Späterer Schulstart soll den Pendlerverkehr entlasten
Von Sandra Rutschi. Aktualisiert am 13.11.2010 8 Kommentare
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Späterer Schulstart, Bahnhofausbau, Gebühren: So will Regierungsrätin Barbara Egger Pendlerspitzen entschärfen. Bern will sein Verkehrsproblem von den Strassen auf die Schienen verlagern. Mit noch mehr Stau auf Autobahnen und in der Agglomeration wird der Leidensdruck auf die Pendler in den nächsten 20 Jahren erhöht. Doch die Alternative ist alles andere als paradiesisch: Schon heute zwängen sich Pendler morgens und abends in überfüllte Züge und Busse. Hohe Investitionen wären nötig, um die Infrastruktur im öffentlichen Verkehr auszubauen.
Regierungsrätin Barbara Egger bezweifelt, dass alle Ausbauten rechtzeitig und vollumfänglich finanzierbar sind, damit das Wachstum von 61,7 Prozent mehr ÖV-Pendlern bis 2030 bewältigt werden kann. Sie sucht auch nach anderen Ansätzen. «Es wäre sicher möglich, die Schulanfangszeiten zu ändern», schlägt sie im Interview vor. So könnte die Pendlerspitze zwischen 7 und 8 Uhr entschärft werden. Für Egger ist aber auch Mobility-Pricing, das Erheben von Gebühren auf stark befahrenen Strecken, ein Thema. Sie will nicht nur beim ÖV mehr Geld verlangen. Auf den Strassen in der Stadt und Agglomeration werde man über Roadpricing sprechen müssen.
Frau Egger, versetzen wir uns einmal ins Jahr 2030. Ich pendle zwischen Münsingen und der Berner Lorraine. Was raten Sie mir?
Barbara Egger: Ich rate Ihnen, mit dem ÖV anzureisen, also die S-Bahn zu nehmen. Wir werden sicher Doppelstockzüge auf dieser Strecke anbieten können. Ich rate Ihnen aber auch, nicht dann zu gehen, wenn alle gehen, nämlich zwischen 7 und halb 8.
Ich beginne aber um 8 Uhr mit der Arbeit.
Dann haben Sie keine Wahl. Sie müssen in Kauf nehmen, eingezwängt zwischen allen anderen stehen zu müssen. Wie dies leider bereits heute der Fall ist.
Die meisten Pendler haben keine Wahl.
Ich frage mich, ob es wirklich nötig ist, dass alle Schulen um 8 Uhr mit dem Unterricht beginnen. Man weiss doch, dass Jugendliche, die in die Berufsschule oder das Gymnasium gehen, morgens um 8 sowieso noch nicht fit sind, sondern erst ab 9 Uhr. Es gibt entsprechende Untersuchungen. Es wäre sicher möglich, die Schulanfangszeiten zu ändern.
Ein anderer Ansatz wäre, Billetts in Spitzenzeiten zu verteuern.
Auch das ist ein Ansatz, ja. Aber das bedingt die Möglichkeit, zu anderen Zeiten arbeiten zu können. Es nützt nichts, wenn Sie bestraft werden, weil Ihr Arbeitgeber sagt, dass Sie um 8 Uhr mit der Arbeit beginnen müssen.
Sie machen sich beim Autoverkehr stark für Roadpricing. Mobilitypricing kann man auch auf stark genutzten ÖV-Strecken machen.
Mobilitypricing ist ein Thema, auch die Preiserhöhung auf Bahnbilletts muss ein Thema sein. Ich wehre mich aber dagegen, nur beim ÖV mehr Geld zu verlangen und bei den Autos nicht. Es braucht Roadpricing. Der ÖV kostet noch immer mehr als der Automobilverkehr.
Das Regionale Gesamtverkehrs- und Siedlungskonzept (RGSK) setzt auf einen starken Ausbau der Infrastruktur, um das immense Wachstum der ÖV-Pendlerzahl zu bewältigen. Ist das realistisch?
Um die wirklich grossen Probleme zu beheben, braucht es grosse Infrastrukturausbauten. Die Kapazitätsgrenze ist erreicht, nicht nur im Aaretal, auch auf anderen Linien. Ich glaube aber nicht daran, dass wir alle Ausbauten im ÖV und im motorisierten Individualverkehr rechtzeitig und vollumfänglich finanzieren können. Bund und Kanton müssen sparen, die Steuern sollen reduziert werden, und andere Bedürfnisse sind auch noch da. Etwa die steigenden Gesundheitskosten.
Wie viel Geld müssten wir bis 2030 in die ÖV-Infrastruktur investieren?
Für den Idealfall mit dem dritten Gleis nach Münsingen, Entflechtung im Wylerfeld, einem ausgebauten RBS-Bahnhof, mit Tram Region Bern, Viertelstundentakt auf allen S-Bahnen und 7,5-Minuten-Takt auf dem RBS bräuchte es weit über eine Milliarde Franken.
Der TCS bezweifelt, dass ein Wachstum von über 60 Prozent durch den ÖV bewältigt werden kann. Was sagen Sie?
Wir gehen heute davon aus, dass es möglich ist.
Was geschieht, wenn dieser Idealfall nicht eintrifft?
Dann werden Mobilitypricing und teurere Billetts in Stosszeiten zum Thema.
Wofür würde das so gewonnene Geld eingesetzt?
Es ist für mich zwingend, dass dieses Geld zweckgebunden für Verkehrsinfrastrukturen verwendet wird.
Zum Beispiel für ein neues Tram durch die Lorraine?
Wir planen nun zuerst einmal das Tram Region Bern. Ich bin einem Lorraine-Tram gegenüber nicht abgeneigt. Wir verlängern schon das 9er-Tram zum Bahnhof Wankdorf. So steigen viele Pendler bereits dort auf das Tram um, was den Bahnhof Bern entlastet.
Es soll laut dem RGSK künftig noch mehr solche Umsteigebahnhöfe geben.
Diese Verknüpfungspunkte zwischen S-Bahn und Nahverkehrsnetz sind wichtig. Die Waldegg in Köniz-Liebefeld etwa ist ein solcher Punkt. Ich begrüsse auch sehr, dass die BLS den Bahnhof Weissenbühl nicht schliesst. Und Kleinwabern wäre ein idealer Umsteigepunkt für die Gürbetal-Pendler.
Wie werden solche Umsteigepunkte für Pendler attraktiv?
Der Fussweg zwischen den Verkehrsmitteln muss kurz, attraktiv und sicher sein. Zudem müssen Wartezeiten vermieden werden. Gute Beispiele sind die Bahnhöfe in Wankdorf und in Brünnen.
Der Teil des Verkehrs, der am meisten zunimmt, wird der Freizeitverkehr sein. Wie bringt man die Leute zum Umdenken?
Man kann die Leute nicht zum Umdenken zwingen. Ich glaube, man denkt erst dann um, wenn man am eigenen Leib die Nachteile spürt. Wer auf dem Weg ins Skigebiet zwei Stunden im Stau steht, wird vielleicht das nächste Mal den Zug nehmen und sehen, dass es eigentlich eine attraktive Alternative gibt.
(Berner Zeitung)
Erstellt: 13.11.2010, 11:33 Uhr
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