässig. Dies wäre beispielsweise bei Mitläufern der Fall, bei denen es ausser der Bilder keine Anhaltspunkte für Straftaten gebe. «Wenn deren Bilder ins Internet gestellt werden, wäre dies krass unverhältnismässig», sagt Bors.

Weitere Beweise prüfen

Theoretisch sei es denkbar, dass jeder einzelne YB-Fan jeweils alle Delikte erfülle. Aber das könnten die St. Galler zum heutigen Zeitpunkt der Fahndung noch gar nicht wissen. Darum sei es von den Behörden falsch, zu argumentieren, dass man die verschiedenen Tatbestände schon jetzt kumulieren könne. «Es ist zu hoffen, dass die Staatsanwaltschaft nebst diesen Videoaufnahmen noch über weitere Beweise verfügt», sagt der Experte. Allein die Bilder, die beweisen, dass bestimmte Personen am Ort des Deliktes gewesen seien, würden die Zwangsmassnahme noch nicht rechtfertigen: «Es müssen alle Beweise zusammen verglichen werden.»

Die Fotos der Gesuchten sind auf der Internetseite der St.Galler Staatsanwaltschaft aufgeschaltet. Dieses Vorgehen sei problematisch, sagt Bors. Die Behörden müssten so informieren, dass Unschuldige auch eine Chance hätten, rechtzeitig zu reagieren. Man dürfe nicht davon ausgehen, dass die Angeschuldigten diese Seite regelmässig besuchen würden. Die St. Galler müssten die Fahndung auf einem Kanal publizieren, der auch vom Kreis der Angeschuldigten wahrscheinlich gelesen werde: «Das ist ein Schwachpunkt des Verfahrens», sagt der Professor.

Dennoch: Die YB-Fans die sich heute auf dem Internetpranger wiedererkennen und um die Fahndung wussten, dürften sich nicht beklagen: «Wer unschuldig ist, hätte genug Zeit gehabt, sich zu melden», sagt er. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 11.08.2014, 10:27 Uhr)

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